
Die musikalische Entwicklung einer Band oder eines Solokünstlers folgt erstaunlicherweise, wenn man nicht gerade Scott Walker heißt, meist vorgezeichneten Pfaden. Denn so, wie man sich mit zunehmenden Alter angeblich für Jazz zu interessieren beginnt, landen die meisten Musiker, ob nun Lo-Fi-Schrammler oder Elektro-Frickler, irgendwann beim klassischen, gediegenen Popsong als Format ihrer Wahl. Darüber, ob das nun generell als Fort- oder Rückschritt zu werten ist, lässt sich wohl kein eindeutiges Urteil fällen, denn die Umstände und Ergebnisse sind in dieser, so scheint es, naturgegebenen Entwicklung selbstverständlich höchst unterschiedlich.
Bei Apparat, bürgerlich Sascha Ring, gipfelte sie jedenfalls 2007 in einem streckenweise ziemlich grandiosen Album, das Rings Dancefloor-Background (Shitkatapult, BPitch Control) wunderhübsch hinter nebligen Soundscapes und heimeligen Notwist- und Radiohead-Reminiszenzen verbarg. Ein wenig zerbrechlicher Pathos, traumwandlerische Arrangements und diese spezielle Mischung aus shoegazender Uneindeutigkeit und elektronischer Klarheit machten „Walls“ zu einem melancholischen Kleinod, das in seinen besten Momenten in großem Pop mündete. Der nun erscheinde Nachfolger „The Devil’s Walk“, auf dem der Computer stärker als je zuvor von analogem Equipment in den Hintergrund gedrängt wurde, schickt sich nun an, auf diesem bisher ziemlich stringenten und vielversprechenden Entwicklungspfad den nächsten großen Schritt zu wagen und verstolpert sich, soviel sei vorab schon gesagt, kräftig.
Dabei hätte alles so schön sein können. Der Opener „Sweet Unrest“ schickt glasklares Gitarrenpicking, Glockenspiel und Handclaps über verregnet klingende Ambientflächen. Sakraler Frauengesang erklingt und das war es dann leider auch schon. Nach dreieinhalb Minuten verendet der Track als spannungsbogenfreies Intro im Nichts. Ein symptomatisches Problem auf „The Devil’s Walk“, dessen Stücke oft verheißungsvoll beginnen und dann nicht mehr weiter zu wissen scheinen. Pathetisch schichten sich beispielsweise in „Black Water“ die Synthie- und Keyboardflächen übereinander, während Rings Gesang sich in Coldplayeske Höhen windet. Eine wirklich spannende Idee oder Melodie lässt sich hinter all dem jedoch nicht erkennen.
Klar, man merkt „The Devil’s Walk“ an jeder Stelle an, wie detailverliebt und ambitioniert Ring und seine Mitmusiker bei den Aufnahmen zu Werke gingen. Doch es scheint ganz so, als hätten sie darüber etwas vergessen: Das, was ein wirklich gelungenes Pop-Album ausmacht, sind im Wesentlichen eben einfach gute Lieder. Über die Ideenlosigkeit im Songwriting können hier nämlich weder die lupenreine Produktion, noch der Gastauftritt von Anja Plaschg alias Soap & Skin hinwegtäuschen, die „Goodbye“ mit der ganzen Kraft ihrer einnehmenden Stimme in eine düstere Moritat verwandelt und so zumindest einen Höhepunkt dieser ansonsten ereignislos wie ein verregneter Sonntagnachmittag dahinplätschernden Platte setzt. Das zweite Highlight bildet dann bezeichnenderweise mit „The Soft Voices Die“ ein zum größten Teil instrumentaler Track. Tempowechsel und dramatisierende Streicher sorgen hier für den nötigen Twist, der dem überwiegenden Rest des Albums leider gänzlich abgeht. Denn bei allen guten Ansätzen scheint Apparat mit diesem Album irgendwie den Blick fürs Wesentliche verloren zu haben, ohne den sich leider auch die feinsten Arrangements als weinerlicher Kitsch verirren.
Label: Mute
Referenzen: Radiohead, The Notwist, Raz Ohara, Turner, Jonsí, Coldplay
VÖ: 23.09.2011