Vorweg gesagt: „Man Of The Woods“ ist vermutlich das erste Justin-Timberlake-Album, das ich bewusst mit der Intention hörte, es zu rezensieren. Allein schon der Titel seines mittlerweile fünften Soloalbums ließ aufhorchen: Sollte das ehemalige Boyband-Sternchen nach seinen weltumspannenden Gehversuchen in Pop, R’n’B und Funk sich nun tatsächlich auch in eine dieser einsamen Waldhütten zurückgezogen haben? Ob der seit geraumen Zeit heeren Zahl an Alben, die eben mit solchen Vorzeichen entstanden sind, könnte man fast auf die Idee kommen, dass sich JT als Trittbrettfahrer verdingt. Wie es der Zufall so will, klingt „Man Of The Woods“ allerdings bis zum bitteren Ende in keinster Weise nach bärtigem Zauselfolk. Doch nicht nur das ist irritierend.

Alle haben am 05. Januar hingeschaut, als Timberlake mit „Filthy“ nach der „20/20 Experience“ den bebrillten Steve-Jobs-Lookalike gab und schnell rieb man sich verwundert die Augen und Ohren. Gut, die verstrahlten Synthies klangen zumindest mal neuartig, doch wo waren die sonst schon mit minimalen Mitteln erzeugten Melodien und Ideen früherer Alben? Ein eklatanter Wechsel unter den Produzenten und Co-Songschreibern war nicht auszumachen, so musste die zweite Single „Supplies“ mit ihrem Zeitgeschmack-Video herhalten, die zunächst ernüchternden Eindrücke zumindest ein wenig aufzuhellen. (Während diese Zeilen entstehen, läuft besagtes „Supplies“ zum ersten Mal im Albumkontext und ist wahrlich ein Glanzlicht). Doch auch dieses und das im Duett mit dem aktuell sehr angesagten Country-Rebellen Chris Stapleton vorgetragene „Say Something“ sind durchzogen von erstaunlicher Rückwärtsgewandtheit.

Alicia Keys hilft bei „Morning Light“ aus und bringt zumindest mal stimmliche Erbauung mit, doch sorgen der schwülstige Text und die ebenso glitschige Melodielinie für erhebliches Stirnrunzeln. „Midnight Summer Jam“, Sauce“ oder das ganz und gar unsinnige „Higher Higher“ mit Textzeilen voller an den Haaren herbeigezogenen Liebesschwüren und sehr offensichtlicher Näheforderung: „I might as well have been some butter, melting all over, girl, what?“ Eine Überraschung folgt bei „Flannel“, das irgendwie nach Cowboyboyband klingt und zumindest eine neue Nische auftut, doch schon das anschließende „Montana“ holt wieder eine softe Funkgitarre in den Vordergrund, die bedauerlicherweise mehr nach Charles & Eddie als nach Prince klingt.

„Man Of The Woods“ ist nicht gänzlich schlecht, es ist mutlos. Wenn doch eine Veränderung erfolgen hätte sollen, warum hat dann Timberlake nicht den wundervollen Happysound von „Can’t Stop The Feeling“ weiterentwickelt? Stattdessen blutleere Gitarrenlinien, ein Soundgefühl, so weich wie eine Box mit herbstfarbenen Taschentüchern und nur selten kleine originelle Einfälle wie das Flötenintro in „Livin` Off The Land“, das zumindest so ein wenig das Landleben evoziert. Doch dann folgt mit dem Refrain behäbige Kirchentagslyrik und Weltverbesserergestus: „I’m just a man doing the best that I can/ saint or a sinner, the loser can be a winner with a plan/ when you’re living off the land.“ Irritierend ist dabei weniger die Tatsache, dass Timberlake sich mit solch globalen Themen befasst denn dass er sie munter im Albumkontext zwischen seine handfesten Liebesliedchen streut. Und dann erinnert plötzlich „Young Man“ an Ed Sheeran und alles wird nachvollziehbar. Bewusstes Kalkül mag man Herrn Timberlake ja eigentlich nicht unterstellen, doch was der gute Justin auf „Man Of The Woods“ veranstaltet, ist schon eine ärgerliche, klebrige und vielleicht sogar berechnende Vorstellung.

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