Es gibt kaum eine Band im weiten Indie-Universum, auf die sich Zuhörer unterschiedlichster musikalischer Neigung einigen können. Einerseits weil das bisherige Œuvre der Band Folk, Indiepop/rock, proggige Ausflüge, Countryeskes und weithin Artverwandtes an einen Tisch holte, zum anderen weil die Bande um den grundsympathischen Colin Meloy einfach immer mindestens ein Ass im Ärmel hatte, wenn es um den memorablen Hit der Saison ging.

„Severed“ vom neuesten Werk „I’ll Be You Girl“ ist genau solch einer. Zunächst verschreckt der behutsam aufgefrischte Sound, denn statt bisher auf nahezu jedwede elektronische Spezerei zu verzichten, bummern kräftige Synthieklänge durch ein erstaunlich lautes Szenario und auch die Strahlkraft und Vehemenz sowie das leicht psychedelisch-verschwurbelte Innere des Titels überraschen den auf Volksweisen und traditionelle Erzählungen geeichten Fan. Das eröffnende und kurz vor der Albumveröffentlichung ins Rennen geschickte „Once In My Life“ setzt dann zwar den bisher eingeschlagenen Weg fort, doch ist zuvor eine Erwartungshaltung geweckt worden, die „I’ll Be Your Girl“ nicht auf das erste Ohr halten kann.

Trotz aller Umsicht Meloys barg die Übergabe der Produktion an den geschätzten John Congleton Gefahren, die Fahrwasser des durch den bisherigen Produzenten Tucker Marine so bewährten Sounds zu verlieren und ins Trudeln zu geraten. Gerade beim ersten Höreindruck verfestigt sich ein indifferentes Hörerlebnis, das vor allem durch die scheinbare Zerklüftung des Albums in den Vordergrund rückt. Das im Four-to-the-floor-Beat badende „Cutting Stone“ etwa, welches nach The Killers in ihrer schwierigsten Phase klingt oder auch das mit „nanana“-Chören verzierte „Your Ghost“ wirken zunächst wie Fehlmuster in der bisher so geradlinigen Diskographie der Decemberists, schon beim vierten Hördurchgang ertappt man sich aber beim leisen Mitsingen, der Fuß wippt, der Körper wiegt im Takt.

Doch „I’ll be Your Girl“ bietet auch diese kostbaren Perlen, die das Quintett aus Portland wie selbstverständlich aus dem Ärmel schütteln kann. „Tripping Along“ klingt nach den Frühzeiten der Band, „Sucker’s Prayer“ hat schönste Klaviermomente und weicht auch nur wenig ab von den Americana-Momenten auf „The King Is Dead“. Die stärksten Momente des Albums folgen dann aber ganz klar im letzten Drittel. Solch ein herrliches Glam-Rock-Stück wie „We All Die Young“ hätte man den Decemberists nicht zugetraut und selbst wenn es mit am längsten braucht, um sich beim geneigten Fan zu etablieren, bringt es dann doch mit seiner nach Sweet und Sailor klingenden Stampf-Rhythmik, dem Kinderchor und Kinkerlitzchen wie dem stark in der Takelage liegenden Saxophon den gewissen Kick, den „I’ll Be Your Girl“ dann schlussendlich gebraucht hat, um sich nicht mit dem immer noch sehr guten „The King Is Dead“ um die schwächste Veröffentlichung der Band zu streiten. Und dann ist da ja noch das 8-Minuten-Epos „Rusalka, Rusalka/The Wild Rushes“, das schon jetzt an der Pforte zur ewigen Bestenliste der Band steht.

Es sind bestimmt genau solche Werke, die langlebig sind und zu Lieblingsalben mutieren. Diese Werke, die zunächst überraschen und verwirren. Vielleicht verärgern, weil sie das Gewohnte nicht mehr bieten und gar auf das erste Ohr beliebig, belanglos oder gar fade klingen. Doch jedem (Neu-)Anfang wohnt ein Zauber inne und den erlangen die Darlings des Indiefolks auch mit dem behutsam aufgerüschten neuen Sound.

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