So paradox es sich auch anhören mag: Deafheaven haben mit „Ordinary Corrupt Human Love“ wahrscheinlich die passende Platte für den Sommer veröffentlicht. Ein bisschen widersinnig ist das im ersten Moment deshalb, weil die fünfköpfige Band aus Kalifornien einen Mix aus Black Metal, Shoegaze und Post-Metal spielt – und gerade ersteres Genre nicht unbedingt für seine positive Grundstimmung bekannt ist. Deafheaven waren allerdings schon immer verkappte Melancholiker und auf ihrem vierten Album erhält diese Melancholie einen positiven Spin.

Mit ihrem Debüt „Roads To Judah“ noch ein Geheimtipp, legten Deafheaven mit „Sunbather“ 2013 ein Monster von einem Album vor, von dem man retrospektiv behaupten darf, dass es eine Zäsur darstellte. Wie selbstverständlich schaffte es diese Platte, die manchmal doch sehr auf Tradition ausgelegte Black-Metal-Szene für die Indie-Community zu öffnen. Plötzlich berichteten nicht nur Musikmagazine wie Pitchfork, Spex und Co. über diese Band, auch der Feuilleton entdeckte Deafheaven für sich. Was die französischen Größen Alcest Mitte der 2000er schon als shoegazig-ambienten Blackgaze-Genre mitbegründet hatten, setzte „Sunbather“ mit einer solchen Konsequenz und Verspieltheit durch, wie es sie vorher nicht gab. Die Zeit urteilte gar, dass diese Art von Post-Black-Metal teilweise so weit von traditionellen Mustern entrückt sei, „dass der Pop nicht weit ist“.

Schon damals fußte die Musik Deafheavens nicht nur auf Blackgaze-typischen Elementen wie extremen Lautstärke-und Tempowechseln, Reverb-und Delay-getränkten Gitarren oder monumentalen Songstrukturen, sondern bediente sich aller möglichen weiteren Einflüsse, darunter auch Noise, Post-Rock, Ambient oder Screamo. Diese Flexibilität und Bereitschaft, das eigene Soundrepertoire stetig zu erweitern, findet sich auch auf „Ordinary Corrupt Human Love“ wieder. Auf früheren Werken hat sich das besonders in den geschickt gesetzten Zwischenspielen gezeigt, die aus kleinen, meist rein instrumentellen Versatzstücken bestanden und einen Kontrast zu den monumentalen Songs bildeten. Diese Zwischenspiele finden sich auch auf dem neuen Werk wieder – allerdings zu vollen Songs ausgearbeitet, die auch für sich selbst stehen können und zudem mit cleanem Gesang überraschen.

Das melancholische „Near“ ist dafür beispielhaft, eine verträumte Ballade zwischen Shoegaze und Neo-Folk. Der Song untermauert das Talent der Gruppe, das Spiel mit den stillen Momenten nicht nur als Mittel zum Zweck sehen. „You Without End“ führt wiederum mit jazziger Instrumentierung und Klavier in die Platte, begleitet von George Clarkes keifendem Gesang. Was zuerst unverträglich anmutet, wächst mit einigen Durchläufen zu einem spannenden Gebilde verschiedener Stilrichtungen.

Auch die zentralen, härteren Stücke sind vermehrt mit ruhigeren Passagen versehen. „Glint“ baut mit post-rockigen Gitarren langsam ein melancholisches Gerüst, bevor dieses erbarmungslos und unmittelbar von einem Black-Metal-Gewitter eingerissen wird, Blast-Beats und gutturaler Gesang inklusive. „Canary Yellow“ darf sicherlich als eine Art düstere Verlautbarung an die Liebe verstanden werden, wenn Clarke dem Backgroundchor („On and on and on we choke on“) ein saftiges „My lover’s blood“ entgegenschreit.

So klingt wohl Liebe 2018 à la Deafheaven. Die Band schafft einmal mehr etwas Besonderes, indem sie noch mehr Melodien und Ideen in ihren Sound integriert. Klar, Deafheaven sind gleichzeitig auch ein wenig sanfter geworden, aber das nutzen sie zu ihrem eigenen Vorteil, denn kompositorisch gesehen ist „Ordinary Corrupt Human Love“ das beste Album der Kalifornier. Stimmungstechnisch entfernt sich die Band etwas von der düsteren Melancholie früherer Platten; dank softerer Arrangements wirken die Songs zwar weiterhin melancholisch, aber sie zeigen eine weitaus positivere Aussicht auf. In diesem Sinne ist die Musik Deafheavens wohl so etwas wie der Sonnenstrahl, der durch die trüben Nebelschwaden des Black-Metals scheint.

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