AUFTOUREN 2017 – Geheime Beute

Das Jahr 2017 ist kalendarisch zu Ende – die Musik lebt weiter.

Als Beweis wollen wir auch diesmal wieder 30 feine, grandiose, unbeachtete, nischige oder einfach nur sehr schräge Werke vorstellen, die wir bis dato nicht angemessen würdigen konnten. Hier ist unsere Auswahl der Geheimen Beute für 2017.


Vagabon – Infinite Worlds [Marathon Artists]

Als Vagabon singt die kamerunische Künstlerin Laetitia Tamko mit entzückend warmer Stimme zu mal polternden, mal ruhigen und immer latent verspielten Instrumentierungen, die sich inhaltlich und musikalisch zwischen Sentimentalität und Hoffnung bewegen. Besonders auf „Fear & Force“ weiß sie dies geschmeidig zu verbinden. Ob Japanese Breakfast dieses Jahr ähnlich geklungen hätten, wenn sie sich gegen die Synthies entschieden hätten? Vermutlich nicht, denn die Eigenständigkeit ist Vagabon in keinster Weise abzusprechen. (Ulli Reusch)


TLC Fam – Isbethelo seGqom [Gqom Oh!]

Spätestens mit seiner letztjährigen Compilation machte das Label Gqom Oh! den kühlen, oft auf rohe Drums und synkopierte Vocal-Samples reduzierten Dance-Sound Durbans auch in europäischen Höhengraden bekannt. Größere Gqom-Einzelveröffentlichungen gab es dennoch seitdem nur in Form von EPs. Die (mit über einem Dutzend Mitgliedern selbst nicht gerade vereinzelte) Crew TLC Fam macht dafür schon im Albumtitel klar, wie Online-Datenbanken ihren Sound zu taggen haben – er bedeutet nicht weniger als den trocken perkussiven Anschlag, auf den sich der onomatopoetische Slangbegriff Gqom bezieht. Gqom pur gibt es hier also, doch in einer stimmungsdichten Bandbreite, die mal unter Grillenzirpen und Trillerpfeifen, mal unter ineinandergreifenden Stimmdynamiken durchgängig mitzucken lässt. (Uli Eulenbruch)


Grigax – Life Eater [Dullest]

King Woman hatte dieses Jahr, sicher auch weil mit Relapse ein dicker Fisch im Hintergrund schwamm, mehr als verdient ihren Durchbruch, mich hat allerdings Grigax wesentlich mehr geflasht. Was diese Eine-Frau-Band aus Portland mit „Life Eater“ abliefert, überspringt spielend diverse Genregrenzen. Sie mixt auf ihrem ersten Langspieler „Life Eater“ tonnenschweren, amerikanischen Wüsten-Doom mit krautiger Repetition, Goth, klaustrophobem 90er-Noise-Rock, flirrenden Drone und Anflügen von (US-)Black-Metal mit Leichtigkeit zu einem derart behexenden Höllenfeuer, dass man sich gerne in den Staub werfen möchte in Angesicht seiner eigenen niedrigen Existenz. (Mark-Oliver Schröder)


Friendship – Shock Out Of Season [Orindal]

Ein wenig mag die Stimme von Dan Wriggins mit ihrem sibilanten S-Laut und emotionaler Brüchigkeit an einen englischsprachigen Dirk Von Lowtzow erinnern (also jetzt ohne den Akzent). Seine Intonation hingegen erinnert nur stellenweise daran, dass er kein Gespräch führt, sondern die wollpulloverwarmen Songs seiner Band Friendship besingt, die dadurch nur noch an Intimität zulegen. Wenn er dann mal den Ball nicht ganz flach hält und sich über seufzende Americana-Slides, Rhodes-Touchierung oder zart nachhallende Perkussion erhebt, treten die bemerkenswert tragfähigen Melodien zutage, die diesem Album seine angeraute Emotionalität verleihen. (Uli Eulenbruch)


Oumou Sangaré – Mogoya [No Format!]

„Mogoya“ ist, je nach Sichtweise, Rockmusik in einem anderen Gewand oder die rockige Selbst-Neuerfindung Oumou Sangarés – in jedem Fall mitreißend. Von „Djoukouro“s treibendem, im Gitarrenbrezeln gipfelndem Turbogroove über den von Tony Allen betrommelten Basslauf „Yere Faga“s bis zu den komplex verzahnten, synthig bestäubten Saitenschwüngen „Bena Bena“s versprühen diese Songs eine Intensität, die keinerlei Vertrautheit mit dem bisherigen Schaffen der Malierin bedarf. Während Sangaré zwischen Call-and-response-Dynamiken weder ihre Traditionen noch Meinungen über Bord wirft, ist es vor allem das irrsinnig enge Zusammenspiel ihrer Band, das die Songs so packend macht – der Clou ist jedoch die fein abgestimmte Produktion, die weder zu dick noch zu dünn aufträgt. (Uli Eulenbruch)


Jabu – Sleep Heavy [Blackest Ever Black]

Nokturn, obskur, sinister … Begriffe, die sich in der schnelllebigen Welt des R’n’B nicht so ohne Weiteres wiederfinden. Jabu behaupten das Gegenteil und treten mit ihrer langsamen, auf der Stelle schlingernden Version in die Fußstapfen von 18+ oder der ganz frühen skelettartigen Soundwesen eines James Blake. Das Trio aus Bristol, bestehend aus den Sänger*innen Alex Rendall und Jasmine Butt und dem Produzenten Amos Childs, lädt ins Schlafzimmer und versprüht nicht nur im hinreißend knisternden „Get To You“ eine unterkühlte Erotik, die ihresgleichen sucht. „Sleep Heavy“ gleicht einem intimen Kammerspiel, das sich nicht immer vollends in die Karten schauen lassen will, sondern vor allem in seiner Schemenhaftigkeit aus angedeuteten Beats und den zerbrochenen Stimmen im Zwielicht bleiben möchte. (Carl Ackfeld)


Phoebe Bridgers – Stranger In The Alps [Dead Oceans]

Ob in Text, Vortrag oder Arrangement: Stranger In The Alps hat Songs, die aufhorchen lassen. Zwischen dem geisterhaften „Georgia“, dem beknarzt vorantrommelnden „Motion Sickness“ oder kontrastreichen Duetten mit Conor Oberst und John Doe kann Phoebe Bridgers bereits einen facettenreich gereiften Sound vorzeigen, doch was hängenbleibt, sind die harmonischen Wanderungen ihrer Melodiezüge oder auch nur ein verhalten optimistisch auslaufender Gitarrengang. Vor allem besitzt die Amerikanerin ein Gespür für verständliche, doch nicht unbedingt offensichtliche Formulierungen höchst persönlicher Todes- und Lebenserfahrungen, in denen Playlist- und Haarverlust ähnlich schwer wiegen. (Uli Eulenbruch)


dd elle – dd elle [Slow Release]

Die Klangpalette von dd elles Debütalbum ist Plastik: Plastik-Streicher, Plastik-Orgel, Plastik-Bass, Plastik-Snares, Plastik-Vocals. Soweit, so Post-Kitsch-Elektronik à la früher Oneohtrix Point Never oder Orange Milk, doch anstatt sich in den üblichen Vaporwave-Soundscapes und Beatgeflittern zu verlieren, besitzen dd elles Songs einen emotionalen Touch, der nicht unbedingt Vocals bedarf. Wie höchst merkwürdig instrumentierter, dennoch delikater Chamber-Pop entfalten sich so „dd’s Theme“ oder „Lover’s Leap“ über Glockenspiel, Klarinette und verwischten Pauken, „Silk“ badet in zerdelltem Pizzicato und „Latin Aphorism“ fährt ganz wunderbare Choral-Schnipsel über pulsierendem Synthesizer auf, dass man am liebsten darin baden würde.(Uli Eulenbruch)


Bedouine – Bedouine [Caroline]

Azniv Korkeijan hat unter ihrem Künstlernamen Bedouine mithilfe Matthew E. Whites Spacebomb-Label eines der intimsten, ruhigsten und intensivsten Folkalben des Jahres aufgenommen. Atmosphärisch nah am Schönklang der artverwandten Natalie Prass hört man bei der originär aus Syrien stammenden Musikerin ein tiefes Verständnis für eindringliches Songwriting heraus, was durch die luftigen, bei „One Of These Days“ nah am Country tänzelnden Arrangements noch verstärkt wird. Wenn poetischer Protestfolk darüber hinaus noch so fabelhafte Harmoniegesänge und weiche Gitarrenarpeggios wie in „Summer Colt“ bereithält, zeigt sich, dass „Bedouine“ ein wahrer Glücksfall für dieses Jahr war. (Carl Ackfeld)


Gabriel Garzón-Montano – Jardin [Stones Throw]

Mach’s selber: Für sein Debütalbum nahm es der New Yorker ernst mit DIY und spielte sämtliche Instrumente von Hand selbst ein. Das ist deshalb bemerkenswert, weil der Boom-Bap von „Sour Mango“, der jazzig-flächige Knarzgroove von „My Balloon“ oder der Knister-Soul-Funk so fein und komplex arrangiert sind wie Garzón-Montanos R’n’B-Vocals – doch die Mühe hat sich gelohnt. „Jardin“ ist eine höchst moderne und persönliche Vermischung verschiedener musikkulturreller Einflüsse des Sohns französisch-kolumbianischer Musikfans – und damit auch ein Beleg für die Qualitäten eines weltoffenen US-Amerikas. (Uli Eulenbruch)

Seiten: 1 2 3

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum