Website-Icon Leben mit Musik | AUFTOUREN.DE

AUFTOUREN 2014 – Geheime Beute

Mit Musik ist es wie mit vielen guten Dingen: Es gibt nie genug und immer zuviel.

Wir können uns noch so bemühen, die nischigsten Niederungen des wöchentlichen Albumfüllhorns im Blick zu behalten, einiges flutscht immer durch – sowohl während des Jahres als auch am Ende. Daher möchten wir euch wie immer nicht nur unsere große Konsensliste präsentieren, sondern auch heute und morgen 30 großartige Werke aufzeigen, zu denen wir bislang noch nichts geschrieben hatten oder die wir gar komplett übersehen hatten. Von emotionalem Dance über ätherischen Pop bis zu röhrendem Noise-Rock – hier gibt’s etwas Unbekanntes zu entdecken, garantiert!


Mitski – Bury Me At Makeout Creek [Double Double Whammy]

Zart und sanft kann jeder: Zwar startet „Texas Reznikoff“, der erste Song von Mitskis vorzüglichem dritten Album „Bury Me At The Makeout Creek“, ungewohnt zurückhaltend, verwandelt sich aber in der zweiten Hälfte in ein krachendes, schepperndes Indie-Rock-Monster, das zuviel vom Lo-Fi-Topf genascht hat. Das erinnert hier und da an Angel Olsen, was jedoch keineswegs schlecht ist: Wie bei Olsen sind auch hier selbst die vergleichsweise ruhigeren Stücke, wie etwa „Francis Forever“ oder „I Will“, in ihrer gewaltigen Intensität kaum zu übersehen. „Drunk Walk Home“ sei Dank gibt es dann schließlich auch noch einen Platz auf dem Treppchen zur Kratzbürste des Jahres 2014: „Fuck you and your money/ I’m tired of your money.“ (Jennifer Depner)


Francis Harris – Minutes Of Sleep [Scissor & Thread]

Nirgendwo klang das Saxophon im Musikjahr 2014 trauriger als durch den Morast der Depression auf „Minutes Of Sleep“. Keine Spur von frivolem Glamour oder triefender Sinnlichkeit, auch die von geduldig komponierten Piano- und Streicherläufen getragenen Stücke drücken allumfassende Beengung und Niedergeschlagenheit aus, alles erscheint nur durch einen nebligen, krisseligen Dunstschleier. Dass meistens ein housiger Beat darum gezimmert ist, als Faden eines Lebenswillen mit einer minimalen Beschwingtheit versehen, ist Nebensache: Dies mag Musik sein, zu der man tanzen kann, doch man wird es wohl kaum wollen. Außer mit permanent gesenktem Blick und einem Taschentuch in Griffreichweite. (Uli Eulenbruch)


DeJ Loaf – Sell Sole [IBGM]

„Came up on my own, didn’t need nobody.“ Auch wenn die 23-jährige DeJ Loaf in der Hook zu „On My Own“ selbstbewusst ihre Autonomie zu Protokoll gibt, war es vor allem ein Instagram-Post von Drake, der ihr erstmals größere Aufmerksamkeit und nur einen Monat später sogar einen Plattenvertrag beim Majorlabel Columbia bescherte. Doch statt eines Debütalbums veröffentlichte die Rapperin – die auf der aktuellen Compilation „Shady XV“ von Eminems Label ihre Heimatstadt im Song „Detroit vs. Everybody“ vertreten darf – im Oktober mit „Sell Sole“ zunächst ein weiteres Mixtape. Auch wenn das eröffnende „Bird Call“ beweist, dass DeJ Loaf vier Minuten ohne Hook oder Refrain durchspitten kann, konzentriert sie sich auf den restlichen Songs auf die von Kollegen wie Drake oder iLoveMakkonen bekannte Mischung aus melodischem Singsang und Rap oder gibt wie in „Me U Hennessy“ und „Easy Love“ die R’n’B-Croonerin. (Daniel Welsch)


Download Mixtape | Free Mixtapes Powered by DatPiff.com

Jane Weaver – The Silver Globe [Finders Keepers]

Jane Weaver weiß, wie man hypnotisches Potential maximiert. Auch wenn „The Silver Globe“ in seinen bewegteren Stücken öfters an die stoische Repetition des Motorik-Beats oder stereolabbigen Post-Rock erinnert, sind Weavers Grooves im Detail vor allem beim Basslauf etwas verspielter und erzeugen ihre Tiefenwirkung im Wechselspiel mit dezent spac(erock)iger Gitarre und komplex verwobenen, evokativen Synthwolken und -strömen. Beatlos erinnert das vor allem in der Albummitte an Broadcast, anderswo an ein nicht so dröges Geoff-Barrow-Projekt, doch spätestens Weavers grenzätherischer Gesang führt ihre diversen britischen Einflüsse zu einer stimmigen Eigenwelt zusammen, die ihre Formen und Farben so scheinbar greifbar macht wie ein lebhafter Traum. (Uli Eulenbruch)


Fredrik Kinbom – Oil [Capstan]

Der Schwede Fredrik Kinbom beherrscht seine Lap-Steel-Gitarre aus dem Eff Eff und doch ist sein zweites Album „Oil“ zum Glück weder eine hawaiianische Odyssee, noch ein klassisches Country-Album geworden. Vielmehr entlockt Kinbom dem Instrument Momente, die Stehhaare und Gänsehaut verursachen. Dabei entsteht ein Sound, der Gedanken himmelwärts schicken kann. Kinboms Musik, allen voran das herausragende „Ought To“, das von einer undurchdringlichen Ruhe beherrscht zu sein scheint, rastet und ruht und sorgt für Entschleunigung und Kontemplation. Gerne verfangen sich zudem ein paar weiche Jazzrhythmen wie in „Come Down“ in den zumeist bläulich schimmernden Stücken. „Oil“ ist ein kleines, aber gerade in seiner Feinheit unglaublich spannendes Album, das einen unbemerkt von hinten anspringt. Und dann hat es einen. (Carl Ackfeld)


Delicate Features – The Passenger [Not Not Fun]

Jetzt da der kurze Hype um Lo-Fi-House verblasst ist und der Ableger 100% Silk bis auf das großartige Partyalbum von Magic Touch wenig Denkwürdiges herausbrachte, gab sich das Mutterschiff Not Not Fun selbst mit einem besonders gut verlesenen Jahr ein Geschenk zum zehnten Labeljubiläum. Neben den Late-Night-Beats von Afterhours und dem Chillout der Legendary Hearts und Eleventeen Estons beeindruckten dabei besonders Delicate Features mit ihrem atmosphärisch dichten „The Passenger“ jenseits tradierter Matsch-Psychedelik: Das Duo aus Sankt Petersburg breitet synthige Dreambeat-Visionen aus, die mal Radmila Nikogosians operesk kraftvolle Stimme rahmen, mal ganz instrumental ihren cineastischen Eigenlauf nehmen. (Uli Eulenbruch)


Chung Antique – Sweater Weather [20 Sided]

Nicht ganz zu Unrecht gilt Math-Rock gelegentlich als etwas zu verbissen und statisch – wenn überhaupt, denn in diesem Jahr ist er freilich fast komplett vom Radar verschwunden. Chung Antique stemmen sich gegen diesen Trend und bringen mit ihrem Debüt im wahrsten Sinne des Wortes wieder etwas frischen Wind ins Genre. Ihr Ansatz klingt aufgelockert, der Platz, den die Band für andere Richtungen freimacht, wird in schöner Regelmäßigkeit ausgenutzt. So ist der Einfluss der heimischen Westküste klar herauszuhören, wenn Chung Antique in bester Pavement-Manier die Konventionen über Bord werfen und sich frei von vorgefertigten Schemata austoben dürfen oder wie die Blood Brothers die verzerrten Gitarren zum Äußersten treiben. Und dazwischen wird schnell klar, dass „Sweater Weather“ auch als klassisches Genre-Album wunderbar funktioniert. (Felix Lammert-Siepmann)


Baby Ghosts – Maybe Ghosts [Drunken Sailor]

Nach Joanna Gruesome (2013), Evans The Death (2012) und Gold-Bears (die wohlgemerkt selbst zur Jahresmitte nahtlos an ihr 2011er Erstwerk anknüpften) kam diesmal das jubilante Thrash-Pop-Debüt des Jahres von Baby Ghosts. Die werfen sich auf „Maybe Ghosts“ lieber Hals über Kopf, lieber mit vollem stimmlichem und gitarrigem Enthusiasmus als auf perfekte Technik bedacht in eine mitreißende Melodie und korkiges Gegniedel nach der anderen. Lediglich in „Crash“ gerät die Atempause zwischen der Durchbretterei durchgängig ausbruchsfrei, ansonsten scheint es das Quartett aus Salt Lake City kaum aushalten zu können, das nächste Mal wieder loszurumpeln. Man braucht nicht erst die runtergeschraubten Demoversionen des „Ghost Walk“-Tapes, um das solide und durchaus auch schlechtgelaunte Songwriting-Fundament wahrzunehmen – ohne das würde diese Platte beim Hören nicht zu so einem mitreißenden Vergnügen. (Uli Eulenbruch)


Megafortress – Believer [Driftless]

Es ist kein weiter Weg von Perfume Genius zu Megafortress. Bill Gillims erstes Soloalbum atmet in einem ganz ähnlichen Rhythmus und fängt eine Stimmung ein, die deutlich an die Alben von Mike Hadreas erinnert. Doch Gillim ist fast noch eine Spur ätherischer. Mal setzt er seine Stimme in flüchtige Zusammenhänge, zerbricht Strukturen zu Klangscherben, versteigt sich in unendlich wirkende Langsamkeit. Dann wieder wird er atonal, erschafft ein stimmloses Kunstlied und verfängt sich in aufbauschenden Klavierkaskaden, denen fast immer zum Heulen zu mute ist. Instrumente wie Saxophon und Querflöte rauschen vorbei und lassen „Believer“ nie beliebig, aber auch nicht konstruiert wirken. Vielmehr nehmen sie den Puls von Beginn an auf und begeistern mit ihrer unbezwingbaren Lust an der Zerbrechlichkeit. Dadurch wird „Believer“ zu einem echten Suchtmittel, das sein Potential mit jedem Mal mehr ausschöpft. (Carl Ackfeld)


Mark Barrott – Sketches From An Island [International Feel]

Seinen Höhepunkt wie auch sein Ende schien das von Anfang über ein Verwirr-, Versteck- und Pseudonymitätsspiel selbstmythisierte Label International Feel 2012 mit der gleichnamigen Compilation erreicht zu haben, nach der erst einmal nichts Weiteres in Sicht schien. Doch nach seiner öffentlichen Selbstenthüllung und dem Umzug von Uruguay nach Ibiza trieb Chef-Fühler Mark Barrott das Leichtigkeits-Revival nochmal mühelos im Alleingang auf die Spitze: „Sketches From An Island“ ist eine grazile New-Age-Suite aus Balearic mit meditativer Zupfgitarre, weichem Disco-Boogie, Handperkussion in einem Meer aus Wellenrauschen und Vogelzwitschern und Synths, die zu bodenverhaftet im Tropenwald oder im Sonnenuntergang an der Küste schwelgen, um ins All abzuheben – Glückseligkeit währt hier am längsten. (Uli Eulenbruch)


Greg Ashley – Another Generation Of Slaves [Trouble In Mind]

Natürlich gibt es Singer/Songwriter wie Sand am Meer und sicherlich könnten wir die Geheime Beute ohne große Schwierigkeiten auch mit den dreißig geheimsten und besten ihrer Zunft füllen. Dass hier nun Greg Ashley gelandet ist, liegt an seinem hervorragenden vierten Album, das irgendwo zwischen knurrigem Psychoblues à la Lee Hazlewood, sonnigen Twee-Pop-Duetten und poetisch angejazztem Honkytonk-Americana hin und her pendelt. Die Texte sind persönlich und doch irgendwie universellen Themen gewidmet: „Sex Is still the easisest conversation, drinking is the only preparation“. Das ist nicht nett und scheint furchtbar zynisch, doch trotzdem so erfrischend lebensnah wie auf kaum einem anderen Songwriteralbum. Alle, denen das letzte Cohen-Werk ein wenig zu altersmilde geraten ist, dürfen hier bedenkenlos zugreifen. (Carl Ackfeld)


Black Bananas – Electric Brick Wall [Drag City]

Jennifer Herrema war noch nie ein Kind von Traurigkeit, doch „Electric Brick Wall“ dürfte eines ihrer buntesten Alben überhaupt geworden sein. Die offensive Produktion springt nicht nur direkt ins Gesicht, sondern kratzt einem direkt im Anschluss die Augen aus. Treibend und gespickt mit überwuchernden Synthies, die sich tatsächlich zu einer Mauer auswachsen, kommt das Album über weite Strecken extrem tanzbar daher, was dem Grundkorsett vieler Songs – Glam und AOR mit einem Schuss R’n‘B – wahlweise haarsträubend ungeordnet entgegensteht oder wundersam geschmeidig als Ergänzung dient. Am Ende entfalten beide Varianten ihre Wirkung und „Electric Brick Wall“ wird ein eindrucksvoll inhomogenes und glitzerndes Gesamtwerk. (Felix Lammert-Siepmann)


Mick Jenkins – The Water[s] [Cinematic Music Group / Free Nation]

Letztes Jahr veröffentlichten mit Chance The Rapper und Vic Mensa zwei junge MCs aus Chicago hervorragende Mixtapes, dieses Jahr führt Mick Jenkins diese Tradition fort. Wobei „The Water[s]“ – im Gegensatz zum überdrehten und quietschbunten „Acid Rap“ der beiden Kollegen – mit seinen jazzigen, häufig fast meditativen Songs eher unauffällig daherkommt. Im Vordergrund stehen stets Jenkins‘ Texte, die er mit tiefer, sonorer Stimme und ruhigem Flow vorträgt und die sich vordergründig alle um die namensgebende Flüssigkeit drehen. Tatsächlich nutzt Jenkins diese Wasser-Metaphorik aber, um über Themen wie Wahrheit, Wissen, Erkenntnis und essentielle Bedürfnisse zu sinnieren. Nur im finalen „Jerome“ verliert er einmal seine abgeklärte, fast stoische Gelassenheit und sorgt so zusammen mit einem streitlustigen Joey Bada$$ für einen überraschend aggressiven Abschluss des Mixtapes. (Daniel Welsch)


Download Mixtape | Free Mixtapes Powered by DatPiff.com

Silver Servants – Silver Servants [Second Language]

Silver Servants sind eine Art Supergroup, deren Mitglieder allerdings zumeist nur ausgewiesenen Psych-, Folk- und Post-Irgendwas-Kennern etwas sagen. Ihr Debütalbum, das in mehreren Sessions seit 2010 nahezu komplett improvisiert und auf Labeleinladung eingespielt wurde, könnte nun also aufgrund der vielfältigen Genrereferenzen ein ziemliches Kraut und Rüben geworden sein – doch weit gefehlt. Vor allem in ihrer Geschlossenheit und ihrem Einfallsreichtum lassen die Songs wenige Wünsche offen, verbindet doch schon allein das tolle „Jerusalem“ Sehnsuchtstrompete, Bossa Nova und Elfenstimme zu einem glitzernden Popmelodram. So ist „Silver Servants“ ein herrliches, zwischen grau und sepia oszillierendes barockes Folk-Panorama, das seinesgleichen sucht. (Carl Ackfeld)


Dark Times – Give [Sheep Chase]

Ich kann mir nur vorstellen, dass Dark Times ihre Drehregler für Lautstärke und Gain mit Klebeband und einem Merkzettel „Niemals von höchster Stufe runterstellen!!!“ arretiert haben. Grundsätzlich scheppert und röhrt es auf „Give“, aber hallo, mit angezogenem Tempo, doch wuchtet das Osloer Powertrio nicht vorrangig im Namen der Drei-Akkord-Aggression. In ihrem Noiserock überwiegt der Drang zur Melodie und Wehmut wie im resigniert gesungenen „Never Know“, „Feel It“ plädiert flehentlich, aber auch lauthalsiger „Don’t leave me now/ be here forever/ I want no one else but you“. Und falls einen das tatsächlich kalt lassen kann, wird man im Anschluss dann wieder von einer 75-sekündigen Riffwalze geplättet. (Uli Eulenbruch)


Sd Laika – That’s Harakiri [Tri Angle]

Bei Tri Angle Records wird häufig dekonstruiert. SD Laika beherrscht dieses Lust an der Fragmentisierung aktuell wie kaum ein anderer, er zerklüftet einzelne Sounds nicht nur, er zerfleischt sie, nagt ihnen sämtliche Fasern von den Knochen. Diese bersten wiederum wie Maschinengewehrsalven in tausend Stücke und in alle Richtungen. Es ist eine kleine höllische Nachtmusik, die der Produzent aus Milwaukee auf „It’s Harakiri“ veranstaltet, eine wahre Metall-Maschinen-Musik, die den Wohlklang mal für eine gute halbe Stunde über Bord geworfen hat. Sich darauf einzulassen fordert zwar ungemein, dennoch ist es faszinierend, zwischen den zerrissenen Grime-, Trap- und Noise-Einflüssen dieses eine verlorene Quäntchen Melodie, wie zum Beispiel das köstlich zerschossene Piano in „You Were Wrong“, zu finden. (Carl Ackfeld)


Joan Shelley – Electric Ursa [No Quarter]

Joan Shelleys Musik bricht nicht unbedingt mit ihren Countrywurzeln, ist ihnen aber auch nicht blind verhaftet. Wie der luftige Beach-House-Refrain von „First Of August“ erklingen auch Streicher und Harmonium bevorzugt in leichter Echo-Distanz, sogar Shelleys Stimme selbst ist nicht immer hervorstehend ganz nah ans Ohr abgemischt und taucht mal in andere Sphären hoch – ohne ganz die Bodenhaltung zu verlieren. Ebenso wirken die Ansätze und Perspektiven ihrer Songs traditionell, wenn sie damit beginnt, von einem jungen Mann zu erzählen, doch sagt sie lieber zuviel als zuwenig – oder auch mal gar nichts im durchzupften „Remedios“. Achtmal macht sie das über eine fesselnde halbe Stunde auf „Electric Ursa“ und wenn ihr irgendwo die richtigen Leute dabei zugehört haben, ist sie bald hoffentlich da, wo Angel Olsen und Shavon Van Etten jetzt sind. (Uli Eulenbruch)


Wireheads – The Late Great Wireheads [Format]

„The Late Great Wireheads“ ist nicht nur eine Anspielung an Townes van Zandt, sondern in erster Linie eine Zusammenstellung von Stücken aus den vergangenen Jahren, aus einer bestimmten Ära dieser Band um Dom Trimboli. Eines der wesentlichen Merkmale der Songs – und schon das dürfte selbst für eine Rockband aus Adelaide mindestens ungewöhnlich sein – ist neben der verruchten Stimme und Gitarre Trimbolis vor allem ein weiteres zentrales Musikinstrument auf diesem Album: die Violine! Wie das klingt? Nicht zuletzt für das Stühle umschmeißende  „Slippery“ müsste man ihnen dringend das Glas aus der Hand reißen, bevor klar wird, dass es in dieser Kaschemme keinen Winkel mehr gibt, in dem man sicher sein will. Einfach rein ins Getümmel.  (Pascal Weiß)


Especia – Gusto [Tsubasa]

Nachdem über die letzten Jahre die hippen Nischenproduktionen des Vaporwave oder auch unlängst PC Music die Weichheit, Buntheit und Imperfektionen japanischer Popmusik für ein neues Publikum als frisch präsentierten, scheint eine Spießumdrehung nur fair. So machen Especia auf ihrem Debüt tatsächlich charttauglichen Vaporwave-Pop, der sich visuell bei vorgefertigt-zusammengewürfelten Post-Internet-Ästhetiken bedient, auf musikalischer Ebene upgraden sie vor allem den japanischen City Pop der 80er, der wiederum ausgiebig von diversen Vaporwave-Produktionen umverpackt worden war. Aber diesen Zickzack der kulturellen Aneignung muss man zum Glück gar nicht erst zu durchblicken versuchen, um reichlich Gefallen an „Gusto“ zu finden: Deutlich über Karaoke-Niveau, doch mehr auf Lebhaftigkeit denn Perfektion ausgelegt sind die Vocals der umso glatter-geschmeidigeren Disco/Funk/Jazz/Soul-Hybride, die ohne Scheu vor professionell furiosen Saxophon-Soli und kantigen Synth-Extremitäten übersommerlich dahingrooven. Hauptsache, dass dabei auch die Melodien abwechselnd cool und uncool sind. (Uli Eulenbruch)


Klara Lewis – Ett [Editions Mego]

Willkommen in der Schemenwelt: Auf ihrem Debütalbum wie auch der nachfolgend industrielleren „Msuic“-EP zieht die Britin durch atemberaubend tiefe Echohöhlen, die auf den ersten Blick an Düstertechno von Andy Stott oder Blackest Ever Black erinnern können, aber wenig bis gar nicht auf Beat und Rhythmus bedacht sind – jedenfalls nicht rhythmische Anschläge. Hier dampft es, da trapst es, dort schabt und blubbert es unheilvoll metallisch – doch nicht der mögliche Beunruhigungseffekt steht der Musik der Britin voran. Hört man sie, erscheint es wider jedes besseren Wissens plausibel, dass man sich irgendwannn einmal tatsächlich an einem jener Orte befinden und sie auditiv derart wahrnehmen würde. Da passt es, dass die Licht/Schatten-Balance deutlich zur letzteren Seite überhängt – wo man wenig sieht, muss man sich eben auch am meisten auf andere Sinne verlassen. (Uli Eulenbruch)


Mannequin Pussy – Gypsy Pervert [Tiny Engines]

Gerade einmal 18 Minuten und 23 Sekunden brauchen Mannequin Pussy für die zehn Songs ihres Debütalbums „Gypsy Pervert“. Dennoch gelingt es dem Trio aus Philadelphia vor allem dank der charismatischen und wandlungsfähigen Frontfrau Marisa Dabice zwischen kratzbürstigen Punksongs („Sneaky“), einer noisigen, aber dennoch lieblichen Variante von 60s-Pop („My Baby (Axe Nice)“, „Clit Eastwood“), Shoegaze („Someone Like You“) und grungigem Alternative Rock („Pissdrinker“) scheinbar spielerisch leicht, hin und her zu springen – ohne dabei auch nur eine Sekunde beliebig zu klingen. Stil, Besetzung und vor allem natürlich der Name sorgen fast zwangsläufig für Vergleiche mit Perfect Pussy und deren Debütalbum „Say Yes To Love“, doch „Gypsy Pervert“ ist weniger experimentell und chaotisch, sondern trotz des Lärms unverschämt eingängig und fesselnd. (Daniel Welsch)


The Central Executives – A Walk In The Dark [Golf Channel]

Discomusik für Erwachsene die klingt, als hätten sich Moloko, diverse Hi-NRG- und Italo-Dance-Spezialisten in einen Houseclub verirrt – so ungefähr könnte man „A Walk In The Dark“ sicherlich beschreiben. Woher genau es kommt, war lange nur dem Label selbst bekannt, wohin es aber geht, ist sofort ziemlich offensichtlich: in die Beine. Egal ob zum geflüsterten „High Roads“, das sich ohrenschmeichelnd erst im Nachhinein als echter Zappelphilipp entpuppt, beim hervorragenden „Dance Dance Dance“, das sich die Vocals tatsächlich bei Róisín Murphy entliehen haben könnte oder beim undurchsichtigen „Waveform Reform“: The Central Executives fordern alle zum Tanzen auf und wissen, wie man eine saxophongeschwängerte Bläsersektion richtig einsetzt. (Carl Ackfeld)


18+ – Trust [Houndstooth]

Ein Hecheln, ein Stöhnen und die Worte voller Lustwollen. Alle Zeichen könnten auf Sex stehen und doch steht das Duo 18+ auf Distanz zu allzu offenkundigem Körperlichkeits-R’n’B. „Crow“ könnte da fast noch als besonders unterkühlter Mustard-Ripoff durchgehen, wären nicht die „Hey, hey, hey“-Shouts hier durch Vogelkrächzen substituiert. Besonders in der Mitte von „Trust“ scheinen die skelettierten Snare-Beats in den Leerraum einer fast ganz verlassenen Halle zu laufen, neblig weiche bis hysterisch metallene Synths schaffen es auf befremdliche Weise, dazu und zueinander nicht im Widerspruch zu stehen, sondern laden gemeinsam zur Desorientierung ein. Doch auch wenn Justin Swinburne und Samia Mirza ihre gerne mal affektiert ausdruckslosen Vocals noch weiter verfremden, beseitigt das nicht die grundlegende Stimmchemie der beiden, die sie so in gendergemischtem Wechselgesang dann doch wieder ganz traditionell – bis durch das Funkeln von „Nectar“ ein sägendes Knarzen zieht. (Uli Eulenbruch)


Couch Slut – My Life As A Woman [Handshake Inc.]

Doch, doch, das Cover passt durchaus, auch zur feministischen Haltung der New YorkerInnen. „My Life As A Woman“ schwitzt aus jeder Pore, ist dreckig, laut und fordernd bis hin zum Körperlichen. Couch Slut verstehen es, Sludge und Noise durch fulminante Geschwindigkeitswechsel zu vermengen und im Ergebnis nicht mehr greifbar zu machen. Flirrend und vor Dominanz strotzend, bewegt sich das Album rücksichtlos wie im Fieberwahn fort. Fassade oder Attitüde ist hier rein gar nichts, denn diese Grundfesten wurden mit dem schmerzhaften Eröffnungsstück „Little Girl Things“ schnellstmöglich zum Einsturz gebracht. In dem chaotischen Rahmen wirkt naturgemäß vieles improvisiert und unfertig. Es ist genau dieser rohe Charakter, der das Album mit Leben füllt. (Felix Lammert-Siepmann)


Kyoka – IS (Is Superpowered) [Raster-Noton]

Selten wirft ein Album so konkret die Frage auf: „Was will uns die Künstlerin damit sagen?“ Es liegt in diesem Fall daran, dass die Japanerin auf ihrem Debütalbum schreinbar englischsprachige Vocals in den Fokus ihres trockenen Glitch-Techno stellt, die sie mehr spricht als singt und damit umso mehr einer semantischen Wahrnehmung nahelegt. Kyoka sampelt Silben vor und zurück und rekombiniert sie zu gehaltvoll klingenden, doch inhaltlich letztlich bedeutungslosen Worten – ein Dada-Effekt, an den man sich erst gewöhnt und ihn irgendwann höchstens noch in „Lined Up“ wahrnimmt, wenn sich im Hintergrund ein Dancehall-Vokalist dazugesellt. In „Toy Planet“ und „Meander“ zeigt sich dagegen bestens, dass für Musik der passende Silbenklang im richtigen Rhythmus wichtiger ist als ihre Bedeutung – ein Hoch auf die Phonetik! (Uli Eulenbruch)


Nathan Bowles – Nansemond [Paradise Of Bachelors]

Dass Nathan Bowles mal zusammen mit dem viel zu früh verstorbenen Jack Rose musiziert hat, merkt man seinem zweiten Soloalbum in jeder Sekunde an. „Nansemond“ klingt wie ein längst überfälliges Vermächtnis und bewahrt sich trotzdem ein großes Maß an Eigenständigkeit. Im Vordergrund stehen verblichene Appalachian-Folk-Traditionals, die Bowles wie durch ein Schlüsselloch betrachtet. Seine Fingerfertigkeit am Banjo, gepaart mit der Sogwirkung der Melodien, kommt kontemporären Drones sehr nahe und nimmt den Hörer mit auf eine archaische Reise tief in die uramerikanische Seele. „Nansemond“ schafft es jedoch auch, die befremdliche, nahezu instrumentale Kulisse aufzubrechen und stellt zwei richtige „Songs“ ins Zentrum des Albums. Doch die wahre Strahlkraft erreicht es in den fließenden Banjspuren bei „Sleepy Lake Tire Swing“, die sich wie Nebelschleier über den Nansemond River erheben und so nicht nur dem Albumcover absolut gerecht werden. (Carl Ackfeld)


Horse Lords – Hidden Cities [NNA Tapes]

Es besticht bei jedem Hören aufs Neue, wenn Horse Lords nach ein paar relativ laxen Minuten im letzten Drittel von „Outer East“ die Schlinge langsam enger ziehen und nach abruptem Drumfill als wasserdicht kompakte Einheit abheben. Auf seinem zweiten Album demonstriert das Baltimorer Quartett in jenem Eröffnungsstück wie auch in „Macaw“ die Elastizität seiner gemeinsamen Spieldynamik über Saxophon-Hochdruck und krautig-jazzig-mathige Polyrhythmik, dazwischen dehnen kürzere Stücke mit Synthdrone und -arpeggiogewitter ihr Spielspektrum noch kühner. Jedes davon ist in sich geschlossen und will doch nicht hermetisch vom Rest getrennt sein, weil diese Band ihre Vorstellung von Instrumentalrock so ungemein flexibel hält.(Uli Eulenbruch)

Good Throb – Fuck Off [SuperFi]

Mit dreiviertelleerer Whiskyflasche in der einen Hand und ausgestrecktem Mittelfinger am Ende der anderen ätzen Good Throb auf ihrem Debüt britisch-bitterhumorig wie der noch bösere musikalische Treffpunkt von mclusky und Sleaford Mods. „Tear off your cock/ Pedigree chum /Feed it to the dog/ you imbecile scum“ erklingt es so im Feelbad-Finale „Dog Food Dick“, anderswo werden Good Throbs textliche Abgründe weniger von cartooniger Überzogenheit verhohlen als in nackter Grausamkeit häppchenweise präsentiert. Sogar noch spröder rödelt ihr Post-Punk mit aufdringlich gehämmerter Basssaite und durchaus melodischen, aber nicht minder barschen Gitarrenmelodien daher, dabei setzt sich immer wieder ein gewisser Spielhumor durch wie in „Crab Walk“, dessen launig eingeworfener Refrain über munterem Tom-Tom-Gewummer exemplarisch für die herrlich absurde Kontrastbalance dieser Band ist. (Uli Eulenbruch)


Julia Brown – An Abundance Of Strawberries

Alles an Julia Brown ist anders. Nicht nur, dass es sich dabei natürlich nicht um irgendeine dahergelaufene Sängerin handelt, sondern um eines der zahlreichen Projekte von Sam Ray aka Ricky Eat Acid. Als jenem von ein paar Indielabels ein Haufen Indiekohle angeboten wurde, damit sie sein neues Indiepop-Album „An Abundance Of Strawberries“ veröffentlichen dürfen, hat der es kurzerhand einfach – ganz Indie – selbst per Download-Link auf Twitter veröffentlicht. Die Suche danach lohnt sich: Für ein Album, von dem im Endeffekt kaum jemand mitbekommen hat, geht es erstaunlich tief unter die Haut, jeder der 13 Songs perlt runder und geschmackvoller als der letzte, und wessen Herz für fragile Lo-Fi-Ästhetik schlägt, könnte es hier für längere Zeit verlieren. (Jennifer Depner)


Ian William Craig – A Turn Of Breath [Recital]

Es ist ein phänomenales Album, bei dem man vor lauter überwältigender Anmut glatt das Atmen vergessen kann. Mal schichtet der Brite in der Chamber-Intimität einer Julia Holter fremde Stimmen unter analogem Knistern ineinander, doch meist ist es seine eigene wie in „On The Reach of Explanations“. Hier kumuliert die Intensität des trainierten Opernsängers, seiner majestätisch schönen Drones und auch der vielen Klangschwankungen, Phasenverschiebungen und anderer Lo-Fi-Effekte seiner Tape-Manipulationen, bis die Lautsprecher zu bersten scheinen. Derart zur grenzchaotisch übersteuerten Julianna Brwick wird Craig aber nur selten und benötigt es auch nicht für seine mitreißenden, sakral-schmerzerfüllten Vocal-Kompositionen: Fast knisterfrei ziehen weitgehend wortlose „Uuuh“s, Summen und Brummen durch „Either Or“, dermaßen in ihren Bann ziehend mit ihrem An- und Abschwellen, dass man beim Zuhören alles andere um sich herum völlig (Uli Eulenbruch)

Die mobile Version verlassen