
Irgendetwas ging schief bei der Überlieferung, dieser Irrtum müsste doch schon längst aus der Welt geschafft worden sein. Doch noch immer scheinen viele Menschen zu glauben, es handele sich bei „(I can’t get no) Satisfaction“ um ein Lied über sexuelle Frustration, ein Lamento über unbefriedigtes, unstillbares Begehren. Das Bekenntnis eines Menschen eben, der ein Dasein als kleiner Lüstling mit großer Zunge bestreitet.
Die Versuchung, nicht die sexuelle, sondern die der Ungenauigkeit, ist in diesem Fall aber auch zu groß. Da gibt es diesen Song mit überragender Bekanntheit in der Größenordnung eines Beatles’schen „Yesterday“, vorgetragen von der Rockband schlechthin, also, DER ROCKband überhaupt, die ihrerzeit als ein Haufen ziemlich wilder, gefährlicher und böser Jungen galt. Deren einziges Ziel schien es gewesen zu sein, nach dem Vortrag lärmender Musik Nächte mit bisher unbescholtenen Töchtern zu verbringen. Und die schüttelten dazu, zu dem Krachkram, auch noch die Haare und schienen prinzipiell nicht abgeneigt. Warum sollte es in diesem Lied über unerlangbare Befriedigung um etwas anderes gehen als ausschweifende Unzucht?
Seit bereits gut fünfzig Jahren touren die Stones durch die Welt und liefern (zumindest einige von ihnen) immer wieder Anlässe, das Klischee von „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ aufrecht zu erhalten. Dass sie allein mit ihrer „A Bigger Bang Tour“ 2005-2007 558 Millionen Dollar umsetzten, so etwas aber ohne ein wenig Sachverstand und Disziplin kaum erreichbar sein dürfte und es den älteren Herren also offensichtlich nicht nur um Komasaufen, die Beseitigung von Nasenscheidewänden und Selbstversuche in Sachen „Männlichkeit“ gehen kann, ist da weniger von Bedeutung. Würde es sich bei den Stones wirklich nur um ein paar sexsüchtige Drogenfreaks mit einem Faible für Rockmusik und dem Erbe einiger weniger geradezu genialer Songs handeln, dann wären sie sicher kein immer wiederkehrendes Thema für das Handelsblatt. Trotzdem werden sie noch immer als unmoralische Institution wahrgenommen, und das nur, weil sie eben in der Lage sind (oder es waren), sich öfter Ausschweifungen hinzugeben als die Angestellten einer Versicherung.
Die bewusste Selbsttäuschung, der Mythos „Sex, Drugs, blabla“ ist größer. Zur Show gehört eben nicht nur, was auf der Bühne geschieht. Die bloße Existenz der Band mitsamt ihrer Vergangenheit ist ein Produkt, dessen Erwerb auch die Teilhabe an ihrer Geschichte, ihrem Nimbus umfasst. Amoral und Exzess lassen sich so spielerisch und gefahrenlos per Konzert und medial konsumieren. Es kann Toleranz geübt und ein wenig geträumt werden, zumindest dann, wenn man es nicht zu genau nimmt. Mick Jagger jedoch nahm es 1965 ein wenig genauer.
The Rolling Stones “(I can’t get no) Satisfaction”, Oktober – November 1965
Dieser begegnet der Protagonist im Text erneut beim Fernsehen: Ein Mann, den er scheinbar nicht für voll nehmen kann oder soll (denn er „doesn’t smoke the same cigarettes as me“) erzählt was von weißer Wäsche. Was hat das denn mit seinem Leben zu tun? Auch hierdurch stellt sich, wenig verwunderlich, keine Befriedigung ein. Daran schließt dann die einzige Strophe an, in der es sich um Sexuelles handelt, auch hier wird ihm etwas verwehrt, scheinbar aufgrund einer vorübergehenden Unpässlichkeit der Dame („’cause you see I’m on a losing street“).
Damit wird nicht weniger als das beschrieben, was einen jungen Menschen, besser gesagt Mann, im Jahr 1965 womöglich umhergetrieben haben könnte, eine Sehnsucht nach Sinn und Erfüllung, nach dem „mehr“, das es doch geben muss.
Worauf begründet sich nun die Rezeption des Stückes als Bekenntnis eines nimmersatten Kopulationswilligen? Liegt es an den großen Lippen, der undeutlichen Aussprache, dem Bühnengebaren oder aber am rauen Sound? Schließlich wurde hier die Fuzzbox verwendet, ein für die Popmusik der 60er geradezu brachialer Verzerrer. Und dann der Rhythmus, und die Frisuren: „Sie lassen sich die Haare ungekämmt und unappetitlich auf die schmalen Schultern hängen. Sie stecken in erbarmungswürdig schäbigen Anzügen. Und sie sehen überhaupt höchst verhungert und verkommen aus!“, schrieb die BRAVO 1964 über die Stones. Bereits 1965 aber hieß es auf dem Backcover einer durch die „HÖR ZU“ herausgegebenen Platte der Rolling Stones zu deren Deutschland Tournee „… zu viele messen die neue Zeit mit alten Maßstäben. Und es gehört eine Menge Mut dazu, gegen Vorurteile anzurennen. Mick, Keith, Brian, Bill und Charlie sind fünf Individualisten, die als Rolling Stones weltberühmt wurden. Die Jugend jubelt ihnen zu, und manchmal gehen in der Begeisterung für sie ein paar Stühle kaputt. Die Welt wird jedenfalls durch Idole wie die Rolling Stones nicht in Scherben fallen.“ (ebenda).
Sie hatte Recht, es gab nichts zu befürchten, denn „Historiker kommen in der Zukunft vielleicht zu dem Schluß, daß Mick Jagger & Co. die besten Waffen in der Hand des Establishments waren – Hohepriester einer neuen Religion, die in diesem Fall tatsächlich Opium fürs Volk war.“, so schrieb die Daily Mail laut der FAZ, und obwohl man ihr Pathos nicht zu teilen braucht, hatte sie Recht. Das ändert sich auch dadurch nicht, dass Mick Jagger, wie sehr viele Menschen, gerne mal Sex hat. Dem Song aber wurde durch dessen Übergewicht schon einiges, keinesfalls aber absatzschädigendes Unrecht angetan.