AUFTOUREN 2017 – Das Jahr in Tönen

Wie sah das Jahr 2017 in Tönen für uns aus? Die Antwort auf diese Frage war noch ein gutes Stück mehr als sonst eine Überraschung.

Wer von uns hätte schließlich zuvor gedacht, dass Mount Kimbie vom absteigenden Post-Dubstep-Ast auf einen bestechenden neuen Post-Punk-Weg finden würden? Dass Slowdive ein in vielen Augen noch besseres Shoegaze-Comeback als My Bloody Valentine gelingen würde? Oder dass The War On Drugs zum dritten Mal in Folge zu unseren Jahres-Favoriten gehören würden? Na gut, Letzteres war angesichts der langjährigen Fans im Team vielleicht so vorhersehbar wie schneelose Weihnachten, aber wer unsere diesjährigen Top 10 im Voraus korrekt getippt hatte, sollte sich schnellstmöglich mal an einem großen Lotto-Jackpot probieren.

Viel Spaß beim Lesen und Hören!


10

Alex Cameron

Forced Witness [Secretly Canadian]

Wenn Alex Cameron in „Running Out Of Luck“ inbrünstig zu singen beginnt, stellt sich unwillkürlich die Frage: Ist das hier schon Performance-Art oder doch nur ironisch überspitzter Pop-Rock? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Cameron zieht die Persiflage eines Rockmusikers, der geistig in den 80er-Jahren steckengeblieben ist, knallhart durch. „Forced Witness“ ist Charakterstudie, Abgesang und Huldigung zugleich, vereint Over-The-Top-Haltung mit urkomischen, ironischen Texten und schafft es gleichzeitig, einen Hit nach dem anderen zu landen. Mit der Schamlosigkeit eines zwielichtigen Gebrauchtwagenverkäufers schunkelt sich Cameron durch Pophymnen und karikiert nebenbei noch toxische Männlichkeitsbilder. „Forced Witness“ ist so viel mehr, als der erste Eindruck vermitteln mag und hat deshalb einen Platz in den Top Ten mehr als verdient. (Pierre Rosinsky)


9

Lorde

Melodrama [Universal]

Einige hatten Lorde vier Jahre nach „Pure Heroine“ schon fast als One-Album-Wonder verbucht und letztendlich hätte das großartige Debüt als Diskografie auch vollkommen gereicht. Aber dann kam „Melodrama“ und mit ihm genau, was der Titel versprach: Drama und große Gesten. Nicht aus Prinzip und nicht um der Aufmerksamkeit Willen, sondern maximal authentisch und mit so viel Identifikationspotenzial, dass es beizeiten wirklich schmerzte. Lorde hat erneut die richtigen Worte für eine Generation und ihr Lebensgefühl parat und verpackt sie in großformatigen Pop, der mit dem ersten Album nichts mehr zu tun hat. Weiterentwicklung gelungen. (Benedict Weskott)


8

Julie Byrne

Not Even Happiness [Basin Rock]

Auf einem Album voller erhabener, pastoraler Folk-Glanzstücke beeindruckt Julie Byrne nicht zuletzt mit ihrem Können, eine Szenerie zu etablieren. In wenigen Worten zeichnet sie vorbeiziehende Wolken und den Morgentau auf wildwachsenden Rosen, blaue Hesperidenpalmen im Schein eines roten Monds oder die Gemeine Wegwarte unter einem perfekt blauen Himmel. Es sind sehr spezifische Beobachtungen, die einen ruhigen Blick erfordern – so ruhig und bedacht, wie „Not Even Happiness“ generell ist. Nachdem sich Byrnes falsettierter Gesang in „Sea As It Glides“ mit einem ebenso wattigen Slide paart, ist das gitarrenlose Finale ein einziges großes Schweben, an dessen Ende ihre Erzählung vom Leben unter freiem Himmel und ohne stete Bleibe zu dem potentiell banalen Schluss „Home is where the heart is“ kommt. Ihre Formulierung dafür ist allerdings, wie es diesem seelenvollen Werk gebührt, weitaus poetischer.   (Uli Eulenbruch)


7

Kendrick Lamar

DAMN. [Interscope]

„DAMN.“ dominiert sämtliche Jahrescharts. Das verwundert nicht, schließlich ist Kendrick Lamar spätestens seit diesem Album der stadiongroße Taktgeber des Raps, auf den sich alle einigen können. Er ist der unpeinliche Megastar, dessen politische Agenda alle einhundert Prozentpunkte in Correctness enthält, bei dem das Zugängliche ungewöhnlich wirkt und das Wütende freundlich bekannt. Lamar ist die eierlegende Wollmilchsau des Genres, die wohlmeinende Schnittmenge aus Untergrund und Mainstream. Dass „DAMN.“ dabei musikalisch vielleicht ein wenig uninteressanter als die Vorgänger ist, wiegt die Tatsache auf, dass Lamar als Heilsbringer einer ganzen Generation angesehen wird und dennoch unter diesem Druck beständig Diamanten wie „DNA“ oder „Humble“ produziert. Die unangefochtene Nummer 1, kein Königsmörder in Sicht. (Markus Wiludda)


6

The War On Drugs

A Deeper Understanding [Atlantic]

Wenn deutsche Fernverkehrsunternehmen wüssten, was für sie gut ist, hätten sie „A Deeper Understanding“ schon längst für Zugfahrt-Werbespots ausgeschlachtet. Auch wenn nur die Hälfte der Songs nennenswertes Tempo aufnimmt, wirkt das ganze Album von „Up All Night“s eröffnendem Dampfrattern an wie im stillstandslosen Vorwärtsgang. Für sein Majorlabel-Debüt hat Adam Granduciel keine Format-Eingeständnisse gemacht, selbst der Single-Edit von „Holding On“ zieht über mehr als vier Minuten durchs Radio. Schöner ist aber freilich die Albumversion, die sich nach dem letzten Refrain noch minutenlang am Wohlklang der synthumfluttert und perkussiv detailveredelten Produktion ergötzt. Nirgends klang Leerlauf dieses Jahr erhabener. (Uli Eulenbruch)


5

Perfume Genius

No Shape [Matador / Beggars]

Nicht ganz so stark wie „Too Bright“, dennoch klar in den Top Ten ist Mike Hadreas mit „No Shape“ ein weiterer Meilenstein gelungen. Flüchtig und fast immer formlos provoziert er auf seinem mittlerweile vierten Album schmierigen Schlafzimmerpop, der sich kreuz und quer durch die Betten zu räkeln scheint. Mal hemmungslos romantisch wie bei „Just Like Love“, dann fragil berstend bei „Die 4 You“, intim im Schlussteil bei „Alan“. „No Shape“ ist ein in Melodiebögen gegossener Pastelltraum, der – wie bei Perfume Genius fast schon erwartet – die Skizzenhaftigkeit und Zerissenheit perfektioniert hat. (Carl Ackfeld)


4

Protomartyr

Relatives In Descent [Domino]

Es ist am Ende des eröffnenden „A Private Understanding“, wenn Sänger Joe Casey zum Mantra ansetzt („She’s just trying to reach you“) und damit den thematischen wie inhaltlichen Ton von „Relatives In Descent“ vorgibt. Individuelle Schicksale werden hier mit politischen und philosophischen Betrachtungen verbunden und in ein dichtes Post-Punk-Korsett gesetzt, das Casey alle Freiheiten zur Kontemplation lässt. „Relatives In Descent“ findet seine Stärken gerade in den Texten, in denen Protomartyr fast schon resignativ eine schonungslose Anthropologie zeichnen, die kein gutes Haar am Zustand der Menschheit lässt. Wenn Casey seinen Kindern in Bezug auf ihre Zukunft „Good luck with the mess I left“ vorsingt, ist das einfach Zynismus in Reinform. Ein düsteres Werk, das mit jedem Hören besser wird. (Pierre Rosinsky)


3

Tyler, The Creator

Flower Boy [Columbia]

Von Bienchen und Blümchen: Auf „Flower Boy“ entwickelt sich Tyler, The Creator vom Satansbraten zum Blumenkind und entdeckt nicht nur seine sensible Seite, sondern auch sein Gefühl für mitreißende Hooks. Frank Ocean, Estelle und Co. komplementieren die Reibeisenstimme des Rappers perfekt und singen Texte, die es früher so nicht auf einem Tyler-Album gegeben hätte. „Can I get a kiss?/ And can you make it last forever?“, heißt es da in “See You Again” und auch Tyler scheint seinen Ohren kaum zu trauen. Verschwunden ist die Edginess vergangener Platten, der Odd-Future-Kopf beschäftigt sich in seinen Texten vor allem mit sich selbst und wird ungewohnt nachdenklich. Catchy bis in die Blütenspitzen und thematisch durchgehend stark, stellt „Flower Boy“ in diesem Jahr auch die beiden Musterschüler Kendrick Lamar und Vince Staples in den Schatten. (Pierre Rosinsky)


2

Kaitlyn Aurelia Smith

The Kid [Western Vinyl]

Ein experimentelles Synthesizer-Album, das es bis an die Spitzenplätze unser Konsens-Favoriten schafft – das muss schon ein sehr besonderes sein. Auf dem meisterlichen „The Kid“ spannt die Kalifornierin in der Tat einen grandioseren, humanistischeren Bogen denn je und erweitert ihr musikalisches Vokabular um Beats. Über vier Abschnitte zeichnet das Album den gesamten Lebenszyklus eines Menschen nach, vom frühesten Anfang mit „I Am A Thought“, das in suchenden Pulsen nach einer ersten Wahrnehmung tastet, bis zum späten Alter des gereiften, einfühlsamen „I Will Make Room For You“. Im Abschied erhalten selbst die Worte „I‘m gonna miss your face“ keinen gänzlich niedergeschlagenen Beiklang – „The Kid“ will ganz wundervoll kommunizieren, dass das Leben ein lebenswertes ist. (Uli Eulenbruch)


1

Slowdive

Slowdive [Dead Oceans]

„When the sun hits“ ist mit Sicherheit eine der Shoegaze-Hymnen, ein Song für die Ewigkeit, aber ebenso wie das gesamte Album „Souvlaki“ gut 25 Jahre alt. Auch wenn Slowdive schon seit 2014 wieder zusammenspielten, hatten wohl die wenigsten erwartet, dass wir noch mal ein Album von ihnen hören würden – und dass es so großartig sein würde. Anders als bei so einigen anderen Comeback-Versuchen gelingt es Slowdive spielend, die Brücke in die Vergangenheit zu schlagen, ohne auch nur ansatzweise gestrig oder angestrengt zu klingen. Waren sie und ihr Stil in ihrer Anfangszeit teilweise von anderen Genrebands als zu akademisch verpönt worden, könnte man heute rückblickend fast behaupten, dass gerade dies der Band ein zweites Leben ermöglichte: Ihr Stil war schon immer geprägt durch ein gewisses Maß an Zeitlosigkeit, jenseits von Studiofrickelei. Und so müssen sie sich anders als zum Beispiel My Bloody Valentine nicht durch die Auseinandersetzung mit in der Zwischenzeit entstandener Musik neu positionieren, sondern einfach nur solch große Songs wie „Slomo“, „Star Roving“ oder „Sugar For The Pill“ aufnehmen, um alte Fans abzuholen und jede Menge neue zu gewinnen. (Mark-Oliver Schröder)

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