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Madonna – Rebel Heart

Madonnas dreizehntes Album scheint relativ leicht abgefrühstückt. Beim ersten Hören schon bildet sich ein Eindruck, der auch im Großteil aller kritischen Rezensionen durchkommt – zumindest jenen, die sich mehr mit der Musik als Leaks und Bühnenstürzen beschäftigen: Unter den bedächtigeren Highlights finden sich ihre besten Songs seit Langem, sie teilen sich den Raum jedoch mit missratener Provokation und aggressiver Selbstbehauptung, die längst nicht so gelungen landen. Doch kann man darüber hinaus auch – zumindest teilweise bei der Musik bleibend – die Frage stellen: Was genau ist „Rebel Heart“?

Denn wenn man über ein modernes Pop-Superstar-Album reden will, so ist dieses selten mit einer einzigen Anzahl von Songs in einer bestimmten Reihenfolge abgesteckt. „Rebel Heart“ existiert schon auf CD, immer noch einem der wichtigsten Verkaufsformate, hierzulande in mindestens drei verschiedenen Versionen: einer Standardfassung mit 14 Songs, einer „Deluxe“-Fassung mit 19 Songs und einer „Super Deluxe“-Fassung mit nochmal 6 weiteren Bonusstücken. Naiv könnte man nun annehmen, die Standardfassung sei eben der Standard, den so ziemlich alle hören, auf den sich alle als das einigen können, worüber man redet, wenn man über „Rebel Heart“ redet. Doch zu jedem Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes spielte die Standardfassung in den Verkaufscharts diverser Online-Shops nur eine Nebenrolle, selbst gegenüber der angeblich streng limitierten Super Deluxe.

Mehr noch, auf Streaming-Angeboten, über die mittlerweile auch ein Großteil aller Musikrezeption abläuft, ist die Standardversion nur versteckt oder gar nicht zu finden. Auch bei Download-Angeboten gibt die längere Fassung den Ton an, wo eindeutig das Deluxe-Artwork als repräsentatives verwendet wird. Das Titelstück ist das Deluxe-Finale und auf der Standardversion nicht zu finden. Spätestens ein rein digitales Format unterscheidet ohnehin nicht mehr zwischen regulären Stücken und Bonustracks, im Stream geht mit „Wash All Over Me“ zu „Best Night“ Track 14 in Track 15 über, ohne ein Indiz, dass hier ein reguläres Albumformat verlassen würde. Deluxe ist also in der Rezeption der Standard, nicht nur in diesem Fall.

Dass das moderne Majorlabel-Popalbum nur selten in einem knappen Dutzend Songs daherkommt, ist gewissermaßen aber noch die freundlichere Variante. Hier werden sofort Fanbedürfnisse nach jenen Songs befriedigt, die zwar mehr oder weniger vollendet waren, aus diversen Gründen jedoch nicht ins Album aufgenommen wurden. Die schröpferische Vorgehensweise ist dagegen, wenn eine solche Längere Auflage erst ein halbes oder ganzes Jahr später erscheint, die sich gerade jüngere Fans dann erneut zulegen sollen. Nicht selten hat die längere Albumfassung aber auch tatsächlich ihre Vorzüge. So waren zuletzt unter anderem bei Jessie Ware, Nicki Minaj oder Katy B gleich mehrere der besten Songs erst hinter dem regulären Album zu finden – und bei „Little Red“ obendrein in einem Tracklisting, das diese Version zu einem maßlos besseren Werk transformierte. Dass die Deluxefassung von „Rebel Heart“ nicht nur am weitesten verbreitet ist, sondern auch der zwiespältigen Kurzfassung überlegen, wäre also keine Überraschung. Insofern erscheint es schon geradezu unfair, wenn Rezensionen das Album nur in der Kurzfassung betrachten.

Nun wäre es aber auch eine überzogene Behauptung, dass „Rebel Heart“ mit 19 Songs plötzlich zum Meisterwerk avancierte. Die Stücke im letzten Viertel haben als Schwäche mit „Illuminati“ oder „Living For Love“ vom lausigen Albumanfang gemein, dass Madonna stimmlich nicht derart in ihnen aufgeht wie in den grandiosen „Joan Of Arc“ oder „Heartbreakcity“, sind aber im Sound inspirierter – oder zumindest zurückhaltender. Mit weniger platten Reimen wäre aus dem schön schmierigen „S.E.X.“ noch mehr rauszuholen gewesen, das Titelstück transzendiert abgestandenen AOR-Balladenpop mit einer der besseren Vocal-Darbietungen und „Veni Vidi Vici“ ist auch jenseits jeglicher Bescheidenheit dreist-selbstreferentielle Eigenbeweihräucherung mit Nas-Feature.
Noch deutlicher wird in dieser längeren Albumfassung, dass Madonna durchaus über Sex und Drogen singen kann, wenn sie es denn weniger bemüht als zu Albumanfang angeht – wie mit dem lässigen „Let’s go on a bender“ in „Body Shop“ oder in dem Schepperbeat-aufgerauten „Inside Out“ beispielsweise. Die extravagante Mischung aus Strenge und Überzogenheit, die oft wie in „Holy Water“ kollidiert und allein in „Bitch I’m Madonna“ gänzlich harmoniert (wenn auch bizarr), gerät über 19 Songs noch mehr in die Minderheit. Stärker scheint dafür durch, dass Madonna noch solides Songwriting in sich hat, wenn sie es nicht durch die verkrampfte Jagd nach dem Zeitgeist kompromittiert. Wo man mit dieser landen kann, zeigt das geradezu groteske „Auto-Tune Baby“, das zum Glück nur auf einer ganz speziellen Sonderedition des Albums enthalten ist, die man nun aber einmal tatsächlich getrost ignorieren kann.

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