
Wenn man Kevin Morby nur von seiner Arbeit mit den Psych-Folkern Woods oder dem kurzlebigen Garagerock-Duo The Babies her kennt, könnte man schon in ein gewisses Erstaunen verfallen. Den mehr oder weniger diffusen Bandsound beider Gruppen hinter sich lassend, erschallen auf „Singing Saw“ feinsinnige Arrangements, die er im Alleingang erheblich deutlicher ausformuliert.
Bereits auf seinen ersten beiden Solowerken konnte man Morbys Liebe für den naturverbundenen Folkrock der 60er- und 70er-Jahre spüren. Auf „Singing Saw“, dem ersten Album seitdem er seiner bisherigen Hauptband Woods komplett den Rücken gekehrt hat, fügt er dem leichten Retro-Charme weiteres Beiwerk hinzu und setzt neben seiner sonoren Stimme vor allem auf eine breitere Instrumentenpalette, auf der die titelgebende singende Säge nur eines von vielen ist. Dazu schummeln sich deutlich mehr chorale Elemente zwischen die Arrangements, die im Hintergrund aufbrausend, in unmittelbarer Nachbarschaft des Musikers engelsgleich oder gar Motown-artig einher gehen.
„Singing Saw“ ist ein sehr gutes Zuhör-Album geworden. Das mag so ausgedrückt ein wenig seltsam klingen, doch eignen sich die kleinen Feinheiten in den einzelnen Songs vortrefflich dazu, sie mit Lust an der Neugier zu entdecken. Man begebe sich nur mal auf die Suche nach den vielen Pianostellen, die einen exponierten Platz auf dem Album einzunehmen scheinen: „Ferris Wheel“ erinnert hier an eine sprunghafte Sommernachtsphantasie, die sich auch auf den letzten Werken von Cass McCombs behauptet hätte oder das nicht nur namentlich an Dan Bejars letztes Meisterwerk „Poison Season“ erinnernde „Destroyer“(!). Beide schaukeln mit leichter Schlagseite durch frühe Abendstunden, letzteres gar mit schwülem Saxophon und fiebrigem Frauenchor im Abgang.
Morbys Stimme ist unumwunden das ungemein präsente Element auf „Singing Saw“. Ganz im Gegensatz zu früher schwebt sie förmlich über den Songs, leicht erhöht, ohne jedoch den Kontakt zu verlieren. Häufig fließen alle ihre Begleiter wie einzelne Flusswellen munter dem Ziel entgegen wie im frühlingsfrischen „Black Flowers“, dann wieder durchziehen dämmernde Töne die Stücke und erden den Musiker. Gerade zu Beginn eröffnet Morby „Singing Saw“ mit nachdenklichen Worten, aus denen er Geschichten formt, denen man durchaus auch melancholische oder traurige Wahrheiten entnimmt. So gemahnt er im bereits vorab veröffentlichten „I Have Been To The Mountain“ in schöner Murder-Ballad-Tradition an die mutmaßliche Polizeiwillkür im Fall Eric Garners und erinnert nicht nur dort mit mutiger Kunstfertigkeit an ähnlich geartete Traditionalisten wie Josh Ritter oder Sam Amidon.
Dass die singende Säge mit ihrem irisierenden Klang prägnant, aber nicht prägend für Morbys drittes Solowerk ist, ist großes Glück für „Singing Saw“, schnell hätte das Album mehr nach Panoptikum oder dunklem Kabarett geklungen. Morby hingegen findet die richtige Mischung aus instrumentaler Vielfalt und geschmeidigen Arrangements und paart diese mit einem ganz eigenen Gefühl für Stimmungen, die vor allem im Zusammenklang ihre Meister suchen.