
Auf der Suche nach dem Sommerhit stellen sich Trembling Bells mit Sicherheit ganz hinten an. Ihr vielschichtiger Folkrock hat sich nach ihrer letzten Zusammenarbeit noch deutlicher psychedelisiert und mit orientalischen und altertümlichen Melodiearabesken in ein leidlich sperriges Gesamtkunstwerk verwandelt. Lavinia Blackwells Stimme hingegen strahlt unverrückbar darüber hinweg und hält mit ihrem wagemutigen Timbre den Einflussreigen zusammen.
Nicht selten ertappt man sich in den acht Stücken auf „The Sovereign Self“ dabei, an die weitverzweigten Kompositionen der Incredible String Band zu denken. Hat ein Song wie das heroische „O, Where Is Saint George?“ erst einmal einen roten Faden entwickelt, zerfasert dieser in instrumentale Vielfalt. Taucht ein harmoniegetriebener Choral das Stück zunächst noch in einen majestätischen Schimmer, sorgen schwingende Gitarrensaiten schon bald für Unruhe, doch auf irgendeine perfide Weise halten Musiker und Sänger die Komposition doch zusammen. Nicht anders ergeht es dem schon länger veröffentlichten „Killing Time in London Fields“, das zunächst wie ein Hasardeur mit deutlichem Anzug in Tempo und Lautstärke durch progressive Folkgitarrenwände prescht und die Farfisa-Orgel zum Glühen bringt. Doch dann laden liebliche Flöten und Mädchenstimmen zum Innehalten ein und nehmen alle vorherige Geschwindigkeit wieder heraus.
Trembling Bells nennen unterschiedlichste Einflussgeber für ihr fünftes Album. Sie reichen vom britischen Drehbuchautor Dennis Potter, der auch Urheber des Albumtitels ist, über Sophokles bis hin zu den farbenprächtigen Bildern El Grecos. Führt man sich dazu die einzelnen Songtitel vor Augen, kommen historische und literarische Begebenheiten hinzu und „The Sovereign Self“ wird zu einem Flickenteppich, der am Überfluss zu ersticken droht. Doch hat man sich erst einmal in den durchscheinenden Melodien und Textfragmenten festgebissen, fällt ein Loslassen schwer. Zu sehr verlangt man danach, den Ursprung der Tonfolge am Ende der sehr an traditionelles schottisches Liedgut erinnernden „Sweet Death Polka“ zu ermitteln, zu schnell verliert man sich in den aufeinander zumäandernden Gitarrenschleifen von „Bells Of Buford“.
Noch deutlicher wird die Mannigfaltigkeit des Albums beim Blick auf das Cover: Blackwell hat dafür in ihren Augen wichtige Köpfe gezeichnet und tatsächlich reicht die Bandbreite von Ovid bis hin zu Emily Dickinson. Auch hier verliert sich somit der rote Faden des Albums in der Eigeninterpretation. Scheint das übergeordnete Erscheinungsbild auf ein Konzept zu schließen, verbinden sich die losen Enden nicht immer zu einem einheitlichen Konstrukt. Scheinen die eher konventionell ausgerichteten Folksongs dabei zunächst den epischen Rockstücken unterlegen, bedarf es genau dieser kurzen schlichten Verschnaufpausen, um den nächsten halsbrecherischen Gitarrenritt, den nächsten Geschwindigkeitsbruch und das nächste chorale Aufbegehren zu verdauen.
„The Sovereign Self“ geht große Wagnisse ein und hätte aufgrund seiner weit ausgedehnten Quellenlage auch schnell zur Tragödie werden können. Trembling Bells schöpfen allerdings mit allen verfügbaren Gliedmaßen aus den Vollen und bringen ihr Album mit ein wenig Anstrengung selten vom Weg ab – Anstrengung, die man dem Werk nicht anhört, aber die man selbst aufbringen muss, um nicht eine der spannenden Kleinigkeiten am Wegesrand zu verpassen.