AUFTOUREN 2017 – Das Jahr in Tönen

Wie sah das Jahr 2017 in Tönen für uns aus? Die Antwort auf diese Frage war noch ein gutes Stück mehr als sonst eine Überraschung.

Wer von uns hätte schließlich zuvor gedacht, dass Mount Kimbie vom absteigenden Post-Dubstep-Ast auf einen bestechenden neuen Post-Punk-Weg finden würden? Dass Slowdive ein in vielen Augen noch besseres Shoegaze-Comeback als My Bloody Valentine gelingen würde? Oder dass The War On Drugs zum dritten Mal in Folge zu unseren Jahres-Favoriten gehören würden? Na gut, Letzteres war angesichts der langjährigen Fans im Team vielleicht so vorhersehbar wie schneelose Weihnachten, aber wer unsere diesjährigen Top 10 im Voraus korrekt getippt hatte, sollte sich schnellstmöglich mal an einem großen Lotto-Jackpot probieren.

Viel Spaß beim Lesen und Hören!


20

Father John Misty

Pure Comedy [Sub Pop]

Das Geschichtenerzählen auf die Spitze treibend, arbeitet sich Josh Tillman auf seinem dritten Album unter dem Moniker Father John Misty noch tiefer in amerikanische, bisweilen gar weltumspannende Befindlichkeiten hinein. Klavierpetitessen, die Erinnerungen an den frühen Elton John oder Billy Joel umspielen die langen, wortlastigen Stücke; gewitzte Pointen, drollige Vergleiche und wundersame Sprachspiele lassen trotz langsam mäandrierender Melodien keine Langeweile aufkommen. Wenn Tillman im herausragenden „So I’m Growing Old On Magic Mountain“ zuletzt die beginnenden Altersschlieren besingt, ist das herzzerreißend, weltumarmend und naseweis zugleich. (Carl Ackfeld)


19

James Holden & The Animal Spirits

The Animal Spirits [Border Community]

Border Community goes Jazz? Nun … ja. Großartig? Nun … ja! Zwar war schon James Holdens „The Inheritors“ 2013 von freilaufenden Saxophonen durchzogen, doch die Livedynamik seiner für dieses Album versammelten Band eröffnet dem Engländer eine völlig andere Perspektive. Unter Holdens mal klar linierter, mal wüst zerfranster Synthesizerführung treibt Schlagzeuger Tom Page die kosmischen Melodien von folkig durchflöteten Trance-Zonen über eleganten Neo-Kraut-Groove à la Von Spar zum improvisatorischen Blechbläser-Freakout – am Ende wartet die erhabene Transzendenz.(Uli Eulenbruch)


18

(Sandy) Alex G

Rocket [Domino]

Es gibt Alben, die sich auf einen Sound beschränken und nur wenig von ihrem eingeschlagenen Weg abweichen – und dann gibt es Alben wie „Rocket“. Was diese gemischte Singer-Songwriter-Tüte so faszinierend macht, ist die Diskontinuität und Verschrobenheit, mit der (Sandy) Alex G das Projekt angeht. Reduziertes („Poison Root“) wechselt sich mit Indie-Ohrwürmern („Proud“), obskuren Horrorszenarien („Witch“) und Autotune-Balladen („Sportstar“) ab. Mittendrin taucht mit „Brick“ dann plötzlich ein Industrial-Banger auf, den Death Grips kaum anders hätten schreiben können. Nein, „Rocket“ ist alles andere als vorhersehbar, und doch verbirgt sich hinter all dem Eigenbrötlertum und der Diffusion eine unterschwellige Melancholie, die das Album schlussendlich zusammenzuhalten weiß. (Pierre Rosinsky)


17

Richard Dawson

Peasant [Domino]

Ein Konzeptalbum über ein frühmittelalterliches britisches Königreich und dessen Bewohner? Vorgetragen von einem zauseligen Sänger, der mal mit Fistelstimme, mal choral eingebunden singt oder spricht, windschief und immer leicht ungelenk in der harmonischen Akkordfolge? Richard Dawson kommt aus der britischen DIY-Szene und hatte mit „Nothing Important“ bereits einen Achtungserfolg. Mit „Peasant“, das sich irgendwo zwischen The Incredible String Band, den Canterbury Tales oder dem versponnenen Fuzzfolk von Neutral Milk Hotel wiederfindet, erschafft er das eine bilderbogenhafte Szenerie, die er überdies auch in seinen fabelhaften Videos weiterträgt. (Carl Ackfeld)


16

Kelly Lee Owens

Kelly Lee Owens [Smalltown Supersound]

Kelly Lee Owens benutzt Worte so bemessen und repetitiv wie eine Synthtextur oder ein Perkussionselement. Silben zerschmelzen, verdunsten zu oder diffundieren mit ätherischen Melodiewolken, umdampftes Glockenspiel und warme Celli bereiten einem zweitönigen Bassbrummen den Boden, eine knisternd benetzte Kickdrum wird von Acid-Flattern umlaufen. Zwischen diesen Extremen kreiert die Waliserin so psychedelisch berauschenden wie eingängigen Traum-Techno – wer dieses Debüt noch nicht besitzen sollte, kriegt in der jüngst veröffentlichten ‚Extended Edition‘ gleich noch drei weitere Stücke zu hören.(Uli Eulenbruch)


15

BROCKHAMPTON

SATURATION II [BROCKHAMPTON]

Vielleicht sind BROCKHAMPTON die ehrlichste Rapformation da draußen: Dem Mythos ‚Schulfreundschaft‘ wird gehuldigt und das ‚Musik-als-Freizeitspaß‘-Mantra beschworen. Die Tracks? Triefen vor gekonntem Songwriting, partiell mit Ironie und dem Spiel mit Identitäten und spitzfindigen Beobachtungen der eigenen Umgebung. Die Beats sind dabei immerwährend souverän, lässig und beachtetenswert trendrobust. BROCKHAMPTON spielen gekonnt mit ihrem Image und der Rezeption ihrer Musik: Nur wenige Minuten nach der fünften Single aus ihrem zweiten Album innerhalb weniger Monate haben sie das Video zu “Follow” veröffentlicht – der ersten Single aus dem kurz darauf gefolgten „ SATURATION III“. Dem letzten Studioalbum, so behaupten sie zumindest. Vielleicht halten uns BROCKHAMPTON auch alle zum Narren und haben daran ebenso Spaß wie wir. (Markus Wiludda)


14

Laura Marling

Semper Femina [More Alarming]

Das sechste Solowerk der immer noch unfassbar jungen Britin verbindet den sanft, aber bestimmt perlenden Folk des Frühwerks mit einer ganzen Reihe neuen Einflüsse. Luftiger, lasziver, vielleicht gar lässiger erscheinen Songs wie das an Joni Mitchell erinnerende „Soothing“ im neuen Licht. Die Kompositionen sind raumgreifender, die Texte noch persönlicher geworden, dabei scheint das titelgebende Vergil-Zitat ein Konzeptalbum auszurufen, in dem es um immerwährende Weiblichkeit geht. Wenn Marling im grandiosen „Wild Fire“ die Gitarrensaiten zum energischen Storytelling schnarren lässt, kommt das Album gar einer kleinen Offenbarung nah. (Carl Ackfeld)


13

The National

Sleep Well Beast [4ad / Beggars]

So viel haben The National bei „Sleep Well Beast“ vermutlich gar nicht geändert. Weil aber die letzten Alben zwar durch die Bank hervorragend waren, nur im Großen und Ganzen auf eine ähnliche Rezeptur setzten, erscheint hier vieles einschneidend. Kleinste elektronische Andeutungen auf der einen Seite und wütender Punk-Rock à la Grinderman auf der anderen Seite des Spektrums tragen auch dazu bei, Matt Berningers Gedankenwelt noch breiter aufzufächern. Ein kryptisches Gefühl von Niedergeschlagenheit ist allgegenwärtig, gleichzeitig gibt es immer wieder große Umarmungen. In einem Genre, in dem es erfahrungsgemäß nicht sehr viel Spielraum gibt, sind schon viele Bands daran gescheitert, sich substanziell weiterzuentwickeln. Bei The National muss man sich ab sofort keine Gedanken mehr darüber machen. (Felix Lammert-Siepmann)


12

Fever Ray

Plunge [Raidb]

Stillgeworden war es um Karen Dreijer, ihr letztes Soloalbum datiert auf 2009 und das letzte Album von The Knife erschien auch schon 2013. Wie aus dem Nichts kam im Oktober die – bisher lediglich digitale – Veröffentlichung von „Plunge“ – und das hat es in sich. War der Vorgänger noch geprägt von Introspektivität und nahezu ambientartigen Klangteppichen, knallt uns Dreijer wild entfesselte Elektronik um die Ohren. Streckenweise beinahe hyperventilierend und in unserer so postulierten „postfaktischen“ Zeit angenehm eindeutig und explizit in seiner politischen Aussage: „We’re not attracted to this country’s standards“. (Mark-Oliver Schröder)


11

Klez.e

Desintegration [Staatsakt]

Der Titel des Albums deutet eine Verwandtschaft zum The-Cure-Album an, die die Klangästhetik durchaus auch bestätigt. Tobias Siebert, Filip Pampuch und Daniel Moheit gehen aber über eine eingedeutschte Kopie hinaus, vielmehr erscheint „Desintegration“ wie ein Zitat zur Zeit, politisch wie gesellschaftlich. Realitätsnahe Beobachtungen wie in „Drohnen“ wechseln mit resignativen und tristen Bestandsaufnahmen ab. Aus Gitarren, Beats und langgezogener Rhythmik entsteht ein schwelender Postpunk, fast immer in aufgebrochenen Strukturen und eher frei im Vortrag, der nur von der immer noch jungenhaften Stimme Sieberts zusammengehalten wird. (Carl Ackfeld)

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