AUFTOUREN 2017 – Geheime Beute

Das Jahr 2017 ist kalendarisch zu Ende – die Musik lebt weiter.

Als Beweis wollen wir auch diesmal wieder 30 feine, grandiose, unbeachtete, nischige oder einfach nur sehr schräge Werke vorstellen, die wir bis dato nicht angemessen würdigen konnten. Hier ist unsere Auswahl der Geheimen Beute für 2017.


STILL – I [PAN]

Das Berliner PAN-Label bleibt eine kreative Bank. Neben der grandiosen Ambient-Compilation „Mono No Aware“, Pan Daijings psychedelischem Noise-Techno und dem Comeback-Album von Errorsmith kam die originellste Veröffentlichung vom Milaner Simone Trabucchi alias STILL. „I“ ist aus Trabucchis Geschichtsforschungen über die kolonialen Verbindungen seiner Heimatstadt zu Jamaika und Äthiopien erwachsen, aber alles andere als akademisch. Digitale Riddims zischeln und rattern wahlweise deep oder wild, afro-italienische Vokalist*innen geben den Ton an und auch mit glitchiger Verfremdung nimmt das Orgelspiel von „Haile Selassie Is The Micro-Chip“ sakrale Züge an. (Uli Eulenbruch)


Kaleema – Nómada [Tropical Twista]

Tropische Instrumentierung trifft metropole Beats: So facettiert wie der nomadische Lebenslauf von Heidi Lewandowski ist auch ihr Debütalbum als Kaleema. Durch die Arbeit ihres Vaters fürs Goethe-Institut kam sie schon als Kind in Buenos Aires mit elektronischer Musik aus Deutschland in Kontakt, doch sowohl die perkussiven Elemente als auch die Rhythmen auf „Nómada“ sind eher wie eine Reise quer durch die Anden. Ob sich „Retorno Del Saturno“ technoid ins Kosmische dehnt, Lido Pimienta im poppigen „Copal“ von harter Kickdrum und gedämpfter Flöte umzogen wird oder „Ritual“ einen dronigen Handtrommel-Workout vollzieht, stets bewahren Kaleemas Songs und Tracks eine geradezu meditative Grundruhe. (Uli Eulenbruch)


James Place – Voices Bloom [Umor Rex]

Auf seinem dritten Album schöpft der NewYorker das Potential der menschlichen Stimme aus, mehr als nur Rede- oder Gesangsorgan zu sein. Durch Sample-Manipulation wird sie in „Rumor And Choir“ zum perkussiven Flattern, in „Theatre“ zur ambienten Echotextur, in „Robin Weep“ zur synthigen Melodie. Nicht minder traumhaft wird der stets in ferne Erinnerungen greifende Ambient- und Kraut-Techno aber bei „Move In Blue“, wo sich die Vocals lange nur als endlos gedehnter Silbenansatz zeigen – wenn sie zum Mittelteil in ätherisch intonierte Worte zusammenwachsen, erinnert das wegen des sanft knisternden Beats glatt an Burial. (Uli Eulenbruch)


Ka Baird – Sapropelic Pycnic [Drag City]

„Sapropelic Pycnic“ beginnt schon zu trällern, bevor überhaupt die erste Flöte erklingt. Auch wenn mitunter sachte schiebende Beats oder schwirlende Synths das Bild ergänzen, prägt Ka Baird ihren Sound vorwiegend mit dem handlichen Blasinstrument. In verwobenen Schichten spannt es den Rahmen für das glasige, ausgedehnte „Transmigration“, hechelnd und trällernd flittert es in „Ka“ um Bairds ebenso grenzchaotisch geloopte Zischel-Samples und minimalistischen Pad-Groove. So psychedelisch wie seltsam zauberhaft. (Uli Eulenbruch)


Sarah Davachi – All My Circles Run [Students Of Decay]

Ein akustisches Drone-Instrumentarium? Sarah Davachi macht es vor: Auf „All My Circles Run“ bilden Streicher, Orgel, Piano und Stimme jeweils eine Komposition, die nicht nur im Klang, sondern überhaupt im Charakter höchst eigen sind. Von ambienter, melancholischer Schwere über oszillierendes Schweben bis zum sakralen Kurvenflug zeigt die Kanadierin, dass es nicht immer der Synthesizer sein muss. (Uli Eulenbruch)

Chino Amobi – PARADISO [UNO NYC]

In einem exzellenten Essay formulierte Liz Pelly unlängst ihre Befürchtung, dass Streaming-Dienste ihre vielgenutzten Playlist-Angebote derart auf störungsfreie Berieselung fokussieren, dass die derart konsumierte Musik zur bloßen Muzak verkommt. Chino Amobi will sicher nicht Teil dieses Ökosystems sein. Seine hochpolitischen Beats sollen alles andere als chillaxen oder Monday-morning-motivieren, sondern mit Sirenen und Pistolenschüssen wachrütteln – die Überladung ist in Kauf genommen. Selbst die gezupte Akustikgitarre in „ANTIKEIMENON“ besitzt eine leicht unbequem hohe Grundlautstärke, von den folgenden Noise-Einwürfen ganz zu schweigen. Nicht nur in kathartischer Hinsicht ist „PARADISO“ aber die Herausforderung wert: Seine apokalyptische Szenerie bietet auch immer wieder zarte, mitunter poppige Lichtblicke, bis diese von der Gewaltmaschinerie attackiert werden.(Uli Eulenbruch)


Flotation Toy Warning – The Machine That Made Us [Talitres]

Ladies And Gentlemen We Are Flotation Toy Warning In Space. Tolle Spiritualized–Referenzen mit Tiefgang, dabei verliert die Band sich aber trotz langer Songs nie in den Weiten des Universums. Orchestrale Arrangements treffen auf liebliche Gitarrenlinien und schweben in hohen, aber greifbareren Sphären als so manche Kollegen des Shoegaze-Genres. Und das ist nach der jahrelangen Pause seit ihrem Debüt besonders bemerkenswert. (Ulli Reusch)


Stabscotch – Uncanny Valley [Visual Disturbances]

Ein permanent angepisster Sänger, Saiten zum Rein- und Perkussion zum Draufhauen: Stabscotch haben alles, was eine generische Noiserockband braucht. Bereits die durchschnittlich sechsminütige Spiellänge, spätestens die Form seiner Songs macht aber klar, dass das Trio aus Indiana mit Genrekonventionen wenig am Hut hat. In „Black Effigy Speaks“ streifen übel verpitchte Synths und humpelnde Saiten über Drone-Krater, dräuender Bass verätzt in „The Fungal Brooden Rainforest“ ein psychedelisches Blockflötenfest und „Liberation // Dimensional Snot“ wird allein schon dadurch seltsam, dass anscheinend jemand vor der Aufnahme den Gitarrenverzerrer sabotiert hat. Sludge-Walzen wie „TDYКИLА-THУRУ WARA“ gibt’s dennoch reichlich. (Uli Eulenbruch)


DJ Lycox – Sonhos & Pesadelos [Príncipe]

Das Label Príncipe schien sich dieses Jahr nicht auf den verdienten Lorbeeren der letzten beiden Jahre auszuruhen, sondern untermauerte unter anderem mit Nídias (fka Nídia Minaj) furiosem „Nídia É Má, Nídia É Fudida“ das unberechenbare, aufregende Potential der schwer definierbaren afroportugiesischen Dance-Szene Lissabons. Ohne in chaotischer Energie und Drum-Dichte zurückzustehen, überrascht darunter besonders das Debütalbum von DJ Lycox, das schroffes Kuduro- und Kizomba-Uptempo mit sanft-atmosphärischer Melodik vermischt. Wenn das Klappern der Perkussion nachlässt, wird „Solteiro“ so zu regelrechtem Dreampop. (Uli Eulenbruch)


Nadah El Shazly – Ahwar [Nawa]

„Psychedelisches Verbindungselement von arabischer und westlicher Welt mit kosmopolitischem Überbau“ klingt zwar sehr technisch, trifft aber den Kern der Musik Nadah El Shazlys ziemlich direkt. Sozialisiert durch Punk und Elektro, hört man bei „Ahwar“ ein modernes Großstadtmärchen, das seine Inspiration aus traditionellen Instrumenten, Polytonalität und asynkopischer Rhythmik bezieht. Was Howie Lee mit seinen HipHop-Kollagen in China bastelt, setzt die aus Kairo stammende Nadah El Shazly für ihren eigenen Kulturraum gestaltwandlerisch zusammen, ohne dabei im Experimentierstatus stecken zu bleiben. Kein Album für ungeschulte Ohren, doch spätestens wenn die Psychorgel bei „Palmyra“ dem pulsierenden Beat Paroli bietet, lädt „Ahwar“ zum Eintritt in ein Zauberreich ein, welches nicht so fern ist, wie es auf den ersten Blick scheint. (Carl Ackfeld)

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