
Aus dem Nordwesten der USA in den hohen Norden Europas: Durch einen Zufall bekam die 25-jährige Musikerin Briana Marela aus Seattle die Möglichkeit, ihr zweites Album „All Around Us” fernab ihrer Heimat auf Island aufzunehmen. Während ihrer ersten Tour 2012 wurde ein Freund des Sigur-Rós- und Jónsi-Mitstreiters und -Produzenten Alex Somers auf Marela aufmerksam – er spielte Somers daraufhin ihre Musik vor und dieser war so begeistert, dass er sie prompt zu sich nach Reykjavík einlud. Eine fixe Idee, die aber durch Crowdfunding in Erfüllung gehen sollte.
Benannt nach einem Kinderbilderbuch, erweckt „All Around Us“ nur zu sehr den Eindruck eines Albums einer kindlichen, zarten und feinfühligen Musikerin, die es liebt, ihre klare Stimme spielerisch zu verwenden. Dabei versieht sie diese mit einer guten Portion Hall und beschwört durch Loops und Samples mehrschichtige, sirenenartige Klangkonstruktionen herauf („Follow It“). Zwischen leichte, poppige Melodien, sphärische Unbeschwertheit und unaufgeregte Tempi reihen sich Lyrics, die dem Ganzen noch das i-Tüpfelchen an einem Nicht-erwachsen-werden-Wollen aufsetzen. Die simple Beschreibung von intimen, oft pessimistischen, aber auch etwas naiven Gefühlen erscheint hierbei das Herausstechendste, das Greifbarste der Musikerin zu sein: „When I’m feeling helpless, you’ll understand/ Like no one else would ever care/… You take care of me like I’m someone that matters” („Take Care Of Me”) oder „I can’t face the darkness without you/… But don’t come back to my bed tonight, I just need a friend tonight” („Friend Tonight”). Allerdings ergibt sich eine große Ambivalenz zwischen der eher braven Musik und den tristen Lyrics, so dass man als Zuhörer etwas ratlos ist, was denn nun eigentlich genau los ist. Die Tragweite der Texte kann durch den Sound nicht wirklich unterstützt werden und man verliert sich leider vielmehr in den wuseligen Klangsphären, als der Sängerin richtig zuzuhören.
Nach einem eher mäßigen Start des Albums, wird es aber zur Mitte hin spannender und harmonischer. „Dani“ ist für Marelas Verhältnissen eine Ballade, die instrumentell zurückgenommen, ruhig und traurig von immer noch währenden Gefühlen nach einer Trennung und der einhergehenden Einsamkeit handelt. Streicher, Flageoletttöne, leicht angeschlagenes Klavier und Marelas von Hall und Dopplung umschmeichelte Stimme fügen sich in eine wunderschöne Harmonie. Hier entsteht das erste Mal eine Atmosphäre, die unter die Haut und ins Herz geht. Auch die erste Singleauskopplung „Surrender“ steht dem vorherigen Track in Nichts nach – ein perkussiver, weniger sphärischer Song, der neue Kraft in das Album bringt. Auch hier erwecken Text und Musik in einer besseren und vor allem freundlicheren Weise ein angenehmes Gebilde. Da wirken beispielsweise die Zeilen „Held him close/ He kept me closer/ A tender spark began to fill/ the room with light/ And we were happy for the day” gar nicht mal so kitschig.
Gerne kann man Marelas Texte als Blaupause ihres Lebens und ihrer persönlichen Gefühle ablesen. Aber genauso bemerkenswert ist es, dass sie durch ihre Soundästhetik und ihre direkten Worte auch persönlich anspricht und berührt. Gerade die wenigen Glanzstunden des Albums machen es möglich, sich an die eigenen kleinen Geschichten zu erinnern und Marela wohlwollend zuzustimmen. Doch nach knapp 43 Minuten purer Emotionen, voller Liebe, Hoffnung und Traurigkeit zwischen Vergangenheit und Zukunft, reicht es dann auch erst mal wieder – denn zu viel davon schlägt sich auch auf das eigene Gemüt nieder.