
Vor ziemlich genau 25 Jahren veröffentlichte Bob Mould sein erstes Soloalbum „Workbook“ und wagte mit diesem ruhigen, akustischen Werk einen Neuanfang, der vor Kurzem noch einmal durch die Veröffentlichung einer Anniversary Edition gewürdigt wurde. Es war eine bewusste Abkehr von der Vergangenheit mit seiner aufgelösten Gruppe Hüsker Dü, die in den Achtzigern Maßstäbe in der Kombination von zuckersüßen Melodien mit mehr oder minder infernalischem Lärm setzte und für eine ganze Generation von Bands stilprägend war. Es folgte das düstere und harte „Black Sheets Of Rain“ und die kommerziell erfolgreiche Zeit mit seiner Band Sugar Anfang bis Mitte der Neunziger, anschließend ging es erneut weiter als Solokünstler mit zahlreichen Alben in wechselnden Besetzungen und mit unterschiedlicher Prägung und Qualität. Mould hat in den letzten Jahren immer wieder bewiesen, dass er ein außergewöhnlicher Songschreiber ist, der sich zwar kaum Ausrutscher leistet, allerdings auch nur selten über eine gesamte Albumlänge an die ganz großen Glanzzeiten angeknüpft hat. Bis jetzt.
Schon das 2012 auf Merge Records erschienene Vorgängeralbum „Silver Age“ war wieder einer dieser Neuanfänge. In der Besetzung mit Jon Wurster am Schlagzeug und Jason Narducy am Bass kamen seine Songs wieder überraschend druckvoll daher, entsprachen dem Muster von klassischem Alternative Rock und ernteten viele positive Reaktionen.
Das Label ist geblieben und die Bandbesetzung hat nicht zuletzt durch zahlreiche Liveauftritte weiter zueinander gefunden. Der vor zwei Jahren eingeschlagene Weg wird auf „Beauty & Ruin“ fortgesetzt und führt in altbekannte Gefilde mit neuem Anstrich. Verglichen mit seinem Vorgänger ist die Produktion deutlich rauer und die Songs sind weniger Rock, sondern ein abwechslungsreicher, emotionaler Rundumschlag im weiten Feld zwischen Pop und lärmendem Punk. Und es ist etwas zurückgekommen, das nach dem Ableben von Hüsker Dü nicht mehr allzu häufig in Bob Moulds Songs zu finden war: Diese gewisse Euphorie in den Songs, die sich immer wieder ihren Weg durch düstere Texte und krachige Arrangements bahnt.
Das wurde schon vorab mit der Single „I Don’t Know You Anymore“ deutlich und erreicht mit „Tomorrow Morning“ einen vorläufigen Höhepunkt. „Forgiveness“ ist hingegen lupenreiner Pop, während „The Kid With The Crooked Face“ der schnellste Song sein dürfte, den Mould seit dem Ableben von Hüsker Dü geschrieben hat und eine von mehreren deutlichen Reminiszenzen an diese Schaffensphase darstellt. Insgesamt reicht das zwar nicht ganz an die Brillanz von Hüsker Düs zahlreichen Meilensteinen heran und ist musikalisch sicher alles andere als innovativ. „Beauty & Ruin“ ist aber eine zeitlose, in sich geschlossene und äußerst lebendige Platte mit schlicht und ergreifend durchweg sehr guten Songs und einer dafür maßgeschneiderten Produktion. Und das ist so viel mehr, als es den meisten seiner Weggefährten aus vergangenen Tagen vergönnt ist (Hallo Frank Black!).
„Beauty & Ruin“ ist sowohl textlich als auch musikalisch als Retrospektive zur verstehen – weniger als wehmütiger Blick zurück auf die durch Schicksalsschläge geprägte jüngere Vergangenheit, sondern vielmehr als reflektierendes, selbstbewusstes Statement verbunden mit einem optimistischen Blick in die Zukunft. Bob Mould selbst sagt über sein neues Album, dass er dankbar sei, eine weitere Bonusrunde drehen zu dürfen. Genau diese Dankbarkeit ist in jeder Minute dieses Albums zu spüren, dem Mann geht es offensichtlich gut. „Fix it […]/ Time to find out who you are“, heißt es dazu passend im Refrain des letzten Songs. Hat geklappt, großartige Platte!