AUFTOUREN 2018 – Das Jahr in Tönen

Ein Jahr auf fünfzig Werke zusammenzustampfen, das ist auch bei aller Playlist-Atomisierung vieler Musikhörender nicht weniger unmöglich geworden. Dennoch gab es wie immer 2018 Alben, die bei einer Mehrheit von uns besonders viel Anklang fanden.

Ob Pop oder Experiment, Eskapismus oder knallharte Gegenwartskonfrontation, die Spannbreite ist nicht nur in Sachen Sound und Stil einmal mehr gegeben. Wer es unbedingt noch bunter und obskurer braucht, muss sich bis zu unseren individuelleren Listen geduldigen, heute gibt es die lange erwarteten Top 10 unserer Konsensliste.


30

Demdike Stare

Passion

[Modern Love]

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Mit eigentlich nur zwei Alben gegenüber mehreren Compilations, EP-, Single- oder Mixtape-Reihen sind Andy Votel und Sean Canty eher für viele kürzere Werke bekannt. Als Doppel-EP markiert „Passion“ nicht nur abermals eine Auflockerung des Sammlungsformats, es ist mitunter schwer auszumachen, wo ein Track überhaupt aufhört und ein anderer beginnt. „Caps Have Gone“ endet zwar ebenso wüst hämmernd, wie es beginnt, nimmt aber zwischendurch einen so urplötzlichen Plinker-Ambient-Abstecher, dass es nicht minder desorientiert als das Stereokanal-Flittern im stimmverpitchten „You People Are Fucked“. Fußt dieses auf einem vergleichsweise stetigen House-Pochen, dekonstruieren Demdike Stare meistens jedoch Breakbeat- oder Grime-Beats in endzeitlich kaputten Noisepaletten – einerseits konsequenter als teilweise schon auf dem 2016er „Wonderland“, andererseits auch schon fast clubtauglich. Aber in was für einem Club denn nur? (Uli Eulenbruch)


29

Hermit And The Recluse

Orpheus Vs. The Sirens

[Obol For Charon]

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Neuer Name, neuer Produzent, neuer mythologischer Überbau. Doch wirklich viel verändert hat sich bei Ka nicht. Zwar verknüpft der Rapper und Feuerwehrmann aus Brownsville, New York auf „Orpheus Vs. The Sirens“ seine Geschichten mit Bildern und Motiven aus antiken griechischen Mythen – mit Geschichten aus der Unterwelt und den Gefahren von Sirenen kennt er sich allerdings ohnehin so gut wie Orpheus aus. Ka muss auch nicht erst die Dramentheorie von Aristoteles studieren, um aus Verrat, Rache und Reue explosive Handlungsstränge zu stricken. Nach „Days With Dr. Yen Lo“ aus dem Jahr 2015 arbeitet der stoische Rapper zum zweiten Mal auf Albumlänge mit einem Produzenten zusammen, bei dem zweiten Einsiedler des Projektnamens Hermit And The Recluse handelt es sich um Animoss aus Los Angeles. Dessen Instrumentals knüpfen nahtlos an den Sound der vorherigen Alben an, geben Ka über minimalistische Zeitlupen-Beats viel Raum, das zu tun, was er am besten kann: Mit wenigen Worten viel sagen. Das gelingt ihm noch besser als auf „Honor Killed The Samurai“ vor zwei Jahren, weshalb „Orpheus Vs. The Sirens“ keine Überraschung, aber eines der besten Alben des Jahres ist. (Daniel Welsch)


28

Jeff Rosenstock

POST-

[Specialist Subject]

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Direkt am 1. Januar lieferte Jeff Rosenstock eines der politischsten Alben des Jahres. „POST-“ ist knapp ein Jahr nach dem Amtsantritt Donald Trumps bittere Abrechnung und düsterer Ausblick zugleich. In wütenden Versen arbeitet sich Rosenstock an dem ab, was er und viele liberale US-Amerikaner für unmöglich gehalten hatten. Die teils zeternde Stimme paart sich mit hymnischem Power-Pop, der manchmal so gar nicht richtig weiß, welche Richtung er nehmen soll und spiegelt so das veränderte gesellschaftliche Klima ein ums andere Mal perfekt wider. Ein Happy End gibt es diesmal nicht. Dieses Eingestehen von Schwäche und Ratlosigkeit macht „POST-“ dann auch zu einem Album, das über dieses Jahr hinaus wirken könnte. (Felix Lammert-Siepmann)


27

Marissa Nadler

For My Crimes

[Pias / Bella Union]

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Es ist nicht mehr nur karger Folk, den Marissa Nadler auf ihrem nunmehr achten Album zu Gehör bringt. Seit „July“ von 2014 bekommen die Songs neue Facetten, die sich auf „For My Crimes“ vor allem durch ein illustres Stelldichein an Gästen auszeichnen. Nadlers hypnotische Nachtschatten werden uunter anderem von Sharon Van Etten, Angel Olsen und Kristin Olsen sekundiert, doch wer jetzt Stückwerk erwartet, wird enttäucht: Die Songs sind noch dichter und dunkler geworden, die Melodien plastischer und greifbarer, die Themen trauriger und intensiver. Melancholie ohne Prunk und Pomp, dafür aber eben mit dem Pfeil ins Herz. (Carl Ackfeld)


26

Tropical Fuck Storm

A Laughing Death In Meatspace

[Joyful Noise]

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Selten ergibt sich der Sound einer Supergroup gleichermaßen aufregend und ziemlich genau so wie erwartet. Die intensiven Gesangsharmonien von Erica Dunns akkurat benannter Band Harmony treffen auf die noisigen Saitenschwünge von The Drones in Form von Gareth Liddlard und Fiona Kitschin und entladen sich in wütendem, verkrachtem, höchst idiosynkratischem Bluesrock. Mal im Duett, choral, mal als Gegengewicht oder gänzlich die Führung übernehmend, haben die Stimmen Dunns und Kitschins mindestens eine ebenso große Präsenz wie der eigentliche Leadgesang Liddlards, projizieren letztendlich aber Einigkeit gegenüber den Objekten ihres Zorns. Die Dynamiken der Songs sind so mannigfaltig wie die kaputten und verkrachten Soundverzerrungen, aber wer nach der eröffnenden Entladung „You Let My Tyres Down“ nicht sofort an Bord ist, muss sich eine neue Lieblingsplatte wohl woanders suchen. (Uli Eulenbruch)


25

Sons Of Kemet

Your Queen Is A Reptile

[Impulse]

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Shabaka Hutchings mag als Saxophonist viel Energie in seine Atemwege legen, das dritte Album seiner Band Sons Of Kemet prischt jedoch mit den Füßen voran. Ultradicht verwoben wie in „My Queen Is Harriet Tubman“ lassen die Grooves der beiden Drummer Tom Skinner und Eddie Hick keinen Ruhemoment aufkommen, Hutchings und Theon Cross‘ Tuba in einem nicht minder rasant-lebendigen Dialog, als wollten sie die umfangreiche Lebensgeschichte der legendären Abolitionistin zumindest ansatzweise nacherzählen. Andere Stücke entfalten sich reduzierter mit Tiefengang, stehen aber auch für eine ähnlich wichtige Figur der Geschichte, die in von weißen Männern verfassten Geschichtsbüchern unverhältnismäßig wenig Anerkennung findet. Einzig das eröffnende „My Queen Is Ada Eastman“ ist für Hutchings noch mehr von persönlichem Gewicht – es ist seiner Urgroßmutter gewidmet. (Uli Eulenbruch)


24

The Blaze

Dancehall

[Believe Digital]

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Wie schön es doch ist, wenn der Hype gerechtfertigt ist! Und der war bei The Blaze wirklich beachtlich: Die Videos zu „Virile„, „Territory“ und „Heaven“ hatten schon in letzten zwei Jahren Millionen Klicks eingefangen, als noch gar nicht viel über die Musik zu den Bildern bekannt war. Die hyperästhetischen Welten zwischen Algier, Plattenbau, Familie, Liebe und Zusammenhalt bringt das Pariser Duo als tragendes Gefühl in die Musik aus sehnsuchtsvollen Beats, heruntergepitchtem Gesang und progressivem Songaufbau. Mit „Queens“ als Leadsingle ist „Dancehall“ damit ein vielseitiges und eindrucksvolles Debüt, dessen atmosphärischer Vibe sich lange festsetzt. (Benedict Weskott)


23

IDLES

Joy As An Act Of Resistance.

[Pias / Partisan]

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„My blood brother is an immigrant/ A beautiful immigrant.” Positiver Punk, wie ihn IDLES auf „Joy As An Act Of Resistance.“ zelebrieren, ist eben deshalb erfrischend, weil er so aus-vollem-Herzen-ehrlich wirkt. Die absurden Texte von „Brutalism“ wurden größtenteils ersetzt durch Botschaften, die den Zusammenhalt aller Menschen feiern und die Einzigartigkeit eines jeden hervorheben. Das mag zwar simpel klingen, aber im Zusammenspiel mit der Attitüde und dem sehr direkten Punk von IDLES gewinnen diese Texte an zusätzlicher Stärke, so dass es eine Vielzahl an zitierwürdigen Stellen gibt. Das Album ist Sozialkritik und Aufforderung zur Selbstliebe zugleich, Nächstenliebe wie auch pure Inklusion. Oder wie IDLES sagen würden: „If someone talked to you/ The way you do to you/ I’d put their teeth through/ Love yourself.” (Pierre Rosinsky)


22

DJ Koze

Knock Knock

[Pampa]

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Bei DJ Koze ist schwer zu sagen, ob er sich weniger um Konventionen oder um Zugänglichkeit schert, aber auf jeden Fall gehört er zu den Künstler*innen, die einfach keine langweilige, geschweige denn schlechte Musik machen können. Dementsprechend ist „Knock Knock“ wieder ein wahres Meisterwerk. Mit Features von Róisín Murphy, Sophia Kennedy, Bon Iver, José Gonzalez und Mano Le Tough ist die Platte vielseitig, vertrackt, seltsam, undurchsichtig, überraschend, dadaistisch, catchy… Die Liste könnte ewig weitergehen und das weiß auch Sir Elton John, der DJ Kozes 80er-Disco-Sommerhit „Pick Up“ in seiner Radioshow spielte. Der verdiente Ritterschlag für ein Wahnsinnsalbum. (Benedict Weskott)


21

Beach House

7

[Pias / Bella Union]

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Im Vorfeld war vieles wie so oft vor einem Beach-House-Release. Zuallererst stand die Frage, ob das Duo seinen inzwischen fast einmaligen Stil behutsam weiterentwickeln könne, ohne sich substanziell zu wiederholen. Dazu kam die immense Erwartungshaltung, die durch die Vorabsongs angeheizt wurde. Wie (fast) immer bei Beach House waren alle Sorgen unbegründet, denn „7“ setzt genau die richtigen Schwerpunkte. Wenn nötig, ziehen sich Beach House so weit zurück wie selten zuvor („L’inconnue“), um andererseits im nächsten Moment leidenschaftlich nach vorne zu preschen („Dark Spring“). Gerade hier wird deutlich, dass ihr Sound grundsätzlich eine lange Geschichte hinter sich hat. Von den naiven Anfängen vor über zehn Jahren hat er sich zu einer dichten und sinnlichen Konstante entwickelt. (Felix Lammert-Siepmann)

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Ein Kommentar zu “AUFTOUREN 2018 – Das Jahr in Tönen”

  1. Sunbather sagt:

    Wie immer sehr schöne Liste mit vielen Perlen und einigen Entdeckungen mit denen man (erneut) beschäftigen kann.

    #1 auf jeden Fall auch eine meiner positivsten Überraschungen des Jahres, hätte nicht erwartet wie gut mir das Album gefällt und das es immer wieder seinen Weg in die Rotation gefunden hat.

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