Die Fallhöhe ist immens hoch. Bei der Titelwahl zu Zeal & Ardors offiziellem Debüt (aber drittem Album) muss man unweigerlich an Billie Holidays „Strange Fruit“ denken. Einer der wohl eindringlichsten und poetischsten Songs, der je zum Thema Rassismus verfasst wurde und der inzwischen wahrhaft ikonisch geworden ist. Wenn Zeal & Ardor alias Manuel Gagneux sich nun bei der Wahl des Albumtitels dieser Referenz bedient, lehnt er sich folglich recht weit aus dem Fenster.

Als vor ungefähr eineinhalb Jahren mit „Devil Is Fine“ das zweite Album von Zeal & Ardor auf Bandcamp erschien, schlugen die Wellen, auch die der Empörung, angesichts des dort vollführten Aktes der Selbstbemächtigung hoch. Was da aus den Boxen kroch, war ein Biest boschscher Prägung, eine Chimäre aus Slave- und Chaingang-Chant, Gospel, Blues und Black Metal. Unvereinbar? Weit gefehlt, das funktionierte und funktioniert hervorragend. Schließlich verfolgte Gagneux künstlerisch eine steile Idee: Afro-Amerikanern und Skandinaviern wurde seiner Ansicht nach der christliche Monotheismus mehr oder weniger aufoktroyiert. Daraus entwickelte er die Frage, wie ein Gospel klingen könnte, der nicht den Herrn, sondern den Gehörnten preist und ob sich das nicht mit den satanistischen Wurzeln des skandinavischen Black Metal verbinden ließe.

Getragen durch den internationalen Erfolg von „Devil Is Fine“ verfeinert Gagneux dieses musikalische Konzept auf „Stranger Fruit“, für das er sich mehr Zeit nahm als für frühere Werke. Vor allem, weil er verstärkt mit einer Band – die Zeal & Ardor jetzt auch live repräsentiert, zum Beispiel dieses Jahr in Wacken – statt mit Samples arbeitete und sich bekannte Größen wie Kurt Ballou oder Zebo Adam ins Studio holte. Das führt insgesamt zu einem fetteren, klareren Sound, was wiederum auch dem Songwriting von Gagneux zugutekommt, zu bestaunen unter anderem beim zu Karfreitag vorabveröffentlichten „Gravedigger’s Chant“, „Waste“ oder bei der das Album abschließenden Hymne „Built On Ashes“. Aber auch dazwischen gibt es einiges zu entdecken –  Bluesiges, Pastoral-Blasphemisches, Hymnisches und immer auch Abgründiges. Und ja, auch die an Dungeon Synth oder Yann Tiersen gemahnenden Miniaturen des Vorgängers finden sich wieder.

Der Neuheitsfaktor ist zwar für einige weg und ob sich Gagneux nun tatsächlich mit Billie Holiday messen will, sei dahingestellt, aber mit „Stranger Fruit“ ist ihm ein über die gesamte Länge mitreißendes Album gelungen, das im besten Sinne Crossover ist und zwischen den Zeilen viel Pop versprüht. Mal sehen, wie die Massen in Wacken auf dieses Monster reagieren.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum