
Für mich eine der Überraschungen dieses Frühsommers sind die aus dem sonnigen Gainesville, Florida stammenden Hundred Waters. Das Quartett Nicole Miglis, Trayer Tryon, Paul Giese und Zach Tetreault, das schon seit Highschoolzeiten unter verschiedenen Namen in verschiedenen Bands zusammengespielt hat, veröffentlicht mit „The Moon Rang Like A Bell“ zwar schon sein zweites Album, aber ich Ignorant habe vom Vorgänger überhaupt nichts mitbekommen. Dafür trifft mich „The Moon Rang Like A Bell“ wie ein dicker, fetter Wattebausch direkt in die Magengrube.
Der Vergleich mit The xx ist inzwischen schon öfter bemüht worden, so zum Beispiel für die unsäglich langweiligen London Grammar, und auch bei Hundred Waters wird er wieder bemüht werden. Er bietet sich auch irgendwie an, allein wegen der offensiv vorgetragenen und herausgestellten Innerlichkeit im Gesang von Miglis. Wem bei ihrem Gesang gelegentlich aber auch Björk, der Debut-Post-Phase, durch den Kopf spukt, der liegt ebenfalls gar nicht so verkehrt, denn in ihrer Phrasierung oder in gelegentlichen Spitzen kann man schon an die Isländerin denken. Aber auch Channy Leaneagh von Poliça kommt in den Sinn, wenn die Stimme von Miglis oft stark bearbeitet und verfremdet wird, sie dient somit ferner als Ausgangsmaterial für puren Klang – allerdings gehen die Manipulationen dann doch nie soweit wie zum Beispiel auf Poliças Debüt „Give You The Ghost“. Die vom Rest der Band erzeugte, meist zurückhaltende und minimal wirkende Klangfarbe tut ein Übriges, sie ist wesentlich elektronischer, als The xx wohl jemals klingen wollten (obwohl man ja niemals nie sagen soll). Zudem klingt bei Hundred Waters neben der filigranen Verinnerlichung von Post-Dubstep-Beatprogrammierung und einem ohrenschmeichelndem up-to-date Sounddesign auch oft der Klang der Amerikas und des Dazwischen mit. Sei es in der Gesangslinie des A-capella-Intros „Show Me Love“ oder im oftmals vorhandenen Folk/Americana-Einfluss, aber auch ein bisschen homöopathischer Trance weht durch einzelne Songs.
Soviel Gespür für warme Geschmeidigkeit hätte man ihrem Labelboss Skrillex, der auch ihr auf dem Minilabel Elestial Sound erschienenes Debüt auf seinem Label OWSLA (wieder-)veröffentlichte, gar nicht zugetraut. Dafür gebührt ihm dann tatsächlich mal Respekt, den er sich für seine Bolloisierung des Dubstep eigentlich auf Lebzeiten verspielt hatte. Bei uns kommt „The Moon Rang Like A Bell“ übrigens über die Berliner Label-Institution !K7.
Für eine solche Mischung aus Elektronik und Pop bin ich persönlich sehr empfänglich, insbesondere wenn auch noch die Freiluftsaison vor der Tür steht. Aber auch abgesehen von persönlichen Passionen bietet „The Moon Rang Like A Bell“ allerbeste Unterhaltung, die man als pure Soundemanation genießen kann, die aber bei genauem Hinhören ebenfalls mit textlichen Tiefgang aufwartet.