Ein Album ist kein Livestream. Zwischen Aufnahme, Fertigstellung und Veröffentlichung vergehen in der Regel Monate, wenn nicht gar Jahre. So kann denn auch einmal ein Werk wie „Urge To Merge“ von Birthing Hips erst dann erscheinen, wenn sich die Band bereits einvernehmlich aufgelöst hat. Dass die Existenz des Bostoner Quartetts nicht von langer Dauer war, überrascht wenig angesichts der leicht entzündbaren Launen ihres grandiosen No-Wave-Punks, der in „Strip Tease“ von verschlurftem Sumpf-Groove auf einmal in Beethovens gegniedelte Neunte mutiert. Wie auch der fast konventionelle Surf-Rock im finalen „A Wish“ überrascht die vertraute Melodie deswegen, weil Birthing Hips ansonsten die schräge Zersetzung praktizieren. In „I Want This Place Impeccable“ umschwirren zwischen zwei Stimmen pendelnde Einzelnoten ebenso versprenkelte Akkorde, während Carrie Furniss inbrünstig gesprochen eine Art passiv-aggressive Notiz vorträgt, beim stürmischen „Sludge“ scheinen sämtliche Mitspielenden vor lauter chaotischem Zickzacklauf immer wieder aus dem Takt zu fliegen. Die Abmischung der Instrumente untergräbt derweil den gebündelten Rocksound von „Internet“, wenn Vocals und Bass immer ein wenig neben der Gitarrenspur stehen – dass auch dieser vermeintliche Fehlstand nur Kalkül ist, verrät zur Eröffnung des Albums „No Pressure“ mit seinem hochtönig vorangeshouteten Groove. Dass die Band ihr zweites und letztes Album im New Yorker Studio der ähnlich verqueren Ava Luna gemeinsam live einspielte, verleiht dem Ganzen eine elektrifizierte Rohheit, als würde man tatsächlich der Band gerade bei der Aufnahme beiwohnen – wenn es sie denn noch gäbe.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum