Sam Vance-LawHomotopia

Wie in neuerer Zeit wieder häufiger begann der Erstkontakt mit einem neuen Künstler über ein erstes Video. Im Falle Sam Vance-Laws handelte es sich um No Dramas Clip zu „Prettyboy“, der allein schon durch die Vorherrschaft sämtlicher Pastelltöne ins Auge stach. Doch auch die fidele Truppe von Senioren, die Inbrunst der choralen Arrangements und der flotte Uptempo-Beat machten deutlich Lust auf mehr.

Man hört „Homotopia“ die musikalische Sozialisation des Kanadiers an. Kaum Popmusik, vielmehr Klassik bestimmte die frühen Jahre des ehemaligen Chorknaben und so verwundern auch die barocken Bläser in „Stat. Rap.“ keineswegs. Überhaupt wird viel geblasen und gestrichen auf diesem Album, für dessen Produktion sich Konstantin Gropper alias Get Well Soon verantwortlich zeichnet. Dessen letztes Album „Love“, doch auch die großen umarmenden Alben eines Neil Hannon, eines Rufus Wainwright, auch der positive Sarkasmus John Grants scheinen hier Einzug zu halten und verankern sich in den wie selbstverständlich plakativ betitelten Nummern wie „Gayby“, „Faggot“ oder „Narcissus 2.0.“.

Vor allem „Faggot“ ist dabei ziemlich bissig geraten und hebt sich durch den erheblichen Gitarreneinsatz ein wenig über die aufreizend gute Laune hinweg. Hier erinnert Vance-Law an die schrägen Dramen Ezra Furmans auf dessen aktuellem Album „Transangelic Exodus“, doch während Furman Fratzen schneidet, lässt der Wahlberliner keinen Zweifel an seinen von Haus aus guten Manieren aufkommen. Selbst der Kopulationsakt zu dritt wird in feinsten Popzwirn gehüllt und getreu dem Motto „Take It Fast“ in angemessenem Tempo vollzogen. Immer wieder fallen auf „Homotopia“ dazu musikalische Einschlüsse auf, die augenscheinlich erst einmal gar nichts mit den eigentlichen Songs zu tun haben. Aus dem Nichts kommende Kirchenglocken, spontan angestimmte Engelschöre, Tempoirritationen.

Sam Vance-Law nutzt diese Vielfalt zu einer kammermusikalischen Explosion an Themen, die alle schwulen Lebenslagen beleuchten. Mal träumt er von einem schwulen Utopia und vergnügt sich nur am frechen Wortwitz („Isle Of Men“), dann wieder von Selbstliebe und Dorian Gray („Narcissus 2.0“). Immer dabei: Streicher. Bläser. Konzertantes Erleben. Vieles auf „Homotopia“, inklusive dem kammermusikalischen Vorspiel „Wanted To“ erinnert an eine kurze Intimität, ernsthaft, aber flüchtig. Nicht immer bequem, aber aus der Erinnerung heraus erträglich. So richtig übers Ziel hinaus schießt Vance-Law, dessen Stimme mit einem erstaunlich hohen Wiedererkennungswert punktet, nie, doch zerklüftet er die Songs seines Erstlings erstaunlicherweise doch häufiger als einem lieb ist.

„Prettyboy“ wäre ohne die Tempobrüche der Indie-Disco-Hit der Saison und „Let’s Get Married“ mit weniger Hall der Traum für Hochzeitsausmärsche jedweder Gelegenheit. Es ist augenscheinlich, dass Vance-Law Autobiographisches mit Wunschdenken und zuweilen gar Stereotypem verknüpft und zusammen in bunteste Farben hüllt. Dass diese jedoch immer so hell zu strahlen vermögen wie auf dem vom Norbert Bisky gestalteten Covermotiv „Musa Tropicana“, lässt „Homotopia“ so ein wenig vermissen. Augenzwinkern hin und her, zur wahren Größe fehlen ein paar Zwischentöne, doch dafür hat der junge Mann mit dem linkischen Lächeln sicherlich noch ein paar Ideen für einen zweiten Entwurf in der Hinterhand.

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