First Aid KitRuins

Tucker Marine (The Decemberists, My Morning Jacket) als Produzent, dazu Glenn Kotche (Wilco), Peter Buck (R.E.M.) und McKenzie Smith (Midlake) als musikalische Unterstützung – bereits die Erwähnung der Namen lässt bei der Hörerschaft amerikanisch geprägter Folkklänge Stehhaare zu Tage treten. Wenn diese illustre Gästeschar nun auch noch mit Klara und Johanna Söderberg gemeinsame Sache macht und die beiden Trennung, Schmerz und das ganze Drumherum thematisieren, kann ein wahres Wunderwerk entstehen. Wenn da nicht die zweite Albumhälfte wäre.

Vorweg gesagt: Der bisher größte Hit der Schwestern, „My Silver Lining“, hat einen ernsthaften Konkurrenten bekommen. Denn als mit „Fireworks“ Anfang des Jahres die zweite Single vom mittlerweile vierten Album der Schwedinnen erschien, ließ sich schnell erahnen, dass diese Hommage an die glitzernden Prom Nights der 50er-Jahre sich wunderbar im Ohr festsetzen konnte. Das geschmackvoll in die Zeit versetzende Video, lieblicher Girlgroup-Harmoniegesang und pendelnder 6/8-Takt – schöner hat man sich lange nicht im Glanz der sich langsam drehenden Discokugel an den Highschool-Schwarm erinnern können. In weihevollem Rückblick schwelgend machte „Fireworks“ erheblichen Appetit auf „Ruins“, auch das vorab veröffentlichte „It’s A Shame“ mit seiner Singalong-Atmosphäre sorgte für ein erfreutes Warten.

„Ruins“ orientiert sich sehr stark an amerikanischen Countrymelodien, was im Verlauf des Albums nicht nur eine Spur redundant wird. „Postcard“ fährt hier die ganz großen Geschütze auf: Steel-Guitar, ein helltönendes Honkytonk-Piano, dazu die in höchste Sphären brechenden Stimmen der Söderberg-Schwestern. Auch im zugehörigen Text scheint es, dass sich First Aid Kit an der Suche nach dem traurigsten Country-Song beteiligen wollen: „Send me a postcard/ when you get to where you’re going/ Send me a line/ to everything you’ve left behind.“ So ein bisschen Silberstreif ist dann aber wohl doch noch am Horizont zu erhaschen.

Generell gönnen sich die Geschwister ein wenig zu viel Komfortzone. Sicherlich, viele der Songs auf „Ruins“ sind wie auch schon auf den Vorgängeralben erheblich auf die hinreißenden Stimmfarben der beiden abgestimmt, doch ein bisschen mehr Mut hätten vor allem die letzten drei, vier Songs vertragen. Nach den hübschen Melodienschleifen von „My Wild Sweet Love“ überzeugt weithin eben vor allem der Gesang. Instrumentierung und Stimmung bleiben bei Songs wie „Distant Star“ zu konventionell, um an den begeisternden Anfang des Albums anzuschließen. So müssen es wie im Titelsong die Worte richten, die erfreulich wenig verklärt, sondern eher erinnerungsdurchzogen durch die Ruinen der einstigen Beziehungen streifen: „But I don’t take it back/ and in the night I hear your voice/ sometimes but it quickly passes/ In dreams I saw what I had thought/ could be some kind of answer/ You try and try and try until you cannot try no more/ Captured in our own ruins.“

Der kurze Live-Moment in „Hem Of Her Dress“ und die schöne, schlichte an Jewel erinnernde Gesangslinie von „Nothing Has To Be True“ sind noch einmal kurze Momente zum Aufmerksamkeit-Erregen, doch selbst der für First Aid Kit erhebliche instrumentale Ausbruch ganz zum Schluss schafft es nicht, das am Albumanfang erwartete Feuerwerk zum Finale zu bringen. Sicherlich kein Blindgänger, aber ein paar mehr Farbvarianten hätten es schon sein können. Demnächst dann vielleicht doch wieder mehr Silberstreifen.

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