Es gibt keinen Stillstand für Kaitlyn Aurelia Smith. „The Kid“, ihr viertes Album auf Western Vinyl in ebensovielen Jahren, ist nicht nur von bemerkenswerter Dichte, sondern erweitert das musikalische Vokabular der Kalifornierin um Beats. Hektik will sich dabei jedoch keine einstellen, im Gegenteil spannt Smith einen weiter bemessenen, grandioseren und humanistischeren Bogen denn je.

Konnte man die Komponistin auf „EARS“ noch als außenstehende Beobachterin sehen, die die Energieströme der Natur zu vertonen suchte, stellt sie hier bereits über die Titel den Menschen explizit ins Zentrum dieser neuen Stücke. In vier Abschnitten folgt The Kid“ dem gesamten Lebenszyklus, vom frühesten Anfang mit „I Am A Thought“, das in suchenden Pulsen nach einer ersten Wahrnehmung tastet, bis zum späten Alter des gereiften, einfühlsamen „I Will Make Room For You“. Wenn Smith auch dort noch über modulierten Stimmfetzen und satten Bassnoten „A chance to explore the unknown with you“ wünscht, unterstreicht sie damit abermals den Willen zum Lernen und Forschen als einen zentralen Punkt der Lebenserfahrung – ein Stück aus dem zweiten Lebensquartal heißt sogar gleich „I Am Learning“.

Zentral für ihr Instrumentarium hingegen bleiben die analogen Synthesizer, allen voran der Buchla, der auch auf ihrer letztjährigen Kollaboration mit Elektronik-Innovatorin Suzanne Ciani als Fahrzeug für sonnengetränkte Ambient-Exkursionen diente. Derart freispulige, graduell dichter werdende Drone-Ambient-Schichtungen finden sich bis auf „Who I Am And Why I Am Where I Am“ hier jedoch keine mehr. Smiths Kompositionen haben an Struktur gewonnen – und an Beats.

Das Rhythmische, das sich zuletzt schubartig bei Stücken wie „Arthopoda“ oder den dumpfen Claps von „Stunts“ auf „Euclid“ andeutete, gibt auf „The Kid“ nahezu jedem Stück bassig-perkussive Konturen: der resonante Groovetunnel von „A Kid“, das feuchte Stampfen von „I Am Curious, I Care“, das cool von Trompetenfetzen untermalte Schaufeln von „To Follow And Lead“, sie alle lassen die potentielle Vorbeizieh-Ambientwelt leuchtend aufleben und verleihen eine mitreißende Intensität.

Während eine wahre Fauna aus flatternden, zwitschernden, blubbernden oder klappernden Stereoeffekten bei den früheren Lebensjahren Verzückung in den Hörgängen bereitet, ließ Smith die Blas- und Streichinstrumente der letzten beiden Stücke vom Berliner Ensemble s t a r g a z e einspielen, behielt sich aber die Option zur klanglichen Nachbearbeitung offen. Flöte, Cello und Fagott, die sich auf „EARS“ schon harmonisch einfügten, wirken in ihrem Klang noch näher an den Synthesizer-Texturen, die dafür selbst an Körnigkeit und Raue gewonnen haben.

Wie die Lungen eines der kosmischen Giganten, die durch ein kindlich weitäugiges Bild im Booklet des Albums ziehen, atmet Smiths Musik beim Finale „To Feel Your Best“. Im Abschied erhalten selbst die Worte „I‘m gonna miss your face“ keinen gänzlich niedergeschlagenen Beiklang – „The Kid“ will ganz wundervoll kommunizieren, dass das Leben ein lebenswertes ist.

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