AUFTOUREN 2018 – Das Jahr in Tönen

Ein Jahr auf fünfzig Werke zusammenzustampfen, das ist auch bei aller Playlist-Atomisierung vieler Musikhörender nicht weniger unmöglich geworden. Dennoch gab es wie immer 2018 Alben, die bei einer Mehrheit von uns besonders viel Anklang fanden.

Ob Pop oder Experiment, Eskapismus oder knallharte Gegenwartskonfrontation, die Spannbreite ist nicht nur in Sachen Sound und Stil einmal mehr gegeben. Wer es unbedingt noch bunter und obskurer braucht, muss sich bis zu unseren individuelleren Listen geduldigen, heute gibt es die lange erwarteten Top 10 unserer Konsensliste.


10

Julia Holter

Aviary

[Domino]

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„Aviary“ übersteigt Kapazitäten. Wie zum Tragen der neunzig Minuten Audiodaten eine einzelne CD nicht ausreicht, so expandiert und verdichtet Julia Holters grandioses fünftes Album ihren avantgardistischen Chamberpop an den Rand der Undurchdringbarkeit – ein zunächst überwältigendes Klangchaos, das vom Wirrwarr des politischen Jetzt inspiriert ist. In ihren Texten jedoch greift sie, wie einst schon auf „Tragedy“, lieber Jahrhunderte alte Manuskripte auf, die sich nicht zuletzt auch um geflügeltes Federvieh drehen, das seine musikalische Entsprechung im Vogelträllern der Melodien findet. Mal orchestral prachtvoll in Höhen und Weiten strebend, mal bis aufs Ambiente reduziert auf kleinem Raum kreisend, wechselweise rhythmisch dringlich, erhebend leicht oder beengend unklar, nie weniger als ehrfurchtgebietend. (Uli Eulenbruch)


9

Die Nerven

Fake

[Glitterhouse]

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Eins vorweg: Die Nerven nerven nicht mehr. Das Trio aus Stuttgart hat den Noiserock-Anteil merklich eingedampft und dafür mit „Fake“ eine ganz eigene Form von Zugänglichkeit entwickelt. Über weite Strecken grooven Die Nerven fett und funky mitten auf die Tanzfläche und singen dabei selbstvergessen „Finde niemals zu dir selbst“ oder „Immer nur dagegen, aber gegen was“. Ja, so kämpft die Post-Post-Irgendwas-Seele nicht nur gegen die inneren Dämonen einer immer komplexeren Welt, sondern zunehmend gegen ein Heer von informierten, besserwissenden Nussschalenskippern in einem Meer aus „Fake“(-news): „Denn weil früher alles besser war/ geordnet und gewissenhaft/ denk ich nicht nach und doch so viel“. (Mark-Oliver Schröder)


8

U.S. Girls

In A Poem Unlimited

[4ad / Beggars]

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Meghan Remy ist ein kleines Disco/Pop/Funk-Meisterwerk gelungen. Politisch und streitbar, verpackt sie unter ihrem Moniker scharfzüngige Kritik in pulsierende Popsongs. Es geht um Mißbrauch, Vernachlässigung und Erniedrigung, jedoch nicht aus Sicht der Opferrolle, sondern mit dem Herz der Kämpferin, die nicht selten in die Beobachterrolle zu schlüpfen scheint. Unwiderstehlich treibt sie dabei ihre fordernden Songs nach vorne, im herausragenden „Pearly Gates“ gemeinsam mit James Baley, dessen Stimme die Nadelstiche wie das dazugehörige Kissen abfängt. Doch vor allem ist „In A Poem Unlimited“ immer noch ein mit größtmöglichem Spielraum ausgestattetes Popalbum in seiner bestmöglichen Darreichungsform. (Carl Ackfeld)


7

Low

Double Negative

[Sub Pop]

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Wer bei Low nur Slowcore und wohlige Kontemplation in Sound denkt, könnte von „Double Negative“ einen Schluckauf bekommen. Das Trio aus Duluth hat für sein zwölftes Album eine musikalische Abzweigung aus seinem über 20 Jahre entfalteten Kanon genommen, die irgendwie – wenn man kurz nachdenkt – nur logisch erscheint: den elektronisch, erzeugten Loop, als weitgehend strukturierendes Element. Dieser fügt sich mit seinem wohligen Gebrumme und Geplucker so nahtlos und selbstverständlich in den langsamen Fluss ihrer Songs, als wäre er schon immer dort gewesen – unerhört, in der Tiefe. Dieser nicht ganz neue Kniff, den man durchaus aus dem Post-Rock der „Millions Now Living…“- Phase von Tortoise kennt, katapultiert Low allerdings ins Jetzt und verleiht der Band, abseits der Kategorie „beständigste Slowcore-Band“, eine völlig neue Relevanz. Ein meisterhaftes Alterswerk? Vielleicht, aber sicherlich ein großartiges Album, wenn nicht gar das beste bis jetzt. (Mark-Oliver Schröder)


6

Deafheaven

Ordinary Corrupt Human Love

[Epitaph]

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Die befreundeten Touché Amoré haben es schon auf ihrem dritten Album „Is Survived By“ festgestellt: „It’s hard to write content.“ Zufrieden schreibt es sich schlecht, vor allem wenn die persönlichen Dramen – wie im Fall von Deafheaven – drei Alben lang perfekt zum zwischen sanfter Melancholie und Weltuntergang schwankenden Shoegaze-Black-Metal passten. Was also tun? Zunächst hat das Ich auf „Ordinary Corrupt Human Love“ Pause, George Clarke schreit und singt (!) in schwülstigen Metaphern und mit literarischen Querverweisen von zufällig beobachteten Fremden, die sieben Songs sollen seine „Wertschätzung des Alltäglichen“ zum Ausdruck bringen. Vor allem aber lassen die Kalifornier mehr Licht durch ihre Arrangements strahlen, es gibt neuerdings Classic-Rock-Passagen und am Ende von „Canary Yellow“ sogar einen schunkelnden Kneipenchor. In einer Hinsicht bleiben sich Deafheaven jedoch treu: Auch auf „Ordinary Corrupt Human Love“ wird jeder Wohlklang früher oder später von einem Blastbeat-Gewitter zerpflückt. (Daniel Welsch)


5

Parquet Courts

Wide Awake!

[Rough Trade]

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Allen Nachrufen zum Trotz hat sich (Indie-)Rock auch 2018 nicht erledigt. Mit „Wide Awake!“ gelingt Parquet Courts das Kunststück, die besten Momente der New Yorker Gitarrenmusik – vom psychedelischen Art-Rock des Velvet Underground über minimalistischen Post-Punk zum zackigen Indierock der Strokes – noch einmal aufleben zu lassen, ohne dabei nostalgisch zurückzublicken. Kein Funken „Früher war alles besser!“ steckt in der Musik des Quartetts, das den aktuellen Zustand der Welt natürlich dennoch ziemlich bedenklich findet. Doch die beiden Sänger Andrew Savage und Austin Brown verfallen in ihren mit Dringlichkeit vorgetragenen Texten nie in Zynismus oder Resignation, kommentieren die Beschissenheit der Dinge vielmehr mit trockenem Humor. In jedem von Brian Burton aka Danger Mouse in Szene gesetzten Ton auf „Wide Awake!“ schwingt die Überzeugung mit, dass man auch 2018 mit Gitarren die Welt ein klein bisschen besser machen kann. Insofern sind Parquet Courts doch Nostalgiker, aber auf eine gute Art. (Daniel Welsch)


4

Mitski

Be The Cowboy

[Dead Oceans]

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Große Rocksongs ohne überflüssigen Exzess – mit jedem ihrer Alben zeigt sich die Amerikanerin deutlicher als deren gegenwärtige Meisterin. Denn während die halbstündige Spiellänge gleich bleibt, wird die Trackliste von Werk zu Werk länger, voller minutiös arrangierter Kompositionen mit maximaler Ausdruckskraft. Mitskis Songs haben meistens entweder gar keinen Refrain, mehrere verschiedene oder wiederholen ihren einzigen nicht, vermitteln (narrative) Entwicklung statt Auf-der-Stelle-Treten auch im melismatischen Fluss ihrer Worte, der in „Why Didn’t You Stop Me?“ Pixies-ähnlich unstet und von einer einfallenden Gitarre unterbrochen wird, um die instrumentale Leitmelodie anzukündigen. Deutlich reifer produziert als „Puberty 2“, untersucht „Be The Cowboy“ Identitätsfragen und ist Ausdruck persönlicher Stärke, selten wundervoller als im eröffnenden „Geyser“, dessen einziger Refrain genug Emotion vom Stapel lässt, um der ganzen Welt ein warmes Kribbeln im Rücken heraufzubeschwören. (Uli Eulenbruch)


3

Iceage

Beyondless

[Matador / Beggars]

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Wer hätte 2011 nach den zugegebenenermaßen schon großen Debüt „New Brigade“ geahnt, welchen Weg diese fünf jungen Dänen noch nehmen würden. Dabei haben sie mit einer Konsequenz ein großes Album nach dem nächsten veröffentlicht, die so auch nicht unbedingt zu erwarten waren. Besonderes Augenmerk verdient dabei sicher die Entwicklung ihres Sängers Elias Bender Ronnenfelt, dessen Stimme sich immer weiter in den Vordergrund schob, aber auch musikalisch bewegte sich die Band weg vom harschen noisigen Punk hin zu immer raffinierteren Arrangements und – streckenweise augenzwinkernden – Verweisen. „Beyondless“ macht hier keine Ausnahme und glänzt einmal mehr mit vermeintlich abwegigen Schlenkern, Streichern, einer Blechbläser-Sektion und einem Duett – mit Sky Ferrara – für die Ewigkeit. (Mark-Oliver Schröder)


2

Robyn

Honey

[Embassy Of Music]

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Es war das Comeback 2018: Acht Jahre nach der Body-Talk-Trilogie stand Robyn plötzlich wieder vor der Tür, Herzschmerz, Selbstzweifel und Killer-Beats im Gepäck. Wer hätte gedacht, dass dieser Sound heute noch gebraucht wird? Aus der Musik gewordenen Einsamkeit namens „Dancing On My Own“ wurde „Missing U„, aus „U Should Know Better“ die Empowermenthymne „Ever Again“, aus dem offensiv-angepissten „Don’t Fucking Tell Me What To Do“ die catchy Subtext-Ode „Between The Lines“. Ein Blick in die Jahresendlisten zeigt: So ein bisschen Verlässlichkeit und Nostalgie geht immer. Und mit Robyn sowieso. (Benedict Weskott)


1

Kali Uchis

Isolation

[Virgin]

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Ihren unverkennbaren Stil hatte Kali Uchis bereits auf ihrer 2015er-EP „Por Vida“ gefunden – sowohl visuell, in Form ihrer süßlich pastellgetönten Designs und selbst gedrehten Musikvideos, als auch in ihrer fast schon psychedelisch narkotischen Melange von R’n’B-Pop, Bossa Nova, Funk oder Doo Wop. Als nicht nur hookreicher, sondern nochmal betörender traumhaft erweist sich ihr Debütalbum, das bei aller atmosphärischen Dichte mehr als ein Korn bodenständigen Realismus enthält. Uchis‘ Biographie ist von Migration geprägt – nach der Geburt in den USA zog sie mit ihren Eltern in deren kolumbianische Heimat zurück, nur um im Jahr 2000 erneut wegen der Konflikte zu flüchten –, und so steht nicht nur mit der Reggaeton-Sternstunde „Nuestro Planeta“ ein hispanophoner Song exakt im Zentrum des Albums, auch klagt „Your Teeth In My Neck“ die Ausnutzung eingewanderter Arbeitskräfte an oder entwickelt sich „Miami“ vom fernen Zufluchtsort („When I was just a little girl/ Had my sight set on a bigger world/ Got myself a Visa/ Started catching flights to where the grass is greener“) zum Revier („Live fast and never die/ I’m moving at the speed of light/ I’ll take your money, raise the price/ blow up the spot like dynamite“). Gleichermaßen kompromisslos entfaltet sich das Album im harmonischen Gesamtfluss statt als wahllose Playlist-Stoffsammlung, Beat-Intensität konzentriert oder Grooves vertiefen sich über einzelne Sektionen von „Isolation“, das derartig zum Paradebeispiel für Stärke durch Diversität wird. (Uli Eulenbruch)

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Ein Kommentar zu “AUFTOUREN 2018 – Das Jahr in Tönen”

  1. Sunbather sagt:

    Wie immer sehr schöne Liste mit vielen Perlen und einigen Entdeckungen mit denen man (erneut) beschäftigen kann.

    #1 auf jeden Fall auch eine meiner positivsten Überraschungen des Jahres, hätte nicht erwartet wie gut mir das Album gefällt und das es immer wieder seinen Weg in die Rotation gefunden hat.

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