
Manchmal verliert man Bands aus den Augen. Da kamen My Morning Jacket 2006 mit dem hinreißenden „Z“ um die Ecke, auf dem sich ein Hit an den anderen reiht und dann schafften sie es auf den folgenden Alben nur noch bedingt, solch aufmerksamkeitsheischende Perlen wie „Off The Record“ oder „Gideon“ zu produzieren. Das hat mit „The Waterfall“ nun ein Ende.
Denn schon zu Beginn stecken die Mannen um Jim James ihren Claim sorgfältig ab. Wirkten „Evil Urges“ und nicht zuletzt auch „Circuital“ vor allem als solide, immer zwischen Gospel und Psychedelia hin und her schwappende Übergangswerke, greift auf „The Waterfall“ bereits „Believe (Nobody Knows)“ nach den Sternen. Geleitet durch die ausdrucksstarke Stimme James‘ führt es gefühlt ganze Heerscharen an Chorstimmen ins Feld, um seine Harmoniesucht zu befriedigen. Gepaart mit sehr hingebungsvollen Melodien und in einen großen und weiten instrumentalen Rahmen hineinversetzt, entstehen so Hymnen von pastoraler Erhabenheit, die der Macht des fallenden Wassers auf dem Albumcover in Nichts nachstehen.
Daran schließt auch „In Its Infancy (The Waterfall)“ an. Als Beinahe-Titelsong präsentiert er sich mit allem, was My Morning Jacket sich in nunmehr fast 20 Jahren Bandgeschichte auf die Fahnen geschrieben haben: folkinfizierte Flackerlicht-Symphonien, die gerne in harmonische Vielfalt ausarten und vor dynamischen Rockausflügen – und wie hier auch nicht vor einer knackigen Bassfigur – Halt machen. Ganz im Gegensatz dazu steht das fabelhafte „Get The Point“, das komplett ohne Ausflüge an die Genregrenzen auskommt und sich eindeutig an Bobby Goldsboros traurigem „Honey“ bedient hat.
Trotz allen Abwechslungsreichtums ist „The Waterfall“ ein in sich sehr geschlossenes Album. Die einzelnen Ausbrüche in den jeweiligen Songs sind prägnant, zeigen auch die umfangreiche Bandbreite der Band auf, lassen aber dennoch keinen Zweifel aufkommen, dass man sich im Großen und Ganzen an einem innigen und angenehmen Wohlklang versucht; in „Spring (Among The Living)“ zum Beispiel, wenn nach der angejazzten Improvisation im Mittelteil doch wieder Ruhe einkehrt, oder wo die Gitarre in „Thin Line“ zeitweilig in Konkurrenz zu James‘ Stimme tritt und fast schon imitatorische Züge annimmt.
Immer dann, wenn My Morning Jacket so ein wenig ihre eingeschlagenen Pfade verlassen, wird allerdings auch klar, welch ein Spektrum die Band aus Kentucky überhaupt abdeckt. So entpuppt sich das mit Dan Wilson (ehemals Semisonic) geschriebene „Big Decision“ als lupenreiner AOR-Hit mit heroischem Refrain und perlender Gitarre, während zum Schluss „Only Memories Remain“ und „Tropics (Erase Traces)“ ein Wechselbad der Gefühle liefern, indem sie James‘ Falsett zunächst den langen ruhigen Fluss von CSN&Y hinunter segeln lassen, um es dann nach endlos langer Abfahrt sanft in den beginnenden Abend unter den bestirnten Himmel fahren zu lassen und die vorangegangenen Spuren mit eleganter Schwermut und einer überraschenden Gitarrenfigur zu verwischen.