
Folkmusiker sind oft Sänger oder Songwriter, die ihre Gedanken und Weltanschauungen auf musikalische Weise publizieren möchten. Meistens behandeln sie dabei universelle Themen wie Liebe, Tod und Sehnsucht. Andere nehmen sich politische und gesellschaftliche Szenarien vor, die sie gerne in allegorischen Bildern schildern oder zumindest in historische, mythische oder naturalistische Rahmen zwingen. Samantha Crain sucht eher im Hier und Jetzt nach ihren Themen, ohne jedoch weniger Aussagekraft zu besitzen.
Auf „Under Branch & Thorn & Tree“ versammeln sich zehn Songs, die wie kurze, aber dennoch sehr nachdrückliche Begebenheiten erscheinen. Eindringlich ist das Album dabei in seiner Unmittelbarkeit, die Crain durch den Nachdruck in ihrer Stimme und die starke Konzentration auf Rhythmik und Zusammenklang erzielt. Doch vor allem sind es die Texte, die Crain zu Melodien formt und ihnen durch ihr sanft reibendes Timbre, feine Akzente und Synkopierungen unweigerlich Freiraum verschafft.
Sie stellt dabei Fragen, die so einfach aus dem Leben gegriffen scheinen, dass es fasst schmerzt. Wie zum Beispiel bei „You Or Mystery“, wo sie sich selbst vor die Wahl stellt, ob sie den kürzlich jung verstorbenen Nachbarn vermisst oder eher das ihn umwehende Geheimnis, da sie doch eigentlich gar nichts über ihn wusste. Dann wiederum eröffnet sie im seltsam schaukelnden „Killer“ Skepsis und Zorn über verstörende Zukunftsperspektiven oder bangt über das Verlassenwerden in „If I Had A Dollar“ in gegenständlichen Bildern, die wie ein Film vor dem inneren Auge abzulaufen scheinen.
Doch auch die instrumentale Ausgestaltung unterstützt die unterschwellig episodenhafte Anmutung von „Under Branch & Thorn & Tree“. Finden sich immer wieder folktypische Arrangements in Stücken wie dem sehr ausformulierten „Elk City“, das filigranes Fingerpicking mit aufmunternden Streicherfiguren untermalt und so zu einem fließenden Gesamtkunstwerk wird, bricht Crain aber auch mit allzu konventionellem Songwriting. So darf „Killer“ einige elektronische Kinkerlitzchen aufweisen, auch die erste Single „Outside The Pale“ schleicht sich mit seinem Pizzicato-Hintergrund eher in Richtung des letzten PJ-Harvey-Meisterwerks. Doch immer dann, wenn sich Crain gemeinsam mit ihrem Produzenten John Vanderslice neue Facetten gesucht hat, kommt sie gleich danach zurück auf das Wesentliche. Dürfen „Outside The Pale“ oder das nahezu beschwingt wirkende „Big Rock“ aus dem Vollen schöpfen, was Instrumentarium und Tempo angeht, gehen Tempo und Dynamik in den folgenden Songs gleich wieder zurück, um der Vielfalt an Erzählweise und Intensität Gehalt zu verleihen.
Samantha Crain lässt auf „Under Branch & Thorn & Tree“ ihre Stimme zu einem Sprachrohr werden, ohne dabei den Zeigefinger zu heben. Vielmehr erzählt sie ihre Geschichten so, als ob sie sie selbst erlebt oder zumindest miterlebt habe und schlüpft dabei in unterschiedliche Rollen, vernachlässigt aber nicht ihren eigenen Charakter. Dass sie uns daran teilhaben lässt ist ein Gewinn für alle, da aus dem alltäglichen Erleben mit Sicherheit wieder neue Geschichten für die nächsten Episoden entstehen.