AUFTOUREN 2017 – Das Jahr in Tönen

Wie sah das Jahr 2017 in Tönen für uns aus? Die Antwort auf diese Frage war noch ein gutes Stück mehr als sonst eine Überraschung.

Wer von uns hätte schließlich zuvor gedacht, dass Mount Kimbie vom absteigenden Post-Dubstep-Ast auf einen bestechenden neuen Post-Punk-Weg finden würden? Dass Slowdive ein in vielen Augen noch besseres Shoegaze-Comeback als My Bloody Valentine gelingen würde? Oder dass The War On Drugs zum dritten Mal in Folge zu unseren Jahres-Favoriten gehören würden? Na gut, Letzteres war angesichts der langjährigen Fans im Team vielleicht so vorhersehbar wie schneelose Weihnachten, aber wer unsere diesjährigen Top 10 im Voraus korrekt getippt hatte, sollte sich schnellstmöglich mal an einem großen Lotto-Jackpot probieren.

Viel Spaß beim Lesen und Hören!


30

Forest Swords

Compassion [Ninja Tune]

Ein Fanfarenchor, treibende Streichermelodien, Kriegstrommeln: „Compassion“ klingt wie der Soundtrack zu einem historischen Kriegsfilm, der noch nicht gedreht worden ist. Matthew Barnes hatte schon immer ein Faible für Klänge, die an längst vergangene Zeiten erinnern und verbindet sie auf seinem zweiten Album konsequenter denn je mit modernen, digitalen Sounds. Zwischen Tiefenbass, traurigen Klaviersamples und fragmentierten Stimmen deckt Barnes nach und nach alle Facetten einer Zivilisation auf, die sich im Krieg befindet – ein Szenario, in dem es keine Gewinner geben kann. Ein eindringliches Kopfkino-Erlebnis. (Pierre Rosinsky)


29

Equiknoxx

Colón Man [DDS]

Nach dem sensationellen Einstand im letzten Jahr ist „Colón Man“, das Debüt des jamaikanischen Duos, im Dezember ziemlich ankündigungsfrei veröffentlicht worden. Was als fast klassisches Dancehall-Projekt begann, ist inzwischen einer komplett freidenkenden Innovation gewichen: Equiknoxx skelettieren reduzierte Riddims, schlachten sie aus und drehen sie rückwärts durch den Fleischwolf. Was daraus erwächst, ist nicht weniger als ein subversiver Angriff auf Hörgewohnheiten. Blubbernde Beats, verhackstückelte Samples und kaltgeschlagene Perkussion gewinnen in der Konsequenz der instrumentalen Darbietung ein spannendes Eigenleben. Alles Klassische wurde erfolgreich ausgetrieben. (Markus Wiludda)


28

Kelela

Take Me Apart [Warp]

Weder in Sachen Hype noch in seiner tatsächlichen Qualität fühlt sich „Take Me Apart“ so richtig wie Kelelas Debütalbum an – diese Erfolgsniveaus hatte die Amerikanerin spätestens mit ihrer 2015er EP bereits erreicht. Es ist aber mehr als nur die Kür oder gar eine bloße Ehrenrunde, vielmehr bietet es die Mehrheit ihrer bis dato besten Songs dar. Obwohl Kelelas Studio-Kollaborateure größtenteils dieselben sind wie auf „Hallucinogen“, hat ihre Soundwelt enorm an atmosphärischer und emotionaler Tiefe gewonnen – vor allem Letzteres ist der erhöhten Präsenz ihrer Stimme geschuldet, die auch über weniger warmen, zerklüfteten Metallbeats die Stärke im großen Gefühl projiziert. (Uli Eulenbruch)


27

Bing & Ruth

No Home Of The Mind [4ad / Beggars]

Auch wenn sich das jetzt etwas klischeehaft anhört, war „No Home Of The Mind“ das perfekte Album für die ersten, ungemütlichen Monate des Jahres. Innerhalb von nur zwei Tagen in einer Kirche wie aus einem Guss aufgenommen, zerfasert die wattierte Ambient-Klassik-Kombi zusehends und hinterlässt immer mehr Leer- und Freiräume, doch nicht alleine die Kargheit gibt hier den Ton an: Das Klavier im Zentrum ist Herzschlag und Sanduhr zugleich, mal sanft, mal eindringlich, aber immer einnehmend und warm. Ganz bewusst entziehen sich Bing & Ruth jeglicher Referenz – die Grenzen zwischen Eno, Reich, Glass und Neuer Wiener Schule verschwimmen hier – und agieren damit in wahrsten Sinne des Wortes zeitlos. (Felix Lammert-Siepmann)


26

Susanne Sundfør

Music For People In Trouble [Pias Coop / Bella Union ]

Mit ihrer kunstvollen Popvision hat die Norwegerin den Punkt erreicht, an dem sie für ein neues Album Instrumentierung, Produktion und Dynamik völlig ändern kann, aber unverkennbar bleibt – und eine überragende Songwriterin. Wo „Ten Love Songs“ mit raffinierter Synthpolitur glänzte, mutet die reduzierte Chamber-Orchestrierung zunächst einfühlsamer und intimer an, bis die zweite Hälfte von „The Sound Of War“ vom verhalltem Piano und Akustikgitarre in Drone und pastoralen Ambient gleitet, aus dem majestätische Unterwassermelodien hervorlugen. Nicht nur Sundførs barock verwundene Melodien machen das Album so denkwürdig, das Meisterliche an „Music For People In Trouble“ ist die Art, wie die Grenzen zwischen eingängigen Songs, Outros, Intros, Spoken Word und Zwischenspielen verschwimmen, bis das gesamte Werk als ein großes Ganzes im Ohr hängt. (Uli Eulenbruch)


25

Fleet Foxes

Crack-Up [Nonesuch]

Nach sechs Jahren von einem Comeback zu sprechen, ist aufgrund der Zeitspanne zwischen den jeweils letzten Alben von Ride oder Slowdive fast schon niedlich. „Crack-Up“ ist eine ziemlich radikale Weiterentwicklung der Suche nach der Harmonieseligkeit geworden, nicht immer vollends fokussiert, verstecken sich doch die vollendeten Melodien in den weitreichenden Kompositionen. Robin Pecknold singt über Aktuelles und Vergangenes, spinnt rote Fäden jenseits der Vorstellungskraft, schafft es aber trotzdem, die heimelige Atmosphäre von sehnsüchtelndem Wohlklang nicht zu verlieren. Folk 2.0, mindestens, aber mit dem Geist der goldenen 60er-Jahre gespickt. (Carl Ackfeld)


24

Chelsea Wolfe

Hiss Spun [Sargent House]

Das Aufeinanderprallen von Urgewalten ist das stets wiederkehrende Leitbild auf „Hiss Spun“. Kaum noch etwas erinnert an die Chelsea Wolfe aus dem letzten Jahrzehnt, wenn sich massive Doomwellen ihren Weg bahnen. Auf die Spitze treibt Wolfe das Spiel mit der Brutalität, wenn gegen Anfang des Albums plötzlich wie aus dem Nichts Aaron Turner auf der Bildfläche erscheint und mit seinen unwiderstehlichen Growls endgültig die Weichen stellt. Jeder Anflug von Eindrücken und Zweifeln wird umgehend zerschmettert oder versinkt im Noisegewitter. Vor diesem Hintergrund ist es gleichzeitig faszinierend und beängstigend, wenn Wolfe sagt, dieses Album sei ihr bislang persönlichstes geworden. Auch so lassen sich Dämonen besiegen. (Felix Lammert-Siepmann)


23

St. Vincent

MASSEDUCTION [Caroline]

Je nachdem, wen man fragt, hatte St. Vincent mit ihrem selbstbetitelten Majordebüt den köstlichen Artrock-Entwurf von „Strange Mercy“ entweder abermals verfeinert oder unter leichtem Nährwertschwund aufgewärmt. „MASSEDUCTION“ markiert fraglos eine geradezu radikale Weiterentwicklung, in der Annie Clark Pop-Grandeur wie eine Klinge (oder Gitarre) schwingt, um äußere und innere Schmerzauslöser zu sezieren. Ihre Texte mit gewohnt scharfem, expliziter queerem Blick finden gewiss weiterhin in Gniedelvirtuosität einen elektrisch verzerrten Ausdruck, mindestens ebenso hoch treiben aber „Sugarboy“s Moroder-Disco-Rasanz oder die Synth- und Trommelschübe von „Young Lover“ den Puls nach oben – weniger Massenverführung als Massenmitreißung. (Uli Eulenbruch)


22

LCD Soundsystem

american dream [Columbia]

Dass es James Murphy irgendwann wieder unter den Fingern jucken würde, hatten viele schon damals beim vorläufigen Ende des LCD Soundsystem vermutet. Ansonsten in vielerlei Hinsicht eher gemütlicher Typ, macht ihm in punkto Akribie und Gespür kaum jemand etwas vor. Der Sound auf „american dream“ klingt jedenfalls so frisch und energiegeladen, dass es schwer vorstellbar ist, er habe sich auch nur einen Tag während seiner Abwesenheit mal nicht mit Musik beschäftigt. Wie schon auf Vorgängerwerken versammelt Murphy inmitten atmosphärischer Dichte etliche Songs, die auch als Hits und Sozialstudien gleichermaßen für sich alleine stehen. Insgesamt ein paar Gänge zurückgeschaltet, macht er aber jederzeit klar, dass hier längst nicht Schluss ist. (Felix Lammert-Siepmann)


21

Grizzly Bear

Painted Ruins [RCA Int.]

Grizzly Bear haben fünf Jahre nach „Shields“ erneut eines dieser Alben aufgenommen, die wie Umami fürs Ohr zu sein scheinen. Ed Droste und Daniel Rossen wechseln sich nach wie vor am Mikrofon ab und lassen Klangräume und Harmoniesääle entstehen, die ihresgleichen suchen. Mal verspielt wie bei „Three Rings“ oder „Neighbors“, mal vollmundig wie im bezaubernden „Mourning Sound“ sind Grizzly Bear mittlerweile ihren hipsterfizierten Brooklyn-Wurzeln ein Stück weit entwachsen. (Carl Ackfeld)

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