Neoklassische Musik hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich von der Nische ins kollektive Musikbewusstsein vorgearbeitet. Martin Kohlstedt bespielte beim Reeperbahn Festival 2017 seine eigene Bühne mit einem aufwendig produzierten, audiovisuellen Konzept, Nils Frahm schreibt Soundtracks für preisgekrönte Filme, genießt mit Labelkollege Ólafur Arnalds längst Kultstatus und Federico Albanese wird für elektronische Musikfestivals gebucht.

Der allgegenwärtige Fokus der Neoklassik mit ihrer Kombination aus klassischem Piano und elektronischen Sounds ist die Nacht in all ihren Farben. Albanese machte das im Titel seines Debüts „The Houseboat And The Moon“ bereits deutlich. Schon die damaligen Stücke lebten von den Bildern, die sie im Kopf produzierten. Nach der blauen Stunde zwischen Tag und Nacht, die Albanese auf „The Blue Hour“ so explizit zum Thema machte, geht es mit „By The Deep Sea“ jetzt ins blaue Element – von der Oberfläche bis zum Grund. Das beginnt mit den 682 Schritten („682 Steps“), die es auf dem Fußweg vom Haus seiner Mutter bis zu einem Fels am Ufer des Meeres brauchte.

Kleine und große Geschichten lassen sich bei Albanese überall erahnen, in der rein instrumentalen Musik bleiben sie aber oft der Fantasie überlassen. „Slow Within“ könnte in einem wogenden Algenwald spielen, der wenige Meter unter der Wasseroberfläche im Mondlicht von den Wellen bewegt wird. Weg vom Meer und mitten in die Stadt geht es mit „Boardwalk“, in dem das geschäftige Treiben auf den Straßen Berlins zu Musik wird. „Veiled“ führt wieder zurück zu sich kräuselnden Wellen und spritzender Gischt. Insgesamt ist „By The Deep Sea“ musikalisch vielseitiger und facettenreicher als die Vorgänger und damit eher ein Sammelband mit verschiedenen Erzählungen als eine Geschichte mit zwölf Kapiteln, wie „The Blue Hour“ es war.

Federico Albaneses dritte Platte ist deutlich reichhaltiger instrumentiert. Neu sind zum Beispiel ausladende Streicherarrangements, die den Raum in einigen Stücken („We Were There“, „Mauer Blues„, „Your Lunar Way“) mit mehr Klang füllen, das Pathoslevel aber etwas zu weit nach oben schrauben. Sounds wie aus dem Vibraphon oder Teremin, zu denen sich behutsam erst ein und dann zwei Celli gesellen, bestimmen das Stück „Untold“. Die bewährte, minimalistische Kombination aus Piano und Synthesizer im Titelstück verbreitet wiederum die gewohnte Stimmung zwischen Melancholie und Sehnsucht, die Neoklassik nicht nur schön, sondern auch sehr intensiv macht. Albaneses Kopfkino für die Ohren funktioniert also auch am und im Meer und gibt mit der Zeit immer mehr von seinen Nuancen preis.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum