
Als wäre es in Deutschland wegen des Youtube-GEMA-Zwists nicht schon oft genug umständlich, dem freien Musikvideogenuss zu frönen, kam diese Woche eine der ansprechendsten Alternativen in Bedrängnis.
Ein Großteil der namhaften Produktionsfirmen und RegisseurInnen nutzt Vimeo als Plattform, um neue wie alte Werke zu archivieren und als Teil ihrer Online-Portfolios zu präsentieren. Nicht nur bietet der Anbieter im Vergleich zu den meisten Konkurrenten einen sehr schnörkellosen Player, auch auf technischer Seite zeigt sich oft, dass die hochauflösende Qualität bei Vimeo besser ausfällt als anderswo. Vor allem aber gibt es auf der von Startup-Millionär Jakob Lodwig finanzierten Seite keine Werbung – und da beginnt das Problem. Vimeo ist auch deswegen weniger als andere dazu gezwungen, sich über Werbung zu finanzieren, weil das für alle zum Upload frei zugängliche Vimeo sich nicht als reine Musikvideo-Plattform versteht und, ähnlich wie Youtube in früheren Jahren, keine umfassenden Verträge mit den Rechteinhabern und -verwertern der Musikindustrie abgeschlossen hat.
Völlige Anarchie herrscht in dieser Grauzone nicht – im Rahmen des amerikanischen DMCA werden beanstandete Videos in der Regel entfernt -, doch in letzter Zeit war die Lage relativ entspannt, bis sich diese Woche nun Berichte von RegisseurInnen häuften, deren Werke auf eine Anfrage hin reihenweise entfernt wurden. Ob dies ein einmaliger Vorfall war, der sich vielleicht sogar als voreilige Überreaktion entpuppt, oder ein schlechtes Vorzeichen, wird sich zeigen müssen. Zumindest ist zu erwarten, dass den auf Vimeo gehosteten Videohighlights aus dieser Woche eine langläufigere Existenz beschert ist, denn für die Werke mit Musik aus Major-Label-Katalogen kann man immerhin mittlerweile recht verlässlich auf völlig legitime Anbieter wie Vevo und Muzu zurückgreifen.
So zum Beispiel das durchgeknallte neue Werk der Kinetikspezialisten DANIELS, in dem von wüst zuckenden Genitalien über Brüste und Hintern bis zu Ganzkörperausrastern ein Stockwerk nach dem anderen von hemmungsloser Bewegungslust demoliert wird. Auf andere Weise herrlich durchgeknallt ist das farblich bestechenede Meerjungfrauensushi von Digipedi, während Jessy Terrero und Jennifer Lopez Rapvideo-Klischees invertieren und León Larregui eine einfallsreiche Mischung aus Animation und Realbildern in eine Reise mit Traumlogik verwandelt. Außerdem: Kaputte Jugend im Diktatorenfieber, atmosphärische Fantasy-Claymation und ein Retortenbaby, von dem man sich tatsächlich mal beunruhigt fühlen kann.
DJ Snake & Lil Jon – Turn Down For What
Regie: DANIELS
Zoé – Arrullo De Estrellas
Regie: León Larregui
Orange Caramel – Catalenna
Regie: Digipedi
Milow – We Must Be Crazy
Regie: Norman Bates
Jennifer Lopez ft. French Montana – I Luh Ya PaPi
Regie: Jessy Terrero
Outer Minds – We Are All Stone
Regie: Zebulon Medearis & Andrew Barker
Deathcrush – Lesson #16 for Beatmaster V / Fun
Regie: Kenneth Karlstad
Johnny Cash – She Used To Love Me A Lot
Regie: John Hillcoat