Nach zwei starken Alben, die die Flexibilität und Kreativität der kanadischen Post-Punker Ought eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben, sind die Erwartungen an „Room Inside The World“ recht hoch. Die Wildheit vergangener Platten hat die Band dabei etwas eingedämmt und ein Werk geschaffen, das zart erscheint, sich vor Übertreibungen aber auch nicht scheut.

Dass Ought einen Hang zu ausschweifenden Songpassagen haben, bewiesen sie bereits auf ihrem Debüt „More Than Any Other Day“. Das zweite Album „Sun Coming Down“ zeigte dann erst recht die Wandelbarkeit der Band, die mit einem wilderen, roheren Sound aufbegehrte, ohne die Grundbausteine über Bord zu werfen. Vor allem wurde deutlich: Alben von Ought erschließen sich nicht direkt beim ersten Hördurchgang, dafür sind die angewandten Songmuster zu überbordend.

Eines der Unterscheidungsmerkmale dieser Band war und ist dabei ihr Sänger Tim Darcy. Im letzten Jahr noch solo unterwegs, hatte Darcy schon immer einen Hang zu einer Theatralik, die sich zwischen David Byrne und einem champagnertrinkenden Schnösel bewegte. Auf „Room Inside The World“ treibt er dieses Spiel auf die Spitze, legt eine Menge Pathos in seine Performance und experimentiert immer wieder mit seiner Stimme. Seine Band legt dafür die passenden Grundlagen, gerade Bass und Schlagzeug geben Darcys Stimme genug Freiraum, sodass dieser fast schon wie eine Autorität über den Songs schwebt.

Als Paradebeispiel für die Hinwendung zu noch mehr Theatralik steht „Desire“ im Mittelpunkt des Albums. Darcy trägt diesen Song nicht nur stimmlich, sondern beweist vor allem in der ersten Hälfte textlichen Witz: „The feel of your honey in the corner of my mouth […] Now we pause the tape for some laughter“. Die Melodramatik wird dem Publikum hier mit einem Augenzwinkern vorgetragen und wirkt auch deshalb so ehrlich. Im Outro sparen Ought ebenfalls nicht mit Drama, wenn sich zu Darcys Gesang noch Backgroundchor und Saxofon gesellen und das innere Auge schon den Liebesfilm-Abspann imaginiert. Das ist ganz großes Kino, nicht nur im übertragenen Sinne.

„Desire“ zeigt auch: Ought haben sich noch ein Stück weiter vom Post-Punk-Label wegbewegt. Der new-wavige Hit „These 3 Things“ wie auch das vertrackte „Disaffectation“ tanzen in der Hinsicht wortwörtlich aus der Reihe. Ansonsten nimmt sich die Band Zeit, experimentiert mit softeren Arrangements und anschwellenden Songstrukturen, die den kathartischen Ausbruch zum Ziel haben. Das gelingt fast immer, nur „Brief Shield“ verläuft ein bisschen ins Nichts und das sich auflösende Outro von „Alice“ wirkt zu gewollt.

Die Kanadier schaffen einmal mehr den Spagat, an dem Bands immer wieder scheitern: etwas Neues zu erschaffen und dabei den eigenen Sound nicht völlig aus dem Fenster zu schmeißen. Die Songs auf „Room Inside The World“ brauchen teilweise ein wenig Zeit zum Zünden, bleiben deshalb aber auch länger im Gedächtnis. Die Bemühungen, die kathartische Wildheit vergangener Platten in softere Arrangements zu verpacken, gelingen trotz stellenweiser Längen sehr gut. Und mit einer Frontstimme wie der von Tim Darcy kann es sowieso selten langweilig werden.

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