Auch wenn es in der kulturellen Rezeption manchmal so scheinen mag, handelt nicht jedes große emotionale Gitarrenalbum von Tod und Vergänglichkeit. Freudvolle Emotionen mit Musik auszudrücken, ist nicht weniger wichtig oder ehrenwert als Trauer, Empathie nicht weniger als Wut, Lust nicht weniger als Hass. Nach diesem kleinen Vielfühl-Plädoyer sei zwar gesagt, dass auch „All It Takes To Ruin It All“ keinen freudvollen Hintergrund hat – es ist jedoch nicht sein thematisches Gewicht, das imponiert.

Vielmehr fallen die genussvolle Schwere und Fülle der körnigen Verzerrung, der spielerische Antrieb so mitreißend ins Ohr und kleiden die Schwermut von No Thank Yous zweitem Album alles andere als spröde ein. „How Did I Get Here?“, fragt Kaytee Della Monica zu Beginn von „Dash“ in den Raum, die Unsicherheit nur noch untermauert vom Basslauf Evan Bernards, der plötzlich innehält und ihre Gitarre für eine Sekunde im Leeren hängen lässt. Zusehends verdichtet das Trio aus Philadelphia aber sein Spiel über galoppierende Triolen, die Saiten werden gewichtiger und voluminöser und im Refrain zum raumfüllenden Dröhnen, erleuchtet von vereinzelten Synth-Laternen.

Die Grundzüge der Songs, die Della Monica auf ihrem Mobiltelefon aufnahm, sind nur noch stellenweise in der maßvollen Rohheit ihrer Stimme wiederzufinden, die emo-untypisch zurückgenommen abgemischt und manchmal nicht verständlich auszumachen ist. Übergroß im Vordergrund steht sie dafür in „New England Patriots“, dem zentralen Albumstück, wenn sie in weiten Tonlagensprüngen von ihrem leukämiekranken Vater singt, dessen Atmung sie vor seinem Tod über einen Babymonitor aus einem anderen Raum überwachte („And I heard you breathing/ Inhale, exhaling“). So sprunghaft wie die Oktaven wechselt die fragmentarische Erinnerung zum letzten Telefonat der beiden, bei dem sie vom Sieg „seines“ Football-Teams berichtet. Die Trauer, welche diese Songs behandeln, ist keine lineare Entwicklung, schmerzende Lücken wechseln sich ab mit fortdauernden Bildern („And I can still hear you humming along/ Always certain to get the lyrics wrong“).

Wo Jeremy Bolm „Stage Four“ mit der letzten Voicemail seiner Mutter beendete, beginnt Della Monica „Veranda“ zwar auch mit einer ihres Vaters, jedoch einer aus glücklicheren Tagen, als er fernab jeder Tragik mit einem Glas Wein die Abendsonne liegt. Während diese erste Hälfte des Songs mit gedimmter Akustikgitarre unterlegt ist, spielt die Band in der zweiten mit geschlossener Dringlichkeit auf und trübt die Nostalgie mit gegenwärtigem Frust, lässt dabei aber leider die sonst so treffende Melodik missen. Anders das Finale „Space To Grieve“, das streichergebettet in einem anderen Kontext als prachtvoll durchgehen würde.

Della Monica schrieb den Song nicht über ihren Vater, sondern über Bernards Bruder, mit dem alle Bandmitglieder eng verbunden waren und der ein halbes Jahr nach ihrem Vater plötzlich verstarb. Ihm gehörte der Bassverstärker, der dem Albumsound auch an dieser Stelle seine rumorende Körperlichkeit verleiht, in seinem Gedenken singen alle drei gemeinsam über den schweren, aber nötigen Umgang mit Trauer: „So don’t be scared/ to hold on tight/ to ghosts who tuck/ you in at night/ I’m planting violets for you“. Keine leichte, simple Lösung, und so schmalzen auch die Streicher nicht über alles hinweg, sondern diffundieren im Rauschen des Basses.

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