
Im Guten wie im Schlechten: Den Alben des Synthrock-Quartetts aus Sydney kann man ihre Entstehung anhören. So war der 2014er Zweitling „The Brink„, wie die Band auch selbst zugibt, eine schwere Geburt, klang nach etlichem Rumgefeile zugleich überladen und in seiner melodisch-rhythmischen Genügsamkeit ohne Stoßrichtung arg hohl. Das spontan begonnene Nachfolgewerk „Synthia“ legt dagegen nahe, dass Impulsivität und ein gezieltes Verweigern von Erwartungshaltungen diese Band zu ihren besten Songs befähigt.
„Synthia“ beginnt und endet ambitioniert mit seinen beiden längsten, je siebenminütigen Songs. Beide bauen sich geduldig und mit viel Freiraum für ihre flimmernden Flächen auf, doch wo das elegische „Stamina“ ein stetig anschwellendes Coda ist, gleicht die Klangkurve des eröffnenden „Stand And Deliver“ einer Berg-Tal-Fahrt, die Mary Hayleys charakteristischen Stimmausbruch bis zum Ende in der Hinterhand behält. Auf andere Weise opulent ist das zeitweise von wenig mehr als der Rhythmussektion getragene „Pleasure Drive“: Gleich mehrere Hooks verbinden sich hier zwischen Hayleys titelgebendem Prä-Refrain und der seltsamen kleinen Fiepsmelodie, während nach dem letzten Refrain ein neues Synthmotiv den Song nochmal in eine neue, glückseeligere Finalsektion driften lässt.
So wie Hayley hier explizit von Lusterfahrungen singt, äußert sich auch anderswo ihr erneuerter Ansporn dazu, die Themen ihrer Texte deutlicher hervorzukehren. Das beinhaltet vor allem auch deren feministische Aspekte, nachdem Hayley auf einer monatelangen Weltbummelei vor allem in Europa mehrfach mit Männern ins Gespräch kam, deren Verständnis erschreckend naiv war. „Smile“ ist zunächst einladend, mit ruhigem Ton führt Hayley über warmem Gitarrenpluckern zunächst auf, womit sie einverstanden ist oder was sie zumindest erträgt („You can call me sexy/ call me sexy if you want to“, „You can whistle at me/ on the street where I am walking“), aber setzt in hochtöniger, geduldig mahnender Stimme das Ende ihres Einverständnisses dort, wo jemand zur persönlichen Objektifizierungsbefriedigung ihr Verhalten zu diktieren sucht: „If I’m minding my own/ Don’t tell me to smile/ If you don’t know me, brother/ […]When, for all you know/ I just buried my mother“.
Nein, allen gefallen soll das Album nicht. Das erreicht es in der australischen Musikkultur auch schon mit dem Titel, die jene Rückständigen provozieren oder gleich aussieben soll, die ein Saiteninstrument für ernster zu nehmend oder gar “authentischer” erachten als einen Synthesizer. So erhält Sam Lockwoods Gitarre zur Rockismus-Absage an vielen Stellen einen elektronisch flächigen Sound, während Keyboarderin Heather Shannon wie in „Unnatural“ die elaborierten Melodieläufe entwirft oder in „My Love Is My Disease“ über Nik Kalopers Breakbeat erst ein feines Zwischenspiel, dann breite Akkorde wie Neon-Flutlichter aufspielt. Prägend für die großen Melodien bleibt aber Hayley mit ihren Vocals, sie windet sich um oder hebt sich über die vergleichsweise beschränkt erscheinenden Instrumente und bildet so auch in „Come Alive“ einen bestechenden Kontrast zu den dunklen Schattierungen ihrer Mitspielenden.
Dass aus den beiden vorletzten Songs des Albums zwischenzeitlich die Luft raus zu sein scheint, ist im Finale wieder fast vergessen, zeugt aber auch von der Qualität der vorherigen Stücke. Ein weiteres Highlight darunter ist „A Message From my Mothers Passed“, ein mystischer Traumtanz, der The Jezabels selten nahe an reinen Shoegaze führt, aber dafür ist Hayleys Präsenz letztlich zu physisch. Desorientiert beginnend, wandelt sie ins Angesicht des Todes, driftet weiter, während feine Synth- und Gitarrenmotive die Szenerie um sie mitverändern. Es ist ein Genuss, einer Band zuzuhören, die so auf mehreren Ebenen Musik zu zeichnen vermag.