
Youtube-Kommentare besitzen eine ganz eigene Qualität, was daran liegen könnte, dass sie Menschen zu Äußerungen in Schriftsprache bewegen, die sich derer ansonsten nicht bedienen würden. Anders ließen sich in ihnen oftmals vorkommende Eigenheiten nicht erklären. Mit Bezug auf den Schlager „Ich Will ‚Nen Cowboy Als Mann“ kann man zum Beispiel Folgendes lesen: „Das lied ist echt gail udn die stimme ist fantastich ^^ unsere heutige musik ist dagegen müll“ oder „schönes altes deutsches liedgut :-)“ sowie „Ich persönlich bin mit Wolfgang Petry aufgewachsen, aber das hier find ich genauso toll :)“
Dagegen, dass jemand etwas „toll“ findet, lässt sich nichts einwenden, über den Gegenstand der Begeisterung kann man sich aber sehr wohl äußern. Problematisch wird es nur, wenn sich ein Mensch seiner Präferenzen nicht bewusst ist, dann wird eine Kritik am gemochten Musikstück als Angriff auf die Person wahrgenommen. Dem liegt das Missverständnis zugrunde, es ginge bei einer jeden Bekundung von Zu- oder Ablehnung darum, am Ende „Recht“ zu behalten, eine verfehlte Erwartung an den Austausch über Musik.
Erfolgt dieser in Form von kritischen Auslassungen, egal, ob im Gespräch oder in Textform, so sollte es nicht vordergründig darum gehen, was gefällt und was nicht. Man könnte zum Beispiel auch sagen, dass Donovans Werk weniger komplex sei als die Stücke Flying Lotus‘, Explosions In The Sky eine andere Dynamik aufwiesen als Kimya Dawson, die Stücke Sufjan Stevens vielschichtigere Bezüge herstellen würden als die der Thermals und der Grad instrumentaler Fertigkeit bei Wilco ein anderer als bei Joy Division sei. Dazu kommen noch Faktoren, die nicht in erster Linie etwas mit der Musik zu tun haben, die Umstände der Produktion im weitesten Sinne zum Beispiel, außerdem noch die Texte.
Anhand stets vorhandener Parameter wie Rhythmik, Arrangement, Dynamik und Sound lässt sich dann eine Einschätzung vornehmen wie „Band / KünstlerIn so und so ist äußerst dröge und belanglos“. Dabei empfiehlt es sich, einen Zusammenhang herzustellen, der Anhaltspunkte gibt, damit diese Feststellung grob nachvollzogen werden kann.
Doch auch die einfache Äußerung „Ich finde diese Musik gut oder schlecht“ lässt sich zurückverfolgen, wobei es jedoch nicht darum gehen sollte, den einzelnen Menschen, von dem sie stammt, zu diskreditieren. Musikalische Präferenzen sind sehr wohl abhängig vom jeweiligen sozialen Umfeld. Sie sind eine Art Echolot, um, gerade als JugendlicheR, die eigene Person in Relation zu anderen zu erschließen. Keinesfalls sind sie aber in Form eines „Geschmacks“ angeboren.
Als veränder- und entwickelbar sind sie ein wichtiger Teil der Bildung, vor allen Dingen auch der emotionalen. Daraus entsteht die Notwendigkeit einer Kritik, die schon an dem Punkt beginnt, an dem man zu einem Menschen sagt „Hör doch nicht immer Smokie, wie wär’s mal mit den Byrds?“ oder aber auch „Mag ja sein, dass Du Deinen Urgroßvater sehr geliebt hast, und dagegen ist auch nichts zu sagen, aber dass Du deswegen auch heute noch diese olle Marschmusik hörst, okay, aber sie die ganze Zeit Deinen Kinder vorspielen, meinst Du, dass das gut sei?“
Warum die Zeit mit Nostalgie und reaktionären Belanglosigkeiten, im Falle des Schlagers mit irgendwelchen heile-Welt-Phantasien verschwenden? Weshalb so viel Respekt vor Erfolg und Überlieferung? Klar, es sollte nicht darum gehen, Schlager per se zu verdammen, aber warum ihnen Wertschätzung entgegenbringen, wenn es doch Besseres gibt? Aufmerksamkeit ist endlich, da sollte schon überlegt werden, wofür man sie aufbringt.
Gitte “Ich will ’nen Cowboy als Mann”, Juli – September 1963
Und schließlich wollte die damals 16-jährige Gitte Haenning Bill Ramsey, der an dieser Stelle des Öfteren schon mit wenig Sympathie erwähnt wurde, nicht haben, wie dem folgenden Video entnommen werden kann.
Nach einer bereits in den 50er Jahren begonnenen Karriere als dänischer Kinderstar gelang Gitte mit diesem Titel ihr größter Erfolg. Das Stück folgt dabei einem zur Genüge bekannten Schema (nicht in Deutschland geborene Interpretin singt auf Deutsch), eine Abweichung vom damals Üblichen stellen jedoch der Text sowie das dazu passende Arrangement dar. Die Protagonistin entspricht nicht den Wünschen ihrer Eltern, ein Akt der Emanzipation, der aufgrund des Alters der Interpretin jedoch als jugendlicher Leichtsinn abgetan werden kann, möchte sie doch einen Cowboy auch nur deswegen ehelichen, weil dieser zu küssen vermag. Umrahmt wird diese Weigerung von kleinen Anleihen an amerikanische Countrymusik.
Dadurch nimmt das Stück Bezug auf das Klischee und Genre des Western mit seinem machistischen Ideal des erobernden weißen, heterosexuellen, von Staub, Schweiß und Blut gezeichneten Mannes. Von dem, was man sich in der damaligen BRD unter einer „gesicherten Existenz“ vorstellte, dürfte dieses Ideal abgewichen sein, auch, wenn es nicht weniger reaktionär war als das, was man seinen Töchtern wünschte. Da die Ehe an sich aber nicht angegriffen wird und das Lied klar erkennbar eine Albernheit darstellt, verwundert sein Erfolg nicht weiter. Es ist nicht die Rede davon, eine Heirat gänzlich zu verweigern und die Gesellschaft durch Ablehnung überkommener Strukturen anzugreifen, wo kämen wir da denn hin? Jedenfalls nicht in die Charts …