Website-Icon Leben mit Musik | AUFTOUREN.DE

Deaf Wish – Pain

Deaf Wish schienen von allen Bands der Melbourner Szene so ziemlich die unwahrscheinlichsten KandidatInnen für einen Plattenvertrag mit Sub Pop. Zwar waren sie langfristig gesehen eine der beständigeren Gruppen, doch waren das Quartett über die Jahre immer wieder neu über den Globus verstreut und schien nur durch schieren Willen gelegentlich mal für ein Album oder eine Tour zusammenzuhalten. Ähnlich zerrissen könnte „Pain“ sein und ist es auch, innerlich wie äußerlich – doch haben Deaf Wish eine Kunst daraus gemacht, langfristig unhaltbare Spannungszustände zu kanalisieren.

Das beginnt bei der wandelbaren Banddynamik. Alle vier Mitglieder schreiben Songs und singen im Wechsel, wobei am prägendsten unter allen Stimmorganen sicherlich das von Gitarrist Jensen Tjhung ist. In seiner Nöligkeit erinnert es nämlich nur noch umso mehr an Thurston Moore, als auch Deaf Wish sich in „Sunset’s Fool“ oder „On“ an deren traumhafte Verbogenheit klanglich annähern. Dann aber bolzt mit „Newness Again“ ein 72-Sekunden-Thrasher ins Geschehen und kratzt und beißt mehr wie Black Flag, „Eyes Closed” oder das Titelstück wallen sich in knarzig-melodischem Noiserock, bevor „Sex Witch“ sein Klangvolumen gefühlt zu 90% nur mit Schlagzeug und Sarah Hardimans mehr neben- als übereinandergeschichteter Stimme füllt und sich nur so gerade nicht in Luft zu verflüchtigen scheint.

Es ist eine der aufregendsten Arten der Kontrastierung: Deaf Wish offerieren unterschiedliche, für sich sich allein stehende Songperspektiven, die im Mit- und Gegeneinander an Facetten gewinnen und dem Gesamten mehr Nuancen zuweisen. Schließlich sind Deaf Wish nicht nur trotz der sporadischen gemeinsamen Zeit auch intuitiv zusammen furios, ohne lange Zeit im Studio verbringen zu müssen, sondern auch thematisch auf einer Wellenlänge. „Pain“ ist der Name des Albums und Katharsis das, was diese Songs induzieren wollen. Das kann ganz ohne Worte in „Dead Air“, wo die Gitarrenanschläge im Feedbackreigen gelegentlich wie Kirchenglocken zu erschellen scheinen, nicht minder wehmütig geschehen als im exakt fünfminütigen Finale „Calypso“, das die Schultern beim Zuhören mit jedem Takt um einen Millimeter einsacken lässt.

Entgegen ihrer Gewohnheiten fanden sich Death Wish für ihr erstes Album seit dem 2010er „Mercy“ langfristig einmal am selben Ort wohnhaft. Die raue Konzertkultur ihrer Heimat Melbourne, in der sie vor gut einem Jahrzehnt begannen, fanden sie zuletzt bei Konzerten als deutlich besänftigt vor. Deaf Wish wird man jedoch so bald nicht mit dem Strich bürsten können: Sie bleiben widerhakend, voller widriger Knoten. Gemeinsam sind sie kaputter.

Die mobile Version verlassen