In Zeiten des digitalen wie visuellen Anprangerns geht von Zeit zu Zeit die Stimme verloren. Parolen, zeichengeschwängerter Protest, Hashtagging: gerade in den vergangenen Jahren führt die zunehmende Verknappung zu einer augenscheinlichen Symbolisierung des Dagegenseins. Musik als Sprachrohr funktioniert dagegen seit Jahrzehnten ohne visuelle oder abstrakte Unterfütterung. Sicherlich, die Videos von U.S. Girls sind mehr oder weniger Zeichen zur Zeit, doch die eigentlichen Waffen stecken in den scharfkantigen Texten der Wahlamerikanerin.

Dabei singt Meghan Remy, als könne sie nur selten ein Wässerchen trüben. Schon auf den ersten Alben – „In A Poem Unlimited“ ist ihr mittlerweile sechstes – streitbar, aber eher im Experimentellen und Verborgenen fischend, hat sich das Blatt deutlich in Richtung Pop gewendet. Doch während „Half Free“ noch Bindeglied zu den frühen Rohheiten war, ist Remy auf ihrem neuen Album eklektisch wie zuvor, aber auch melodisch gereift. Lupenrein ist ihr Popentwurf immer noch nicht, vielmehr ein immerwährend blubberndes Gebräu, dessen Rhythmusneigung auch schon mal in Richtung Disco schielt. So wie bei „M.A.H.“, in dessen vorwurfsvollem Text sie niedlich wie einst Kylie Minoque die Leistungen vergangener Präsidenten verurteilt und dabei spannenderweise genau dann damit aufhört, wenn man den größten Beispiellieferanten vermutet. Das pulsierende „Rosebud“ erinnert an die „Discosis“-Phase von Bran Van 3000, überhaupt schmiegen sich die Songs auf „In A Poem Unlimited“ schon sehr offensichtlich in Richtung Soul und Funk, jedoch ohne deren lasziven Unterbau im Hinterkopf zu haben.

„Incidental Boogie“ ist beiläufig wie der Blick in den Flur der Nachbarwohnung, in der sich geliebt, gestritten und vielleicht sogar schlimmer misshandelt oder missbraucht wird. Remy nimmt auch hier wenig Fahrt raus, vielmehr scheint sie die Szenerie am eigenen Leib nachempfinden zu können. Wie sonst lassen sich so drastische wie dramatisch nüchterne Beobachtungen verstehen: „But now, I got this man to show me that I’m all wrong/ He hits me left, he hits me right/ All the time, but no marks/ No marks, no evidence to see/ Don’t you know these days I feel so lucky?“ Noch weiter geht das herausragende „Pearly Gates“, das sich erstens die sagenhafte Stimmfarbe James Baleys für den Refrain ausleiht, den es sich wiederum bei Warren G und Nate Doggs „Regulate“ ausgeborgt hat. Vordergründig ein famoses Popkabinettstückchen, doch geht es um (verbalen) Missbrauch, um Erniedrigung, um falsch verstandene Demut. Dinge, die Remy mit starker Stimme benennt, anklagt und gemeinsam mit Ehemann und Co-Produzent Max Turnbull sowie dem Instrumentalensemble The Cosmic Range in sehr ansprechende Gewänder kleidet.

„Poem“ oder auch das eröffnende „Velvet 4 Sale“ sind Popsongs, für die Madonna in ihren Glanztagen morden würde, „Time“ ist ein orgiastischer Funkzug in feiner 70er-Jahre-Vintage-Kleidung mit Gniedelgitarre, Saxophon, Synthkapriolen, Discobongos und hallenden Gesangslinien.

Viel Finesse, viel Freiheit, jedoch nicht viel Spielraum für Interpretationen: U.S. Girls ist Protest in seiner bestmöglichen Darreichungsform. Ohne viele Kniffe und Knoten, ohne wilde Abkürzungen und Andeutungen. Dafür aber realistisch, privat und unbequem. Und mit größtmöglichem Pop-Appeal. Ein musikalischer wie sprachlicher Triumph.

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