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SOHN – Tremors

Christopher Taylor hat etwas gewagt – ein großes Risiko oder der erhoffte Neustart? Entweder es geht alles gut, andernfalls findet man sich in der Einsamkeit wieder, die schmerzlich versüßt wird durch das Heimweh oder die Sehnsucht nach Zuhause. Taylor hat seiner Heimatstadt London den Rücken gekehrt, um sich nahe der Alpen niederzulassen, genauer in Wien. Viel mehr weiß man auch nicht über den Produzenten, der sich lange Zeit im Nebel versteckt hielt, bis man wenigstens seinen richtigen Namen erfuhr. Für die meisten ist sein Künstlername SOHN geläufiger – großgeschrieben, ausgesprochen „Sonn“ -, der schon vor der Veröffentlichung des Debüts Aufmerksamkeit erlangte.

Bewusst sporadisch und selektiert hatte SOHN vorab Musik veröffentlicht, maßgeblich in Form der EP „The Wheel“. Trotzdem erregte Taylor viel Aufsehen, so dass er Lana Del Rey oder Rhye remixen durfte, kürzlich produzierte er auch für Kwabs oder Musikpressen-Darling BANKS. Die Krönung war dann, als das Traditionslabel 4AD ihn unter Vertrag nahm. Das Ergebnis all dieser Bemühungen ist „Tremors“, ein Album, das sich perfekt in dieses Gefüge einbettet und bei weitem keine Zitterpartie darstellt.

Das ruhige Eröffnungsstück „Tempest“ führt direkt in die Grundstimmung ein. Taylor rückt seinen recht hohen und souligen Gesang, der teilweise bis ins Falsett geht, durch verschiedene Effekte und Stimmsamples in den Fokus. Untermalt wird er von fast schon lieblichen und gewissenhaft ausgesuchten elektronischen Sounds, zu denen sich nach kurzer Zeit ein trommelhafter Beat, dann ein tieferer Bass reiht. Hierbei wirkt nie etwas zu hektisch oder zu mechanisch. Taylor entwirft eine Gesamtkomposition aus R’n’B- Nuancen und elektronischen Komponenten, die er mit Hilfe seiner analogen Drum Machine namens „Tempest“ umsetzt – eben ihr ist der Songtitel aus Dank gewidmet.

Die Singleauskopplung „The Wheel“ schreitet flott voran, lässt das gemächliche Tempo des Albums aber nicht aus den Augen. Hier zeigt sich, dass der Produzent nie müde wird, seine Songs mit immer anderen Sounds und Effekten zu hinterlegen, so dass jeder Track seinen eigenen Charakter entfalten kann. Dabei wirkt sein Gesang als Zentrum weder aufgesetzt noch zu eindringlich, eher etwas schüchtern und zurückgenommen. Genauso verhält es sich mit der Musik, nie pompös oder überladen, weniger ist eher mehr. Taylor setzt seine dunklen Klangkompositionen gekonnt in Szene.

„Artifice“ ist das poppigste und tanzbarste der elf Stücke. Man spürt förmlich den Beat in den Adern pulsieren, überhaupt hat Körperlichkeit beim Hören des Albums oberste Priorität. Polyrhythmische Beats schütteln sich zu elektronischen Orgelklängen und einer wehmütigen Stimme, der man alles glaubt, was sie singt: „Somebody better let me know my name/ Before I give myself away/ Somebody better show me how I feel/ Cause I know I’m not at the wheel.“ Taylor thematisiert Selbstisolierung oder den Verlust einer Liebe, sein feinfühliger Gesang bettet sich dabei haargenau auf die teilweise schon harte elektronische Instrumentierung und bietet trotzdem einen Wohlklang, der hypnotisiert zuhören lässt.

Bei „Bloodflows“ wähnt man sich erst in einem fast schon balladesk anmutenden Track, in dem Gesang leicht nachhallt und sphärische Synthiesounds den Weg weisen. Doch dann passiert ein Umbruch, der zwar nicht unbedingt überrascht, dafür aber prägt: In verschiedenen Stufen baut sich ein dumpfer und kantiger Beat auf und gerade wenn man sich mit geschlossenen Augen an den Rhythmus gewöhnt hat, ist es auch schon wieder vorbei. Taylor setzt Crescendi ein, um den Hörer zu fesseln, nur um ihn im nächsten Moment wieder loszulassen. „Fool“ bewegt sich immer zwischen genau diesen zwei Polen: Ein fast schon aggressiver Beat und penetrante Melodieverläufe reihen sich an Crescendi, die nie die vollkommene Erlösung aus diesem beklemmenden Song finden. Erst zum Ende hin, wenn der Bass verschwindet und das Lied in die Weiten aufgelöst wird, findet man Zeit zum Aufatmen.

„Tremors“ ist kein Album des Tages, SOHN hat Musik für die Nacht produziert. Das Album strahlt immer eine gewisse Ruhe und Gelassenheit aus, vielleicht inspiriert vom bergigen Umland Wiens. Aber auch der Rummel und die Hektik einer großen Stadt finden sich in den elektronischen Aspekten wieder, wenn SOHNs Debüt (s)eine kühle und nachdenkliche Einsamkeit wiederspiegelt: „There’s something about the way I was working overnight on the album which found its way into the sound. Every night I worked, finished with a cold sunrise and a walk home… and to me that’s what „Tremors“ sounds like“.

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