
Über Joanna Newsom zu sprechen, ohne nicht mindestens einmal ihr Haus– und Hofinstrument Harfe oder ihre disneyfizierte Stimmfarbe erwähnt zu haben, das wird auch in den folgenden Sätzen zu „Divers“, dem nunmehr vierten Album der amerikanischen Songwriterin, schwierig. Doch birgt das in Titelanzahl und Spielzahl erstaunlich konventionelle Werk so viel mehr Erwähnenswertes, dass die reine Fixierung darauf müßig wäre.
Vieles auf „Divers“ klingt vertraut. Newsom erzählt, eingebunden in ausgefeilte Melodiearrangements, „Anecdotes“ – Geschichten und Begebenheiten, denen sie ein deutlich weiter ausformuliertes Instrumentarium anhand gibt als zuvor. Überwogen auf den ersten drei Alben jeweils sehr spezifische Gestaltungsvarianten, entpuppt sich dieses als bemerkenswert abwechslungsreich. Nicht nur dass einzelne Klanggruppen erheblich prominentere Stellen in den Songs besetzen, auch die Prägnanz vor allem der einzelnen Blas- und Tasteninstrumente wirkt so erhaben wie nie und bettet die immer noch präsente Harfe deutlicher ein als zuvor. Besonders auffällig wird das im Titelstück. Erinnert die Melodie zunächst an ein entschleunigtes „Walking In The Air“, entwickelt Newsom über Klavierkaskaden und Flötenpirouetten hinweg ein vielfältiges Diorama, das sich auch dem tragischen Held des Stücks am Meeresgrund bietet.
Nah an der Konvention war Newsom nie, schien ihr gemeinsam mit ihren bisherigen Produzenten, Arrangeuren und Mitmusikern das Zusammenwirken von Musik und Erzählung wichtiger. Doch zeigen sich auf „Divers“ zarte Blüten, die ein wenig nach klassischen Strophe-Refrain-Schemata schielen. Den traurigen und hoffnungsfernen Text von „You Will Not Take My Heart Alive“ etwa schickt sie durch ein aufreizend einfaches Melodiegerüst und endet jeden ihrer Verse in der vielfachen Wiederholung des Titels, um deren Gehalt nicht nur mit dem hier schneidenden Timbre Gehalt zu verleihen. Die schlichte Instrumentierung übernimmt sie zunächst auch im darauf folgenden „A Pin-Light Bent“, doch sorgen die herrlich aufgefächerten Harfenakkorde für einen Hauch Nostalgie und scheinen den einen oder anderen Bezug zum immer noch fabel- und vor allem sagenhaften „Ys“ herzustellen.
Doch was ist, wenn wir „Divers“ mal absichtlich „anders“ verstehen? Unterscheiden sich nicht vor allem am Anfang die mit historischen und literarischen Andeutungen gespickten Stücke deutlich von den zarten Klängen des Dreifachalbums „Have One On Me“ oder den bisweilen kindlichen Spielereien auf „The Milk-Eyed Mender“? Das weiträumige „Sapokanikan“ etwa, dessen instrumentelle und lyrische Ausgestaltung beinahe progressive Züge annimmt und sich bei jeder bietenden Gelegenheit neu erfindet. Newsom nimmt uns hier bei der Hand, führt durch die Stätten ihrer Phantasie und verharrt doch schlussendlich im realen Leben. Immer wieder führt sie dabei Vergängliches und Wiederkehrendes ins Feld, schafft Motive, die von der ägyptischen Antike bis zu den amerikanischen Ureinwohnern reichen und während sie darüber philosophiert, ertönen lautmalerisch Kriegstrommeln und Versöhnungspianos.
Wortreich, ja beinahe essayistisch nähert sich Newsom universellen Themen von unterschiedlichen Seiten und kleidet diese in ein ungewohnt farbenprächtiges und trotzdem gewohnt archaisches Klangbild ein. Mit beinahe weihnachtlichem Glanz eröffnet sie das wunderschöne „Leaving The City“, das sich im weiteren Verlauf energischer gibt, als man es der Musikerin jemals zugetraut hätte. Und auch das folgende „Goose Eggs“, das die Vielgestaltigkeit auf „Divers“ auf die Spitze zu treiben scheint, schöpft seine Kraft genau daraus, wandelbar und trotzdem kontexttreu zu sein.
Joanna Newsom hat es mit „Divers“ geschafft, ihrem musikalischen Kosmos durch Reduktion und Konzentration neue Facetten hinzu zufügen, bleibt sich aber im Grunde trotzdem treu. Dadurch, das „Divers“ weder drei verschiedene Platten, noch fünf (über)-lange Songs braucht, fügt sich hier alles so zusammen, als habe es bereits immer so zusammengehört. Genau das macht es zu ihrem bislang zugänglichsten, rundesten und vielleicht sogar ihrem besten Album.