TyphoonOfferings

Typhoon aus Salem, Oregon machen die Art von Musik, die der geneigten Indie-Gemeinde Stehhaare bescheren können. Mit aktuell bis zu elf Mitgliedern eher einem Kollektiv gleichkommend, öffnen sie auf ihrem mittlerweile vierten Album „Offerings“ der Amnesie die Tür, indem sie über die Spieldauer von wagemutigen knapp 70 Minuten und 14 Songs ein langsames Verblassen nachzeichnen. Nicht immer konsequent, aber ziemlich eindrücklich mündet das Album schließlich in einem dreizehnminütigen Trancezustand namens „Sleep“.

„Offerings“ ist ein forderndes, gleichzeitig aber auch ein umarmendes, zuweilen gar zärtliches Album geworden. Beim Spiel mit Versatzstücken, die an Bands wie Arcade Fire, Sunset Rubdown oder Modest Mouse erinnern, mischen sich kleine kostbare Momente in die warm arrangierten Songs, die nicht immer einer strengen Linie folgen. Ähnlich einem Bewusstseinsstrom scheinen einzelne Gedanken des erlebenden Hauptprotagonisten vorbeizufliegen und den Fokus mal hierhin, mal dorthin zu verschieben. „Wake“ beginnt geheimnisvoll, mit leiser Melancholie, bis der auch von artverwandten Bands so gerne vielsagend eingesetzte Geisterchor die beschwörende Formel singt: „Asa Nisi Masa“. Fellini läßt grüßen. Schnell entsteht hier der Eindruck, dass sich die Band von allzu viel Kunst leiten lässt, doch Typhoon sparen nicht mit genretypischen Zutaten und setzen gekonnt Kontrapunkte.

Schon im folgenden „Rorschach“ pendelt die Gitarre im feinen Zwirn, Sänger Kyle Morton erinnert ein wenig an Spencer Krug und der Song wird zur hinreißenden Indiehymne. „Offerings“ plagen auf Albumlänge jedoch zwei entscheidende Probleme. Zum einen ist es die teils erhebliche Länge von Stücken wie „Empiricist“ oder „Unusual“, die zwar ähnlich packend konstruiert sind, deren hübsche Einfälle aber dann schlussendlich doch nicht aufregend genug sind, um wahlweise achteinhalb oder gut sechs Minuten zu tragen. Dazu kommt, dass mit zunehmender Dauer ein nicht unerhebliches Überforderungsgefühl entsteht, welches selbst die Gliederung des Albums in die vier übergeordneten Teile „Flood“, „Floodplains“, „Reckoning“ und „Afterparty“ nicht vollends wettmachen kann.

Typhoon sind auf „Offerings“ immer dann am besten, wenn sie den Melodiefäden freien Lauf lassen. Im intimen, dicht am lauschenden Ohr entlanglaufenden „Algernon“ etwa, dessen Pianofiguren immer mal wieder zurück ins Bewusstsein gebracht werden, wider dem Verblassen. Oder wenn sich Mortons weicher Bariton mit einer seiner Mitsängerinnen zum Stelldichein trifft und mit den Heerscharen von sirrenden Streichern und Synthieflächen zu vermählen scheint. Interessanterweise wirken die Kompositionen dabei weniger barock, als es die Instrumentierung vermuten ließe. Vielmehr bewegen sich Typhoon deutlich näher an aufreizend konventionellem Indierock der späten 00er-Jahre, nicht ohne bei „Unusual“ zunächst gar einen Hauch Dreampop ins Spiel zu bringen oder beim wunderbaren „Remember“ beherzt zum Taktmitwippen aufzurufen.

„Offerings“ lässt über seine Spieldauer hinweg eine erstaunliche Bandbreite zu, die gerade in den komplexeren und vielschichtigeren Stücken keine Aufmerksamkeitsdefizite verzeiht. Zu schnell verpasst man einen Moment, eine neue Idee und genauso schnell wird aus dem abwechslungsreich angelegten Werk ein schönes, aber erstaunlich schlichtes Album, dessen Vielfalt zu fordernd ist, um die dort besungenen, verblassenden Erinnerungen vorbeiziehen zu lassen. Was sich wie ein Widerspruch anhört, wird spätestens in „Sleep“ deutlich, dessen rauschhafter Mittelteil eben das sein soll und nicht etwa eine Überleitung zum Hidden Track. Eine Gratwanderung, die Typhoon in weiten Teilen gelingt, jedoch immer im Bewusstsein darüber, sich zufällig in der selbstauferlegten Komplexität zu verlieren.

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