Bell WitchMirror Reaper

„Mirror Reaper“, das dritte Album von Bell Witch aus Portland, ist ein Monolith von perfekter Erhabenheit. Bereits die Länge ist furchteinflößend: 83 Minuten, 15 Sekunden, ein einziger Song, der für die CD-Veröffentlichung in die Hälften „As Above“ und „So Below“ getrennt wurde und in dieser Weise auch noch hervorragend funktioniert, seine volle Wucht aber erst in der durchgehenden digitalen Version erreicht.

Die Band hat im Verlauf ihrer Karriere eine stetige Evolution hin zu immer weiter ausgedehnten Exkursen in die Verdammnis der menschlichen Seele vollzogen und ihre Entwicklung von Langsamkeit perfektioniert. Jede Note, jede Riff erhält den maximalen Raum, aber dennoch kommt es nie zum Stillstand – stetige Progression. Dass Bell Witch dabei immer als Duo agieren und zudem noch auf die Gitarre – das ikonografische Instrument des Metal – verzichten, macht ihr gesamtes Werk noch außergewöhnlicher. Gegründet wurde die Band 2010 von Dylan Desmond (Bass, Gesang) und Adrian Guerra (Schlagzeug, Gesang) und fand nach einem Demo schnell ihre musikalische Heimat beim kanadischen Label Profound Lore. Nach Beendigung einer kleinen Europatour und der Veröffentlichung von „Four Phantoms“, dem Vorgängeralbum von „Mirror Reaper“, kam es zu Spannungen zwischen den beiden, an deren Ende Guerra die Band verließ.

Desmond fand mit Jesse Shreibman, einem gemeinsamen Freund der beiden, Ersatz und begab sich mit ihm ins Studio, um an neuem Material zu arbeiten. Doch dann verstarb Adrian Guerra im Mai 2016 völlig unerwartet im Alter von 35 Jahren. Obwohl Guerra nicht mehr Teil der Band war, fühlte es sich für Desmond und Shreibman nach dieser Tragödie an, als sei nun auch Bell Witch zu Ende.

Nach längeren Überlegungen entschlossen sich die beiden schließlich zum Weitermachen. „Mirror Reaper“, dessen Aufnahmen schon recht weit fortgeschritten waren, erhielt durch diesen Verlust eine intensiv persönliche Note und entwickelte sich nicht nur zu einer weiteren abstrakten Auseinandersetzung mit dem Tod, sondern wurde zur Reflexion über den Verlust eines gemeinsamen Freundes. Dafür ging Desmond soweit, unbenutztes Gesangsmaterial von Guerra aus den „Four Phantoms“-Sessions in „Mirror Reaper“ zu integrieren und dem Freund so posthum noch einmal musikalisch Tribut zu zollen.

Für Bell Witch markiert „Mirror Reaper“ einen weiteren Schritt in der musikalischen Entwicklung, unter tragischen Umständen zwar und zutiefst traurig, aber in seiner Umsetzung von einer solchen Größe, dass es einem schlicht die Luft raubt. Und so seltsam sich das anhören mag: „Mirror Reaper“ ist ihr bisher zugänglichstes Werk geworden.

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