AUFTOUREN 2017 – Das Jahr in Tönen

Wie sah das Jahr 2017 in Tönen für uns aus? Die Antwort auf diese Frage war noch ein gutes Stück mehr als sonst eine Überraschung.

Wer von uns hätte schließlich zuvor gedacht, dass Mount Kimbie vom absteigenden Post-Dubstep-Ast auf einen bestechenden neuen Post-Punk-Weg finden würden? Dass Slowdive ein in vielen Augen noch besseres Shoegaze-Comeback als My Bloody Valentine gelingen würde? Oder dass The War On Drugs zum dritten Mal in Folge zu unseren Jahres-Favoriten gehören würden? Na gut, Letzteres war angesichts der langjährigen Fans im Team vielleicht so vorhersehbar wie schneelose Weihnachten, aber wer unsere diesjährigen Top 10 im Voraus korrekt getippt hatte, sollte sich schnellstmöglich mal an einem großen Lotto-Jackpot probieren.

Viel Spaß beim Lesen und Hören!


40

Bell Witch

Mirror Reaper [Profound Lore]

83 Minuten und 15 Sekunden – ein Song! Ein Monolith des Doom Metal und doch weit über dieses Genre hinausverweisend, geschaffen von einem Duo, das ganz bewusst auf die Gitarre verzichtet. Hätte man mich Anfang des Jahres gefragt, ob sowas gut gehen könne, hätte ich wohl abgewunken. Aber Dylan Desmond und Jesse Shreibman haben, auch in Memoriam an Adrian Guerra, der neben Desmond Gründungsmitglied von Bell Witch war, das Unmögliche geschaffen: ein Monster von einem Song, getragen von Spiritualität, Verlust, Schmerz … und Hoffnung. (Mark-Oliver Schröder)


39

King Gizzard & The Lizard Wizard

Flying Microtonal Banana [Pias Coop / Heavenly]

Kleiner Blick hinter die Kulissen: Wenn wir alle Stimmen für sämtliche diesjährigen Werke der Melbourner Vielveröffentlicher konsolidiert hätten, stünden King Gizzard & The Lizard Wizard sicher noch höher in dieser Liste. Umso bemerkenswerter ist es aber, dass sich so viele von uns zwischen den vier (oder sind es mittlerweile schon fünf?) Alben für eines darunter besonders begeistern konnten. Verständlich, dass es das klanglich originiellste war: Der Gizzard’sche Garage-Schmuddel, die melodiöse Affinität und der charakteristische krautige Vorwärtsdrall bleiben das Rückgrat von „Flying Microtonal Banana“, werden jedoch angeführt von mikrotonalen Harmonien, für die sich die Band ihre Instrumente extra umbauen ließ. In wie viele psychedelisierte Richtungen sie diese treibt, zeigt einmal mehr, dass ihr Albumkonzept nicht nur ein Gimmick ist.(Uli Eulenbruch)


38

Miguel

War & Leisure [RCA]

Miguel hat Gesangs-Charisma en masse. Das braucht er auch, denn so manche Zeile, die der Amerikaner auswirft, würde aus anderen Mündern zu konstant nach hinten gerollten Augen führen. Und so mag die eine oder andere der zahlreichen Wechselmetaphern zwischen Krieg und Liebe auf seinem vierten Album keiner genauen Betrachtung standhalten, doch sein psychedelisierter R’n’B schwebt eh lieber auf eigenen Wolken. Zwischen betörend irisierendn Melodiebögen schichtet Miguel seine Stimme kunstvoll-delikat zum eigenen Begleitgesang oder als instrumentale Textur, wirft sich vom passionierten Stimmleiterklettern von „Harem“ in beschwingten Groove bei „Told You So“. Mit „Caramelo Duro“s spanischsprachigem Text zelebriert er den mexikanischen Teil seiner Identität persönlich wie politisch im entflammten Finale „Now“, das frei von wolkiger Verklärung die rassistischen Aktionen des aktuellen US-Präsidenten einmal direkt addressiert. (Uli Eulenbruch)


37

Max Richter

Three Worlds: Music From Woolf Works [Deutsche Grammophon ]

Gewiss könnte sich ein Max Richter an diesem Punkt seiner Karriere bequem auf Soundtrack-Aufträgen und den damit verbundenen Tantiemen ein bequemes Geldbett zimmern, umso erfreulicher war die Überraschung eines soviel intimer erscheinenden Albums zum Jahresbeginn. Inspiriert von drei Werken und eröffnend mit der einzigen Stimmaufnahme Virginia Woolfs, zeichnet der Neoklassizist die ursprünglich fürs grazile Ballett entworfenen Elegien mit sanfter Hand in den weiten Streicherzügen von „Mrs. Dalloway“, zwischen orchestraler Intensität und Synth-Pulsieren in den kürzeren „Orlando“-Stücken oder im graduell anschwellenden Zwanzigmninüter „The Waves“ vor einem rauschenden Hintergrund-Ambient(e). (Uli Eulenbruch)


36

Vince Staples

Big Fish Theory [Def Jam]

Die Gefahr ist nicht gering, dass Vince Staples hinter den Club-Pop-Sounds von „Big Fish Theory“ zur Nebenerscheinung hätte werden können. Doch sei es zum zerknarzten Bassdruck von SOPHIE und Flumes „Yeah Right“, „Love Can Be…“s UKG-Schwung oder Album-Hauptproduzent Zack Sekoffs 2-step-Exkursionen „Crabs In A Bucket“, Staples braucht seine Präsenz nicht einmal zu erhöhen, sondern geht mit kühlerer Vocal-Kadenz in Einigkeit mit dem metallischen Klappern und verrauschten Schaben der Beats – und führt dennoch seine detailfreudigen Texte eindringlich an, in denen er sich verwundbar wie noch nie zeigt. (Uli Eulenbruch)


35

Mhysa

Fantasii [Halcyon Veil ]

Aggregatzustand: flüchtig. Zu wenig greifbar sind die Tracks auf Mhysas Erstling, die zwischen seziertem R’n’B, Turnhallen-Elektronika und futuristisch zerfleddertem New-York-Experimentalsound Schlangenlinien fahren. Die Kunst des Weglassens perfektioniert, entstehen hier kleinteilige und ein wenig verschroben-abseitige Songskizzen, die für Entdecker*innen einiges parat halten. Als wäre diese Mischung nicht schon abgefahren genug, runden A-capella-Zwischenspiele, Handclap-Beats und grelle Neonlichter die Sache formschön ab und überlassen dieses riesengroße Fragezeigen mit einem ebenso monströsen Grinsen den Downloadportalen. Soll das Internet doch selbst sehen, was es damit macht. (Markus Wiludda)


34

Sylvan Esso

What Now [City Slang]

„Slave to the radio, 3.30“. Amelia Meath und Nick Sanborn sagen den Erwartungen des Musikgeschäfts den Kampf an, indem sie was tun? Einen perfekten Radiosong liefern, genau 3:30 Minuten lang. What now? Einfach genießen, dass Sylvan Esso auch auf ihrem zweiten Album noch genauso infektiösen Elektropop machen wie vor drei Jahren und zu den Beats auf die Tanzfläche stürmen, denn: „When we’re dancing I am in love again/ Come on baby, come on baby/ Let’s never stop, never stop, never stop starting“. (Benedict Weskott)


33

Xiu Xiu

Forget [Altin Village & Mine ]

In einem mit hochkarätigen Releases vollgepackten Jahr kann ein Album wie „Forget“ leicht untergehen – insbesondere auf Grund der Tatsache, dass die Diskographie Xiu Xius mit über einem Dutzend Werken seit 2002 eine neue Veröffentlichung der Band eher als Regel denn als Besonderheit indizieren könnte. Nach der tiefen Verbeugung „Plays The Music Of Twin Peaks“ von 2016 greift die Band um Jamie Stewart mit „Forgett“ in die eigenen, höheren Qualitätsfächer. Stimmungstechnisch wird einige Ebenen tiefer gekramt: Stewarts wehleidiger Gesang und seine tieftraurigen Texte besprechen persönliche Abgründe, die eben jenes Noise-Pop-Soundgewand Xiu Xius so spannend machen. Krachende Ausbrüche sind allerdings so gesetzt, dass sie nie willkürlich erscheinen und die ruhigen, zerbrechlichen Momente um ein Vielfaches verstärken. Und Songs wie „The Call“ oder „Forget“ zeigen mal wieder: Xiu Xiu können auch ungewöhnlich catchy sein. (Pierre Rosinsky)


32

SZA

Ctrl [RCA Int.]

Wo es SZAs R’n’B-Debüt an Fokus mangelte, legt ihr diesjähriges Werk durch Telefonaufnahmen ihrer Mutter und Großmutter einen genaueren Blick auf Narrative nahe. Wie gut „Ctrl“ derart gerahmt als Gesamtwerk funktioniert, ist aber fast egal angesichts solch ohrwurmiger Refrains wie bei „Broken Blocks“, „The Weekend“, „Prom“ … ach, hier ließe sich fast schon das ganze Tracklisting einfügen. Zwischen handgreiflichen Grooves und zwar geschmeidiger, doch nicht dauerwattiger Instrumentierung beleuchtet die Amerikanerin Bitterkeit über Vergangenes, Unsicherheiten mit oder die Angst auf der Suche nach neuen Beziehungen, aber auch überschwängliche Hingabe mit idiosynkratischen Akzenten („I wanna shave my legs for you/ I wanna take all of my hair down and let you lay in it“). Melismatische Silbendehnungen nutzt sie dabei eher dekorierend – umso fokussierter kann sie wie in „Drew Barrymore“ dann ohne großes Vorspiel mit einer Strophe loslegen, die selbst schon wieder einen unvergesslichen Hook bildet. (Uli Eulenbruch)


31

Jlin

Black Origami [Planet Mu]

Noch bevor Footwork als musikalische Genrebezeichnung Verbreitung fand, war es der Name für den halsbrecherisch rasanten Tanz, in dem sich die Jugend Chicagos dazu in Form von Beinarbeit duellierte. Während die meisten Köpfe der Szene für ihre Produktionen vorwiegend Soul und Rap samplen, reflektiert Jerilynn Patton alias Jlin auf ihrem zweiten Album noch deutlicher als zuvor den Battle-Aspekt in Form von anderer Kampfmusik: Videospielen. Ob direkt mit „Mortal Kombat“-Samples oder in der Ästhetik von Tracks wie „Hatshepsut“, dessen Gongs und Perkussionsrollen an die atmosphärischen Ruhezonen eines „Painkiller“ erinnern, Jlin kreiert so komplexe wie energiedurchströmte Spannungsfelder, deren exakte Referenzen (ist die „Ironside“-Sirene in „Never Created, Never Destroyed“ Tarantino oder Future?) weniger wichtig sind als die Wirkung, die Patton aus deren Manipulation entfaltet. Für Unerfahrene mag das perkussive Treiben hektisch und chaotisch erscheinen, doch Patton legt einen Fokus auf Struktur und Effekt ihrer Tracks, die sie zwischen allen synkopischen Einwürfen und Snare-Ballungsräumen auf Kurs halten. (Uli Eulenbruch)

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