Website-Icon Leben mit Musik | AUFTOUREN.DE

Laura Gibson – Empire Builder

Laura Gibson hat schon über ihre ersten drei Alben bewiesen, dass es ihr immer wieder gelingt, Folksongs zu erschaffen, die das langsam abbrennende Lagerfeuer überdauern. Auf „Empire Builder“ verdichtet Sie ihre Gedanken und Melodien – nicht ohne Rückschau zu nehmen und Erinnerungen jeglicher Couleur einfließen zu lassen. Dadurch bekommen die Songs noch mehr Nachdruck, noch mehr Atmosphäre und darüber hinaus noch mehr Persönlichkeit.

Kaum etwas ist anspruchsvoller, als sich aus einem zwischenzeitlichen Nichts neu zu erfinden. Nachdem Gibson nach Umzug, Trennung und dem Verlust kostbarer privater Habseligkeiten durch eine Gasexplosion ihr inzwischen viertes Album in Angriff nahm, schien vieles anders zu werden. Das merkt man „Empire Builder“ in jeder Sekunde an, denn so erinnerungsfixiert und zwingend wandte sich die Sängerin in ihrer Musik noch nie sich selbst zu. „This is not an escape, but i don’t know how to hold someone without losing my grip“ heißt es im Titelsong, der sich leise ratternd wie ein Nachtzug langsam im Gedächtnis festsetzt und fast zu wohlig die vergangenen Episoden langsam verblassen lässt. Vermutlich ist es jener „Empire Builder“, ein Zug der über 3600 Kilometer Chicago und Portland beziehungsweise Seattle verbindet und in dem Gibson auch einige Zeit verbracht hat, der wie ein Leitmotiv über das Album wacht. Irgendwie verbindend und doch im stetigen Weg voran, weit weg von allem und doch irgendwann am Ziel ankommend.

Der Sound hat sich im Vergleich zum Vorgänger „La Grande“ deutlich verändert. Die von Peter Broderick kunstvoll inszenierten, das Dach des Himmels streichelnden Streicherbögen spenden vielen Songs wie dem sich sanft hebenden „Five And Thirty“ einen tröstlichen Überbau, doch lassen sie auch kleine Kunstfertigkeiten zu und machen so aus dem schlichten „The Search For Dark Lake“ ein funkelndes Folk-Noir-Kunstwerk. Gibson singt in weichen Schleifen und die übrigen Mitwirkenden, unter ihnen Dave Depper (Death Cab For Cutie), Dan Hunt (Neko Case) und Alela Diane, schieben ihr diese unwiderstehlichen weichen Harmonien unter, denen der leichte Country-Twang vor allem im hübschen „Two Kids“ nicht verloren gegangen ist. Doch darf es auch mal brausen und wehen, wie „Not Harmless“ beweist, selbst der schüchterne Folkvortrag mit der zarten Jungmädchenstimme der vorangegangen Alben schimmert vor allem beim kurzen „Louis“ durch. Immer wieder sorgen das frische Folkpicking und der feine Harmoniegesang für frühlingshafte Gefühle und setzen den ernsten Erinnerungen wie bei „Damn Sure“ ein kleines Kontrapünktchen entgegen.

Das Besondere an „Empire Builder“ und seinen Songs ist das scheinbar mühelose Erzeugen von Dichte und Nähe. Obwohl Gibson in poetischen Bildern singt und manchmal gar an die deutlich weniger nahbare Marissa Nadler erinnert, schafft es die geschmeidige und weiche Produktion von Scott Askew, Persönlichkeit zu erzeugen, die von gewaltiger Strahlkraft ist und nachdenklichen Nachhall erzeugt. Dabei scheint alles von gespielter Beiläufigkeit durchzogen und doch merkt man Gibson nicht nur die Wehmut an, die in der fabelhaften 50er-Jahre-Ballade „The Last One“ einen letzten Höhepunkt findet. Ein letztes Mal wiegen sich Gibson und ihre Band nahezu beseelt und enden „Empire Builder“ deutlich versöhnlicher, als es das energisch und fokussiert eröffnende „The Cause“ hatte weismachen wollen. Wie im Zug ändert sich der Blickwinkel eben doch nach der Abfahrt zuweilen erheblich. Genau diese Veränderung und Aufbruchstimmung lässt sich auf Gibsons Album grandios nachvollziehen.

Die mobile Version verlassen