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Tanya Tagaq – Animism

Es war vielleicht ein leiser, aber dennoch deutlicher Paukenschlag, als die hierzulande nahezu unbekannte Tanya Tagaq im vergangenen Jahr mit dem nun auch in Europa erscheinenden Album „Animism“ den Polaris Music Prize gewann und deutlich bekanntere Größen wie Owen Pallett, Drake und vor allem Arcade Fire hinter sich ließ. Doch hört man sich das vierte eigene Werk der kanadischen beziehungsweise Inuk-Sängerin an, entdeckt man in den elf Songs eine Notwendigkeit, der Welt einen Zerrspiegel vorzuhalten.

Sicher, der ungeübte Hörer mag mit den Songs, die vor allem von Kehlkopfgesang beherrscht werden, seine liebe Müh und Not haben. Auch die vorherrschenden Zusammenklänge haben durchaus einen experimentellen Weltmusikanstrich, doch nimmt Tagaq so viel Rücksicht wie nie zuvor. Man merkt „Animism“ eine Artverwandtheit mit den letzten naturalistischen und kosmologischen Klängen Björks an, deren „Medúlla“ Tagaq ja auch gemeinsam mit Mike Patton zu einer ähnlich kontroversen, aber dennoch einnehmenden Geduldsprobe werden ließ. „Animism“ entstand aber nicht nur mithilfe von Mund oder Kehle entstanden, vielmehr umrankt Tagaq ihren Gesang mit Streicher- und Horn-Arrangements von Jesse Zubot (der das Album auch produziert hat), fügt Naturklänge und Field Recordings ein, lässt den Jazzperkussionisten Jean Martin und DJ Martin Red ambiente Soundgemälde basteln und holt sich die belgische Opernsängerin Anna Pardo Canedo zur gesanglichen Unterstützung ins Boot.

„Animism“ ist eine wahrhaftige Tour de Force, in der Tagaq ein unerbittliches Zepter schwingt. Sie führt durch die eisigen Weiten ihrer kanadischen Heimat, die gerade beim gewaltig berstenden „Fight“ ihre gesamte Kraft verdeutlichen. Sie klagt, schreit und wütet gegen das vermaledeite „Fracking“ und macht die Hoffnung nach einem natürlichen und ökologischen Gleichgewicht bildhaft und nachvollziehbar, ohne viele Worte zu verlieren. Aber auch die Tierwelt spielt in Tagaqs Ökosystem eine gewichtige Rolle, so heißen Songs beispielsweise „Umingmak“ (Auerochse) oder „Caribou“ – Ersteres eine faszinierende lautmalerische Eigenkomposition, Letzteres ein in dieser Form kaum wiederzuerkennendes Pixies-Cover. Wolfsheulen durchzieht „Howl“ und die titelgebenden Raben in „Tulugak“ krächzen mit Saiten und Tagaqs Kehlkopf um die Wette.

Tagaq geht auf „Animism“ urtümliche Wege, sie schafft es, ein scheinbar archaisches Musikverständnis komplett neu einzukleiden, was sich vor allem am herausragenden „Uja“ ablesen lässt. Wie ein Uhrwerk schlägt ein Takt, dazu hallen dumpfe Echotrommeln, alles gerät in unruhige Bewegung, bis der gutturale Gesang einsetzt. Nicht mehr viel geschieht danach – und doch scheint in der ständigen Wiederholung eine immense Kraft zu wohnen, die Seele und Verstand gleichermaßen stimuliert und den Weg für den Rest des Albums freigibt.

Herausforderungen sind dazu da, um angenommen zu werden. „Animism“ fordert ganz schön, wer sich auf das Album einlässt, bekommt dessen Geist von allen Seiten eingehaucht, -geprügelt und -gesungen. Irgendwann beginnt dann ein Bild zu entstehen, das die Farben einer frischen, kristallenen, aber auch immer bedrohlichen Welt in sich trägt. Und Tanya Tagaq wacht wie die Erdmutter darüber.

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