Die Dänin Soho Rezanejad wandelt mithilfe ihrer persischen Wurzeln auf den Spuren der gerade in den vergangenen Jahren ziemlich vehement ins Licht gerückten Königinnen der Dunkelheit. Eine größer und größer werdende Nische, die zuletzt im vergangenen Jahr von Chelsea Wolfe, Zola Jesus oder Myrkur und nicht viel weniger Björk befeuert wurde. Rezanejad fügt aber ein wenig mehr Ätherik bei und erschafft vor allem durch ihren gliedernden Albumaufbau ein spannendes Gesamtkunstwerk, das nicht nur durch die abschließende, auf Farsi intonierte iranische Nationalhymne „Elegie“ zu einem wahren Wechselbad der Gefühlskultur wird.

„Six Archetypes“ ist ein Debüt, das Atem rauben kann. Rezanejad eine Vollblut-Künstlerin, die sich sowohl schon filmisch verdingt als auch mit einigen Kollaborationen und kleineren Soloveröffentlichungen auf sich aufmerksam gemacht hat. Künstlerin und Album, beide eklektisch, beide positiv zwingend, beide rast- und ruhelos. Für „Six Archetypes“ schlüpft Rezanejad in generalisierte Rollen und verbindet diese mit Nachtgedanken, die sie in mondfahle Popsongs hüllt. Auffällig ist, dass sich die Musikerin trotz vieler kurzer bis kürzester Passagen hörbar Zeit damit lässt, ihre melodischen Ideen auszuformulieren. Besonders augenscheinlich ist das sicherlich bei „Elegie“, das sich der instrumentalen Begleitung zunächst nahezu komplett entzieht und damit Schluss- und Ruhepunkt zugleich darstellt. Doch auch zuvor findet trotz aller Affinität für Industrial- oder Elektrospielereien vieles im Ruhigen, Verborgenen statt.

Rezanejad lässt Archetypen wie den Wächter oder Beschützer im eröffnenden „Pilot (The Guardian)“ langsam zu voller Größe wachsen. Es braucht dazu gute sechs Minuten, während um sie herum Metall auf Metall tropft und sie stimmlich zwischen Zola Jesus und Björk beschwörerisch ein erstes Beispiel ihrer musikalischen Verlockungen gibt. Wütend wird sie in „Reptile“, serviert ätherischen Pop, der auch ins Œuvre der mittleren Kate Bush gepasst hätte mit „December Song“ und setzt sich im langen und zynischen „Greed Wears A Disarming Face“ mit ebenso zynischer Absicht kunstvoll zwischen die Stühle der New Waver und New Romantics. Die eher kurzen Archetyp-Sequenzen sind vor allem frei in Aufbau und Struktur, doch während sie im kunstvollen „Voices In Archeytpes (The Seeker)“ mit Kopfstimme und Tremolo überzeugt, funktioniert „The Idealist“ als Kunstlied-Wiedergänger. Gerade durch diese kurzen, choralen Sequenzen gerät „Six Archetypes“ in all seinem eklektischen Facettenreichtum manchmal zu stückwerkig. Der Grundton, das Schattierte bleibt, genau wie der permanente Kunstanspruch und die Suche nach dem passenden Sprachduktus, doch wären ein paar der kurzen Versatzstücke auf konventionelle Art wirkungsvoller, schlagkräftiger geworden.

Es sind Klangräume voller eisiger Klaustrophobie, die Rezanejad erschafft. Ein instrumentales Dräuen, nah an den industriellen Artefakten eines Ben Frost. Mit ihrer Kontraaltstimme erzeugt sie zudem ähnlich vokales Gegengewicht wie Haley Fohr alias Circuit des Yeux, deren aufregende Theatralik sie aber nicht erreicht. Stattdessen experimentiert sie mit den dunklen Schatten einer Nico, ein Vergleich, der vor allem in den ruhigeren Momenten des Albums zu voller Blüte reift. Generell wirkt das Album für ein Debüt beinahe zu artizifiell und zu ambitioniert, mitunter gar ein wenig abschreckend, da Rezanejad weniger einbeziehend denn abstrahierend agiert. Doch dann erstrahlt der wunderbare „December Song“ im gleißenden Licht der Wintersonne und lässt genau die faszinierende, vielgestaltige, dunkle Kälte des Albums für einen kurzen Moment vergessen.

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