AUFTOUREN 2017 – Geheime Beute

Das Jahr 2017 ist kalendarisch zu Ende – die Musik lebt weiter.

Als Beweis wollen wir auch diesmal wieder 30 feine, grandiose, unbeachtete, nischige oder einfach nur sehr schräge Werke vorstellen, die wir bis dato nicht angemessen würdigen konnten. Hier ist unsere Auswahl der Geheimen Beute für 2017.


Jen Cloher – Jen Cloher [Marathon Artists]

Jen Cloher nimmt kein Blatt vor den Mund, nicht nur dann, wenn sie über die Diskrepanz zwischen dem Erfolg ihrer eigenen Musikkarriere und der ihrer Lebens- und Bandpartnerin Courtney Barnett singt. „Indie rock is full of privileged white kids/ I know because I’m one of them/ Who else has the luxury to gaze backwards? […] I went out on the road with my girlfriend/ I watched her have the career most people dream“ Ob im flott-verschrammelten „Strong Woman“ oder im Eddy-Current-ausgespannten „Analysis Paralysis“: Selbst wenn ihre Texte Bitterkeit über die australische Politik und Gesellschaft ausdrücken, beweisen Clohers Songs eine melodiöse Bestandskraft, wie sie den schwermütigen Rock ihrer Heimat seit Jahren auszeichnet – keines vermochte das 2017 besser als dieses. (Uli Eulenbruch)


Alessandro Cortini – AVANTI [Point Of Departure]

Anders als bei seinen eher brodelnden, bassigen Ambient-Werken geht Alessandro Cortini auf „AVANTI“ in die hohen Frequenzen synthetischer Drones. Knisternd-zerfasert, als hätte der Italiener seine analogen Synthesizer mit zu enthusiastischer Regelung übersteuert, steigern sich die Stücke immer wieder in gleißende Intensität, die mal an die emotionalen Maximalismen Sevendeaths‘ oder Ben Frosts, mal an die sublimeren Momente von Belong oder Eluvium erinnert. (Uli Eulenbruch)


Ifriqiyya Électrique – Rûwâhîne [Glitterbeat]

Wenige Alben waren dieses Jahr so herausragend und zugleich so schwer zu beschreiben wie dieses. „Rûwâhîne“ ist Sufi-Trance, Post-Punk, Industrial-Beat, polyrhythmischer oder krautiger Groove, spiritueller Gesang mit Höhlenecho, Fiepen und Hämmern, ekstatisch und geisterhaft. Für mehr möge man ausführlicher informative Pressetexte bemühen – aber vor allem unbedingt einmal in aller Ruhe zuhören. (Uli Eulenbruch)


Winter Family – South From Here [Ici D’ailleurs]

Xavier Klaine und Ruth Rosenthal sind Winter Family und seit 2007 auf der Suche nach dem verschrobensten Popsound des Universums. „South From Here“ ist ihr sechstes Album und bleibt dem bisherigen Klangkosmos treu, der irgendwo zwischen rauem Gothic-Pop und psychedelischen Punkfragementen oszilliert. Orgelsounds wie beim quicklebendigen „Spring Roll“ wechseln sich mit berstender Industrieästhetik ab, in „Miss Bonaventure“ lugen Sparks um die Ecke und irgendwie schreit „South From Here“ auf ganzer Spielzeitlänge nach den frühen, rohen und unbehauenen Songs der ersten Punkwelle. Doch mit „Delightful Blindness“ beweist das israelische Bandgespann auch ungeahnte Artpop-Qualitäten. (Carl Ackfeld)


Joanne Pollock – Stranger [Planet Mu]

Joanne Pollocks Electro-Pop hat Agilität und Politur. Die braucht er auch, mit einer Soundpalette zwischen mechanischem Klappern und synthigen Glocken, die leicht zu trocken oder steif erscheinen könnte, doch Pollock scheut die allzu simple Linie in Rhythmik wie auch Gesang. Durch verschleppte, Scharten schlagende Kicks und Perkussionslawinen schlängelt sich ihre hochbiegende Stimme wie im Slalom, um dann wieder zu ganz erhabener Harmonie zu finden. Das ist so futuristisch, wie man es auf Planet Mu erwarten würde, aber eben auch ungewohnt eingängig. (Uli Eulenbruch)


Zimt – Glückstiraden [Tapete]

Geht doch mit dem deutschsprachigen Gitarrenpop! Kein krampfhaftes Grinsen, keine krampfhafte Grimasse, Zimt tragen im Zweifelsfall lieber etwas dünner auf und schleichen sich dafür umso wärmer ins Gehör. Hinter dem legeren bis treibenden Jangle und gelegentlich auseinanderzufallen drohendem Keyboard verbirgt sich ein ebenso trügerisch unaufgeregter Vortrag von Zeilen wie „Ich will, dass es euch gut geht/ doch euer Wohlstand regt mich auf“, die man sich mitunter auch von der xten Deutschpunk-Band gebrüllt vorstellen könnte, so aber natürlich viel subversiver angekuschelt kommen. (Uli Eulenbruch)


Master Boot Record – INTERRUPT REQUEST [Data Airlines]

„I am a 486DX-33MHz-64MB processing avant-garde chiptune, synthesized heavy metal & classical symphonic music. 100% Synthesized, 100% Dehumanized.“ – so die Selbstdefinition von Master Boot Record bei Bandcamp. Die trifft das Musikalische schon sehr gut, knallt lieber direkt auf die Zwölf, als es sublim angehen zulassen und balanciert dabei immer wieder am Abgrund zum Kitsch. Mit rockender Elektronik Sozialisierte könnten auch noch an Justice denken, hätten diese den Weg von „Waters Of Nazareth“ konsequent weiterverfolgt. War anfangs alles völlig anonym, teilweise mit kryptischen Coderätseln durchsetzt, ist inzwischen zumindest die Herkunft gelüftet: MBR operiert aus Rom und unter dem Moniker WAREZ beglückt er seine Unterstützer kostenfrei mit stetig upgedateten Interpretationen klassischer Videospielmusiken. Spread The Code. (Mark-Oliver Schröder)


Jana Rush – Pariah [Objects Limited]

Ähnlich wie Footwork-Szenekollege DJ Earl zuletzt unter anderen in seiner Zusammenarbeit mit Oneohtrix Point Never bildet auch die Chicagoerin Jana Rush auf ihrem Debütalbum Schweberäume, die einen wattigen Ambientcharakter haben. Das ist aber vor allem der sanfte Einstieg in ihre Footwork-Vision, die sich alsbald als facettenreich, aber auch konzeptuell präzise entpuppt: Mal mischt sie Vintage-Soul-Samples, mal Acid-Synths zwischen die peitschenden Claps und rollenden Snares, während „Frenetic Snare“ oder „Rapid Fire“ perkussionsmäßig in die Vollen gehen. Mehr noch als durch Soundpalette unterscheiden sich die Tracks aber in Struktur und Dynamik – hier ein Zickzack, dort ein durchgängiger Groove. Die Präzision stimmt immer. (Uli Eulenbruch)


Joseph Shabason – Aytche [Western Vinyl]

Der Name Joseph Shabason dürfte nur durch akribische Studie von Albumcredits geläufig sein, seine Musik kennen allerdings die meisten: Seine soft-eleganten Saxophonhaucher sind im wahrsten Sinne des Wortes instrumental für die Werke von Destroyer der letzten sechs Jahre. Stücke wie das von Wasser und Jazzbesen benetzte „Long Swim“ oder der Titeltrack von Shabasons Debütalbum gerieren sich dann auch so, als hätten seine Outros und Zwischenspiele auf „Kaputt“ ein Eigenleben entwickelt, das durch tiefen Ambient-Drift nur noch verstärkt wird. (Uli Eulenbruch)


Honey Dijon – The Best Of Both Worlds [Classic Music Company]

Obwohl weniger als die Hälfte der Tracks in den letzten drei Jahren vereinzelt erschienen, wirkt das Debütalbum der New Yorkerin wie eine Singles-Compilation – im besten Sinn. Durch Bpm-Variationen zwischen 100 und 120, vor allem aber durch wohlbalancierte Gewichtung und Dimensionierung der Anschläge gibt Dijon ihren Vokalist*innen Freiräume und Intensitäten mit Eigencharakter für jeden Track. Ob Cakes Da Killa im angriffslustigen „Catch The Beat“, die flüsternde Nomi Ruiz in „Love Muscle“, Sam Sparro im pianobeschwingten „Look Ahead“ oder der lüstern raunende Charles McCloud im technoid verschwitzten „Personal Slave“: Was die Stücke eint, ist Dijons Verehrung für House der 90er und ihre Vision des Clubs als Ort der Freiheit für alle, die von einer rückständigen Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. (Uli Eulenbruch)


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