
Die mathrockigen Gitarren sind stumpfe Waffen gegen die schonungslose Konfrontation, die Frontmann Jordan Dreyer vorantreibt. Mit belegter Nicht-Stimme singt er, mit tauber Zunge, dumpf und atemlos. Gepresst und gequält, immer kurz davor, sich zu überschlagen. Eine Stimme, die erschüttert, die alles durchdringt und authentisch das lebt, was sie erzählt.
Sie singt vom Verfall der Häuser, von der Verrottung des Stadtbildes, was selbstredend nur metaphorisch gemeint ist. La Dispute skizzieren eine Gesellschaft, deren konstituierende Grundfesten erschüttert sind. Ein brachial existentialistisch anmutendes Konzept, in dem die Band mit der Bürgerlichkeit abrechnet und eine zerbrochene Welt hinterlässt. La Dispute stöbern in den dunklen Ecken. Im Dreck, bei den Benachteiligten, Missachteten, Abgehängten.
La Dispute vertonen den Klang und Wut der Städte. Ein Leben in einer zerrütteten Wirtschaft, gescheiterten Kommunikation, mit der bloßen Erkenntnis, dass es früher besser war. Dass die Gegenwart in ihrer Komplexität auf viele nur wie eine Hülle der Angst wirkt, in der sie ohnmächtig gefangen sind. Aus der ein Entrinnen nur in Gedanken und der Flucht in Religiosität ermöglicht wird.
Kaum eine Band erzeugt eine solch physische Beklemmung durch ihre Songs, wie es die fünf Amerikaner auf ihrem unmissverständlich eindringlichen Drittwerk schaffen. Sie pressen die Gewalt und die Ungerechtigkeit auf Platte. Die dumpfen Gitarren zeichnen barocke Formen, das Schlagwerk tropft, meist ist es immer nur eine Ahnung von Melodie, ein unausgereifter Bogen, ein halber Riff, die die Texte stützen und ihnen Halt geben, weil das das Einzige ist, was ihnen geblieben ist. Es sind vor allem die Texte, die Stimmung, der Abgrund, die hier ihre bleckenden Zähne zeigen. Und dann ein ums andere Mal zubeißen.
Einzelne Highlights zu nennen, würde fast den Rest diskriminieren, zu stark ist dieses Album von Anfang bis Ende. Allein schon die Worte in „King Park“ summieren sich zu 4000 (!) Zeichen auf und erzählen über die Dauer von sieben Minuten in Spielfilmformat eine Tragödie. Ein Mord? Ein Unfall? Kratzend und aufschürfend werden Schuld und Vergebung verhandelt, Sensationslust und Gesellschaft – bis alles in einem hoch emotionalen Finale gipfelt:
“And if I turn it on me, if I even it out, can I still get in or will they send me to hell?
Can I still get into heaven if I kill myself?“
Die Grundstruktur der Tracks gleicht nie dem üblichen Song-Schema, hier werden ganze Geschichten in Cinemascope erzählt. In einfacher Sprache üssiert, immer leicht überzeichnet, aber mit dem nötigen Grummeln in der Magengrube, der Antriebsfeder. Da, wo sich die Musik bedingungslos dem Text unterwirft, gibt es ein paar spröde Passagen, wie auch dem gesamten Album ein paar abwechslungsreichere Klänge gut zu Gesicht gestanden hätten. Aber das ist das Erbe des Post-Hardcore, das hier weit gespreizt wird, sich Screamo und Math-Rock nähert und inzwischen spielend szeneübergreifende Relevanz entwickeln kann. Noch jedoch wird sich allem Hymnischen verweigert, „Wildlife“ ist daher konsequent knochentrocken.
Alleine das Ende von „St. Paul Missionary Baptist Church Blues” mag Beweis genug für die Klasse dieses Albums sein, das seinem Vorgänger fast ebenbürtig ist. Eine Durchhalteparole von Song, dem einfach mal das letze Flackern Hoffnung geklaut wird. Der sich mit dräuenden Gitarren aufbäumt, sich durchpeitscht und dann bedrohlich ausklingt als wäre der Schritt über den Abgrund bereits getan. Man weiß dabei dann nie genau, ob es nun alles vorbei ist oder ob es doch noch irgendwie weitergeht. Ohne Plan und ohne Zukunft. Und dann kommt das nächste Brett, der nächste Schmerz.
Label: No Sleep
Referenzen: Thursday, Dismemberment Plan, Defeater, Touché Amoré, Titus Andronicus, Fucked Up, At-The Drive In
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VÖ:11.11.2011