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Der Liedschatten (102): „Dschungelflair“ aus Dithmarschen

Soulful Dynamics: “Madmoiselle Ninette”, April – Mai 1970

Ah, Wikipedia! Ohne Wikipedia wäre ich ziemlich aufgeschmissen. Deshalb liegt mir nichts ferner, als über die offene Enzyklopädie zu lästern. Das steht meiner Verwunderung über einzelne Einträge jedoch nicht im Wege.

Im Artikel zu den Interpreten unseres heutigen Hits, der Gruppe „Soulful Dynamics“, heißt es zum Beispiel: „Mit dem Konzept ‚lustige Popsongs vom schwarzen Kontinent‘ brachten sie noch weitere Erfolge in die deutsche Hitparade.“ Nun, es geht hier um einen Popsong, dessen Erfolg sich vor allem am Absatz messen lässt. Jener führt zu einem Vorkommen in Hitparaden, das wiederum als Merkmal des Erfolgs gilt. Nicht in die Hitparade zu gelangen dürfte also einem Misserfolg entsprechen, keinesfalls einem Erfolg. Ein Song ist folglich erst dann erfolgreich, wenn er in die Charts gelangt, vorher nicht – was unklar macht, wie sich ein Erfolg in die Charts bringen lässt, wo er ja, um ein solcher zu sein, eigentlich schon in ihnen auftauchen müsste.

Womöglich sind ja aber künstlerische Erfolge gemeint. Oder aber das erfolgreich verfasste Lied als solches, die abgeschlossene, nicht gescheiterte Arbeit.

Aber sei’s drum. Gerade Wiki-Einträge zu unbekannteren Künstlern und Interpreten dürften meist von ihren Fans oder Menschen aus dem näheren, möglicherweise geschäftlichem Umfeld erstellt und betreut werden. Deren vorrangiges Ziel dürfte vor allem eine positive Darstellung, nicht eine fachlicher Güte sein und ich bin ihnen durchaus dankbar.

Doch ein anderer Teil des zitierten Satzes ist eher bedenklich als seltsam. „Lustige Popsongs vom schwarzen Kontinent“? Hiermit dürfte wohl Afrika gemeint sein, ein Kontinent von der ungefähr dreifachen Größe Europas. Genauer sollte aber Liberia gemeint sein, ein Staat an der Westküste, der ca. 0,3 % der Fläche Afrikas umfasst und somit immerhin Teil des Kontinents ist, dessen kulturelle Vielfalt durch die Phrase arg reduziert wird. Denn aus Liberia stammen sämtliche Musiker der Soulful Dynamics, weshalb sich ihre Songs – das vermuten wir zumindest erst einmal – wahrscheinlich zu einem der dort populären Genres zählen lassen. Aus wiederum Wikipedia erfahren wir, dass Highlife, eine Verbindung traditioneller Musik mit Elementen des Jazz, dort seit den 1920ern höchst beliebt gewesen sei. Es wäre also zu erwarten, dass die Band eine solche gleichermaßen etablierte wie auch populäre Musikrichtung spielte. Highlife klingt in etwa so:

http://www.youtube.com/watch?v=GSnEgGoJRJU

Mit seiner ersten Band Koala Lobitos spielte Fela Kuti Highlife, eine Grundlage des später von ihm begründeten Afrobeats.

 

http://www.youtube.com/watch?v=E5WeqC_CY70

Auch das amerikanische Jazz-Label Blue Note Records veröffentlichte 1963 mit Solomon Iloris Album „African High Life“ eine Sammlung von Stücken des beliebten Genres „lustige Popsongs vom schwarzen Kontinent“.

 

 Lebensfroh? Ja. Aber „lustig“? Wobei, der Text könnte lustig sein. Oder ist’s der Break? Wie auch immer: Ha. Ha.

Es versteht sich von selbst, dass die Mitglieder der Gruppe Soulful Dynamics sehr viel besser als ich über die Musik Liberias Bescheid wissen, lebten sie doch bis 1969 dort. In diesem Jahr wanderten sie nach Hamburg aus und hatten kurz darauf mit „Madmoiselle Ninette“ ihre einzige #1.

Jetzt aber: Ein lustiger Popsong, und zwar vom, nanu, „weißen Kontinent“?

Offenbar bestehen große musikalische Unterschiede zwischen obigen Stücken und „Madmoiselle Ninette“ mit seiner vergleichsweise sehr schlichten rhythmischen Struktur und Melodieführung. Der Grund dafür ist rasch gefunden, der Verfasser des Eintrags zur Band bei Wikipedia irrt. Die #1 wurde nicht von der Band selbst geschrieben und ist somit keinesfalls ein, ach herrje, „lustiger Popsong vom schwarzen Kontinent“.

Diese Phrase sagt mehr über die Menschen, die sie benutzen als über den Charakter der Musik. Wer aber benutzt sie? Zum Beispiel ein Autor der Thüringer Allgemeinen, der auch fand, bei einem Auftritt der Band im Jahre 2012 habe Sänger Andy Anderson „Dschungelflair in die Stadthalle“ Gothas gebracht. Wo aber hat er es her? Aus Dithmarschen, wo er mittlerweile als Heilpraktiker arbeitet, sicher nicht. Die hässliche Wortgruppe mit den „lustigen Popsongs …“ findet sich aber auch auf der Seite der Konzertagentur der Gruppe. Allem Anschein nach soll sie ein möglichst großes potentielles Publikum dort abholen, wo es sich laut Agentur mutmaßlich befindet, in denselben dumpfen Niederungen rassistischer Ignoranz wie sie.

Bereits dem Texter, Komponisten und Produzenten des Songs Herbert Hildebrandt dürfte neben der musikalischen Befähigung vor allem das damals exotische Äußere der jungen Musiker erfolgversprechend erschienen sein. Die Behauptung, hier afrikanische Musik zu hören, ist vollkommen haltlos, es ist ein Song, der auch zu den Rattles, deren Mitglied er bis 1969 war, gepasst hätte. Er ist catchy und besitzt alle Qualitäten eines Schlagers, doch nur wenige seiner Fehler, vor allem einen unwahrscheinlich nichtssagenden Text und mit der Orgel und dem Refrain zwei effektive Mittel plumper Effekthascherei. Dennoch ist er alles in allem äußerst, ja beinahe unerträglich simpel, aber nicht dämlich, sondern nur absurd belanglos und unwirklich unschuldig. Da durchlebt ein Mensch einen Urlaub voller Liebe in den fernen USA und vermisst nicht etwa seine Bekanntschaft, nein, er denkt sich, „Ha, nächstes Jahr dann wieder, wie schön!“. Dabei wird nicht deutlich, ob er ein unbedachter Leichtfuß oder einfach nur eine naive Seele mit einem sonnigen Gemüt ist.

Den Erwartungen eines Publikums an den „Afrikaner an sich“ dürfte die Geschichte zumindest nicht widersprochen haben, galt jener ja eh als ein musikalisch begabter Triebmensch. Als solcher schnackselt er fröhlich und fernab aller Zivilisation als je nach Geschmack mehr oder weniger „edler Wilder“ ausdauernd im Dschungel, zumindest dann, wenn er nicht gerade tanzt. Vielleicht schien dem Publikum deshalb die Behauptung, es handele sich um „lustige Popsongs vom schwarzen Kontinent“, glaubwürdig.

Die Soulful Dynamics sangen jedoch einzig so, wie man es eh schon gewohnt war. Wer den Song ohne Kenntnis der Interpreten 1970 im Radio hörte und anschließend erwarb, konnte selbstverständlich (und ohne Hinweise der Moderatoren) keine Rückschlüsse auf ihr Äußeres ziehen, er erlag schlichtweg der Eingängigkeit des Songs. Wer die Gruppe aber sah, reagierte wahrscheinlich wie der oben zitierte Redakteur, der von einem seit 43 Jahren in der BRD lebenden Menschen sagt, er bringe „Dschungelflair“ in die thüringische Provinz.

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