Es ist nicht leicht, den Kopf immer oben zu halten. Nach vorne zu schauen, kann schon mal im Nebel enden. „Ich sehe eine goldene Zukunft und nicht viel mehr“, heißt es im Titelsong von „Goldene Zukunft“. Optimismus klingt hier am ehesten wie der Mittel zum Zweck, um an der Realität nicht zu verzweifeln. Damit dürfte Das Paradies vielen aus dem Herzen sprechen, doch nicht nur deshalb sind zur Veröffentlichung viele Ohren auf das Projekt von Florian Sievers gerichtet, der bisher vor allem als Teil des Duos Talking To Turtles bekannt war.

Denn Indiepop auf Deutsch, das ist schwieriges Terrain. Auf Englisch werden schleimig-kitschige Texte schnell mal durchgewunken, deutschsprachige Musik hat es da schwerer und muss sprachlich schon einiges bieten. Genau deshalb sticht Das Paradies so deutlich hervor. Kleine Augenblicke, Ereignisse und Beobachtungen bekommen auf seinem Debüt eine große Bühne und machen neben der bittersüß-hoffnungsvollen Grundhaltung den ganzen Charme des Albums aus.

So wird aus Beobachtungen auf dem Jahrmarkt ein lyrisch und musikalisch einwandfreier, in seiner verschrobenen Detailschärfe absolut liebenswerter Song wie „Discoscooter“, der zwischen Campusradios und Supermarkt schon überall zu hören war. Als Symbol für Unersättlichtkeit und Ungeduld muss die sich reckende Giraffe herhalten, die (vermeintlich) eigentlich eh jederorts herankommt („Ich gebe zu, dass mein Freund das Bekommen ist/ Die Giraffe, sie streckt sich/ Schon-da-Sein mir mehr als willkommen ist“, „Die Giraffe Streckt Sich“).

Dabei wird das ganze Vermögen von Das Paradies und der deutschen Sprache deutlich („Ich schneide Fleisch und ich versäume, dass durch mich durch ein Fluss fließt“). Alles kann ein Songtext sein, wenn es richtig angegangen wird. Weil dies für das Leben genauso gilt, gibt es auch unverstellt zuversichtliche Momente auf „Goldene Zukunft“. „Wir sind die Autokorrektur und wir kriegen euch schon wieder hin“, singt Sievers in „Hinter Deiner Schönen Stirn“ und versucht damit, den Nebel zu lichten.

Danach wird es aber wieder melancholisch, weil Das Paradies letztendlich dann doch irgendwo im emotionalen Vakuum zwischen hoch und runter stecken bleibt („Ein schönes Unentschieden/ kurz vorm Schlusspfiff/ Eine Dehnung und kein Riss“). Florian Sievers‘ Texte und Melodien sind wie eine weiche Gewichtsdecke, die kuschelig überzieht, aber unerwartet schwer ist. Melancholie, Zuversicht und Geborgenheit liegen nah beieinander.

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