AUFTOUREN 2018 – Das Jahr in Tönen

Ein Jahr auf fünfzig Werke zusammenzustampfen, das ist auch bei aller Playlist-Atomisierung vieler Musikhörender nicht weniger unmöglich geworden. Dennoch gab es wie immer 2018 Alben, die bei einer Mehrheit von uns besonders viel Anklang fanden.

Ob Pop oder Experiment, Eskapismus oder knallharte Gegenwartskonfrontation, die Spannbreite ist nicht nur in Sachen Sound und Stil einmal mehr gegeben. Wer es unbedingt noch bunter und obskurer braucht, muss sich bis zu unseren individuelleren Listen geduldigen, heute gibt es die lange erwarteten Top 10 unserer Konsensliste.


40

Let’s Eat Grandma

I’m All Ears

[Transgressive]

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Welch ein zweites Album! Es beginnt beinahe wie These New Puritans und legt damit eine völlig falsche Fährte und auch der von SOPHIE auf der Höhe der Zeit produzierte Pop von „Hot Pink“ ist nur eine Episode auf „I’m All Ears“. Die beiden Jugendfreundinnen Rosa Walton und Jenny Hollingworth sind aus ihrer bisherigen Kinderzimmer-Elfen-Welt in der – bisweilen – Hölle der Adoleszenz mit allen ihren Selbstbehauptungs- und Verteilungskämpfen und post-pubertären Wirren angekommen und das kommt auch in der Musik zum Tragen. Diese ist dunkler geworden, die Psychedelik ist nicht mehr nur die des neonleuchtenden Märchenwaldes, sondern vermischt sich mit der LED-reinweißen Detoxphase am Morgen danach. Und dann endet das Album auch noch mit einem Track, der „Donnie Darko“ heißt – was soll da noch schiefgehen? (Mark-Oliver Schröder)


39

Saba

CARE FOR ME

[Saba Pivot, LLC]

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Zuweilen geschieht es, dass ein Ereignis im Leben eines Künstlers dessen Werke überschatten. Mit seinem zweiten Album jedoch gibt der Rapper aus Chicago ein Paradebeispiel für die Kraft der Kunst, Tragödien und Trauma zu konfrontieren. Von Beginn an sinniert Saba packend über den grundlosen Mord an seinem Cousin Walter Long Jr. („Jesus got killed for our sins/ Walter got killed for a coat“), dessen Verarbeitung ihm seine Depression ebenso erschwert wie den Umgang mit der Berühmtheit nach seinem Debüt. „CARE FOR ME“ ist persönliche Katharsis, blickt aber auch empathisch und politisch auf die Missstände im Leben anderer und gipfelt schließlich in der Himmelfahrt „HEAVEN ALL AROUND ME“ – erst hier scheint es, als fände Sabas unruhig in Tonhöhe und Dichte oszillierender Flow für ein paar Minuten Ruhe. (Uli Eulenbruch)


38

Tomberlin

At Weddings

[Saddle Creek]

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Labelverwandtschaften, die man nicht wegdiskutieren kann. Behutsam und zart und dabei immer ein wenig versponnen, lässt es Sarah Beth Tomberlin auf ihrem Debut „At Weddings“ für Saddle Creek angehen. Dabei entstehen Songs, so flüchtig wie Skizzen und so pointiert wie Tagebucheinträge. Tomberlin beschäftigt das Erwachsenwerden, das Suchen und Finden, und das in einer Allerseelenruhe, die man der jungen Frau ob ihrer 23 Lenze und dem Willen des Aufbruchs nicht unbedingt zutrauen würde. Intim instrumentiert klingt „At Weddings“ mal nach Grouper, jedoch ohne deren Ätherik, dafür aber nach jugendlichem Wehmut, knisternder Gänsehaut und fragilem Seelenleben. (Carl Ackfeld)


37

Janelle Monáe

Dirty Computer

[Atlantic]

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Ein hochambitioniertes Sci-Fi-Konzeptalbum, das zugleich in voller Länge als afrofuturistisches Musikvideo erscheint? Ach, da hat wohl Janelle Monáe mal wieder was Neues rausgebracht. Mit genug Symbolismus und kulturellen Referenzen gefüllt für ein paar Dutzend Masterarbeiten, mit mühelosen Harmonien und pointiertem Rap, in Text und Video offensichtlich feministischer, queerer und menschlicher denn je und alles in allem ein mit nichts anderem in diesem Jahr auch nur ansatzweise vergleichbares Spektakel? Ja, da hat wohl Janelle Monáe mal wieder was Neues rausgebracht. (Uli Eulenbruch)


36

KIDS SEE GHOSTS

KIDS SEE GHOSTS

[G.O.O.D. Music]

„I feel free.“ Man kann Kanye Wests „shaky-ass year“ 2018 auch als kompromisslose Suche nach Freiheit lesen, die sein problematisches Verständnis des Konzepts offenbart. Frei zu sein, bedeutet für den 41-jährigen, das (vermeintlich) Unsagbare sagen zu dürfen und die Regeln der Moral und Vernunft hinter sich zu lassen. Selbst die Genesung seiner psychischen Erkrankung und die Befreiung von dem damit verbundenen Schmerz kann er in „Freeee (Ghost Town, Pt.2)“ nur als gefühllose Ignoranz imaginieren. Mit Kid Cudi hat er sich für sein drittes Wyoming-Projekt „KIDS SEE GHOSTS“ einen Gegenpart gesucht, der zwar psychisch mit ähnlichen Problemen kämpft, diesen Kampf jedoch ohne die egoistische und zerstörerische Energie seines Partners bestreitet. Während Kanye West in „Reborn“ das Chaos zelebriert, in das er sich und sein Umfeld mit jeder neuen Kontroverse stürzt, sucht Kid Cudi einen Weg raus: „I’m moving forward.“ Im Gegensatz zu Wests Solowerk „Ye“, bei dem das inhaltliche Chaos für ein chaotisches, unfertiges Album sorgte, lebt der psychedelische Emo-Rap auf „KIDS SEE GHOSTS“ von dieser Widersprüchlichkeit, dem Fragmentarischen und Kaputten. (Daniel Welsch)


35

Lucy Dacus

Historian

[Matador / Beggars]

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Als ein Drittel von boygenius (nebst Julien Baker und Phoebe Bridgers) ist die Amerikanerin mit ihrem zweiten Soloalbum gleich mal für zwei große Gitarrenhighlights des Jahres verantwortlich. Seit ihrem 2016er-Debüt „No Burden“ deutlich im Sound gereift, hat die Amerikanerin auf „Historian“ aber mehr noch Gesang und Songwriting raffiniert zu dem Punkt, dass selbst die beiden Siebenminüter „Night Shift“ (okay, aufgerundete sechseinhalb) und „Pillar Of Truth“ keine Sekunde im Leerlauf zu verbringen scheinen: Alles hat Funktion, bewirkt einen rhythmischen oder melodiösen Effekt oder antizipiert den nächsten. Erst in der Mitte des Eröffnungsstücks stimmt Dacus überhaupt den Refrain an – und dreht in einem triumphal den Verzerrer auf. (Uli Eulenbruch)


34

Sandro Perri

In Another Life

[Constellation]

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„In Another Life“ besteht aus vier Songs, doch zu seiner vollen unscheinbaren Pracht wächst es bereits mit dem ersten davon. Ein subtil variiertes Analog-Synth-Motiv stellt im 24-minütigen Loop das Grundgerüst für melancholische Vocals, zahlreiche Gitarren- und Pianomelodiewolken, die der Kanadier mit einer traumtänzerischen Leichthändigkeit drumherum arrangiert. Dass der folgende Dreiteiler „Everybody’s Paris“ nicht nur wegen Dan Bejars Gesang ebensosehr an „Kaputt“ erinnert, aber nicht ganz die Eleganz des Eröffnungsstücks erreicht, kann die besondere Qualität dieses Albums nur geringfügig mindern. (Uli Eulenbruch)


33

Anna Von Hausswolff

Dead Magic

[City Slang]

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Der etwas aufgelockerte Einstieg ins Album kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Dead Magic“ vor allem ein unheimlich bedrückender Koloss ist. Denn geradezu stakkatoartig und mit Ansage nähert sich Anna von Hausswollfs bisher konsistentestes Album zum Mittelpart in „Ugly and Vengeful“ unvermeintlich dem Abgrund, um dann letztmals kurz aufzuflackern und das Ende der Welt einzuläuten. Genau an diesem Punkt wird die Virtuosität am eindrucksvollsten deutlich: Wie in einer Messe und nur von der bloßen Orgel – für von Hausswolff seit jeher keine Unbekannte – begleitet wird der verlorene Kampf zelebriert, bevor sich „Dead Magic“ mit fröstelnden Drones verabschiedet. (Felix Lammert-Siepmann)


32

Cloud Nothings

Last Building Burning

[Pias / Wichita]

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Entgegen anders lautender Gerüchte gab es auch in diesem Jahr noch genug Gelegenheit, als Fan der schrammeligen Gitarre Spaß zu haben. Etwas überraschend ganz vorne mit dabei: Dylan Baldi und seine Mannen. Abgeschrieben waren sie zwar nicht, aber nach dem für viele Ohren etwas zu glattem Vorgänger kommt „Last Buildung Burning“ einem Befreiungsschlag gleich. Geschickt drückt die Band Einflüsse von den späten 1990er Jahren (Fugazi) bis zum Beginn der 2000er (…Trail Of Dead) in ein unnachahmlich energiegeladenes Lo-Fi-Gewand. Klar, alles nichts Funkelnagelneues und mit ziemlicher Sicherheit wird die Zukunft so nicht klingen, doch über allem steht das Gefühl, dass genau so ein Album, genau so ein Sound gerade in diesem Jahr dringlich gewesen ist. (Felix Lammert-Siepmann)


31

Kero Kero Bonito

Time ‘n’ Place

[Polyvinyl]

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Kero Kero Bonito waren mit den ersten Singles ihres quietschbunt-bumsfidelen Electro-Pop wie die naiven Sprösslinge des Londoner Kollektivs PC Music, begannen aber bereits auf ihrem Debütalbum, mit der Verantwortung des mündigen Erwachsenenlebens zu hadern. Dass das Nachfolgewerk weniger Songs über Trampolingspringen beinhalten würde, war so schon abzusehen, nicht aber, dass Kero Kero Bonito zur Schrammelrock-Band mutieren würden. Diese kühne Wandlung haben die Ohrwurmmelodien aber ebenso überstanden wie die Lust des Trios an der Genre-Dekonstruktion, was spätestens dann klar wird, wenn „Only Acting“ wild zu glitchen beginnt, als wäre gerade der Computer abgestürzt. Don’t Panic, it’s just KKB! (Uli Eulenbruch)

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Ein Kommentar zu “AUFTOUREN 2018 – Das Jahr in Tönen”

  1. Sunbather sagt:

    Wie immer sehr schöne Liste mit vielen Perlen und einigen Entdeckungen mit denen man (erneut) beschäftigen kann.

    #1 auf jeden Fall auch eine meiner positivsten Überraschungen des Jahres, hätte nicht erwartet wie gut mir das Album gefällt und das es immer wieder seinen Weg in die Rotation gefunden hat.

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