Jugo ÜrdensYUGO

Österreich ist seit mehreren Jahren nicht nur zurück auf der musikalischen Landkarte, sondern fast schon zur Wiege der neuen deutschsprachigen Musik geworden. Mit Wien als kreativem Zentrum hat sich hier zum Beispiel im Hiphop eine Ästhetik entwickelt, die gängige Posen und Attitüden re- und dekonstruiert und elektronische Beats, Autotune und die Melancholie für sich entdeckt hat. Nach den Exporten Yung Hurn, Money Boy, Crack Ignaz, LGoony und Hustensaft Jüngling und dem Erfolg von RIN (Stuttgart) und Haiyti (Hamburg) ist jetzt ein weiterer Name auf der Liste: Jugo Ürdens.

Nach dem Wahnsinnstrack „DiesDas“ schafft der selbsternannte „Prince Charming auf slawisch“ mit seinem Debütalbum „YUGO“ eindrucksvoll den Spagat zwischen Sadboy und Fuckboy, zwischen Nachdenklichkeit und Narzissmus – immer in feinstem Wienerisch und unterlegt mit auf den Punkt produzierten Beats und fettem Bass. Es geht hier nicht um Rumgockeln und die dickste Karre, sondern darum, was das Leben eigentlich sein soll, wer es bereichert und wer nicht. Denn das Leben ist nicht nur Turnup und Session: Menschen nutzen dich aus; Frauen wollen dich nur für den fame; Geld und Aussehen ist oft das einzige, was zählt.

Der Widerspruch zwischen Berühmt-werden- und Auf-dem-Boden-bleiben-Wollen macht Jugo Ürdens deshalb am meisten zu schaffen und zieht sich durch die ganze Platte. Gleich mehrere Tracks rechnen mit der Überheblichkeit und Oberflächlichkeit im Rapgame und in Freundschaften ab. „Verkaufe meine Seele, doch dafür ein gutes Leben“ („Läuft“), rappt Jugo Ürdens über seinen Plattenvertrag, thematisiert dann die Großmäuligkeit im Rapgame („Immer“) und gibt letztendlich selbstironisch zu: „Hab‘ nur paar tausend Klicks, doch benehm‘ mich, als ob ich nicht von dieser Welt wär'“ („Meier“). Tatsächlich happy wirkt er mit diesem Leben eh nicht: „Es geht immer nur ums Selbe/ Ganzen Tag nur Scheiße bauen, bis es einmal endet“ („Selbe“).

Dieser Punkt hat schon bei Yung Hurns „Love Hotel“-EP den Unterschied gemacht: Es geht um echte menschliche Regungen, um Intimität und ernst gemeinte Schlussfolgerungen („Am schönsten ist es immer noch allein“ („Allein“). Ganz ohne Chauvinismus kommt auch Jugo Ürdens nicht aus („Du bist mehr als nur ’ne side chick“, „Süß wie ein Oreo, Baby/ Streichel mir mein Ego“ („Allegro“)), aber im Vergleich zur expliziten Frauenfeindlichkeit, die im Hiphop nach wie vor zur Normalität gehört, gibt Jugo Ürdens letztendlich nur den pretty boi von nebenan („Danke, Mama, für die Augen/ Danke für die Wangenknochen“) mit großem Ego und großer Klappe, der vielleicht auch einfach nur mal in den Arm genommen werden und kuscheln möchte.

Das ist es auch, was von „YUGO“ hängen bleibt: Authentische Texte über Ängste, Leistungsdruck, familiäre („Vater“) und Drogenprobleme („Ich verstehs nicht“), immer durchsetzt mit bissigem Humor und doppelbödigen Seitenhieben auf sich selbst und andere („Bruder, was will ‚Juice‘? Ich will in die ‚Woman‘!“ („Woman“)). Und Musik, die dem Ganzen den perfekten Cloudraprahmen gibt. Läuft.

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