Diverse1+1=X

Sich selbst zu beschenken ist eigentlich vollkommen unterbewertet. Insofern hat das Londoner Label Erased Tapes in Sachen Eigenliebe alles richtig gemacht – und das ist nicht despiktierlich gemeint. Zum zehnten Geburtstag versammelte Labelgründer und -kurator Robert Raths alle seine Künstler*innen (darunter große Namen wie Nils Frahm, Kiasmos, Anne Müller, Rival Consoles und Douglas Dare) als Kollektiv im Berliner Vox-Ton-Studio, wo sie in verschiedenen Konstellationen insgesamt zwanzig Musikstücke aufnahmen, um diese dann als Geburtstagscompilation zu veröffentlichen. Das Ergebnis hört auf den Namen „1+1=X“ und ist Resümee und Momentaufnahme in einem.

Jene, denen der Name Erased Tapes bislang nichts sagte, bekommen hier eine Einführung in die musikalische Bandbreite des Labels. Auf Zugänglichkeit wird dabei nicht unbedingt wert gelegt, eher auf anspruchsvolle und gerne auch mal vollkommen unentzifferbare Klangwelten. Gleich die ersten Stücke der Compilation zeigen das deutlich. „Brutal Moderna“ von Qasim Naqvi klingt buchstäblich atemlos und „Long May It Sustain“ von A Winged Victory For The Sullen mäandert zwischen Streicherarrangements und Klavierakkorden ungreifbar durch die Ferne. Wirklich anstrengend wird es, wenn Daniel Brandt sich im hektischen Klang- und Perkussionsdickicht verstrickt und Douglas Dare mit hoffnungslos übersteuertem Gesang acht Minuten lang gegen die Geister ankämpft, die er rief.

Nach acht Tracks, die in Sachen Rhythmuswechsel und Abwechslungsreichtum ans Limit gehen, wirkt der melodische Ambient House von Kiasmos & Högni in „Zebra“ wie eine Aromatherapie. Sie leitet auch die elegischere, zugänglichere Hälfte von „1+1=X“ ein: Ben Lukas Boysen und Anne Müller setzen in ihren Stücken ausschließlich auf geschichtete Violinenlinien und -arpeggios, bevor Lubomyr Melnyk ganze 17 Minuten lang am Piano durch „Palisade 1“ steuert und dabei mehr als einmal Ludovico Einaudi und Yann Tiersen am Ufer zuwinkt. Peter Broderick beschert der Compilation mit dem indiefolkigen „The Perpetual Glow“ ihren poppigsten Moment, bevor die letzten Stücke mit Arthur Jeffes (von Penguin Cafe) und Nils Frahm sowie einem Remix von Rival Consoles zwischen Neoklassik und Ambient Techno noch einmal die ganze Bandbreite von Erased Tapes aufzeigen.

Auf „1+1=X“ ist also die Essenz einer zehnjährigen Label-Diskographie zu hören: Field Recordings, Spoken-Word-Elemente, Kratzen, Knarzen, Übersteuerung, Ätherisches, Elegisches, Martialisches – alles ist dabei. Für diejenigen, die mit der Musikfarbe von Erased Tapes und vor allem mit den experimentelleren Künstler*innen und Stücken bisher nichts anfangen konnten, wird auch diese Compilation keine Offenbarung sein. Alle, die dem Label hier eine erste Testfahrt geben oder ohnehin schon Teil der Gemeinde sind, ist „1+1=X“ der perfekte Roundup eines Portfolios, das in den letzten zehn Jahren weltweit Anerkennung und Beachtung gefunden hat.

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