Destroyerken

Dass „ken“ laut Dan Bejar auf den alternativen Titel von Suedes „The Wild Ones“ zurückgeht und somit nicht von ungefähr das Popgefühl der 90er-Jahre britischer Prägung zitiert, sollte mittlerweile allenthalben zu lesen gewesen sein. Dass es darüber hinaus ein erstaunlich stringentes und süffiges Werk geworden ist, welches vor allem den beiden Vorgängeralben „Kaputt“ und „Poison Season“ in kaum etwas nachsteht, muss sich vor allem anhand der Halbwertszeit noch beweisen.

„Poison Season“ war 2015 ein Album des Jahres, wahrscheinlich gar ein Album des Jahrzehnts. Bejar bestätigte nicht nur seine mit „Kaputt“ begonnene Reise zu den Gestaden des eleganten Pop, vielmehr setzte er sich mit seinen ambienten und erhabenen Kompositionen ein Denkmal der besten Sorte. „ken“ ist anders und folgt dennoch einem gewissen roten Faden, der sich seit jeher durch die musikalische Sozialisation des umtriebigen Kanadiers zieht. Als mit „Sky’s Grey“ Mitte des Jahres die erzählerischen Sprachspiele Bejars im zunächst leise pulsierenden, dann mit weit ausholenden Bewegungen aufwarteten Ohrenöffner Erwartungen schürten, die fraglos noch die letzte Schaffensphase skizzierten, wies das daran anschließende „Tinseltown Swimming In Blood“ deutlich den Weg in den jangligen Indiepop.

Zwei Aufmerker, die „ken“ in seiner Klangvarianz durchaus hinreichend beschreiben, aber längst noch nicht alles das abbilden können, was sich Bejar dieses Mal ausgedacht hat. „Saw You At The Hospital“ verbindet melodieselige Orgeln und schlurfende Gitarren und suhlt sich ein wenig im Sophisti-Pop der späten 80er. Flächige, irgendwo im Synthiehimmel verschollen geglaubte Sounds treiben dabei ihr Spiel mit dem immer noch zwischen Sprechen und Singen oszillierenden Gesang Bejars, der sich gerne auch wie bei „A Light Travels Down The Catwalk“ wiederholenden Mantren ergibt. Interessant ist auf „ken“ die deutlich stärker hervortretende Rhythmisierung diverser Stücke: „Rome“ verschleppt tiefe Tomtoms und erinnert dabei frappierend an „Coastal Grooves“ von Blood Orange, „Tinseltown Swimming In Blood“ evoziert den stoisch-schleimigen Beat der New Romantics und spätestens „Sometimes In The World“ drängt auf die Tanzfläche und lässt die Gitarrensaiten sogar ein wenig ins Tremolieren geraten. Hat da jemand New Order, ungefähr zu Zeiten von „Regret“, gesagt?

Natürlich zitiert Bejar, schließlich versuchte er bislang auf jedem seiner Alben als Destroyer eine Art roten Faden, eine zusammengehörige Atmosphäre und im besten Fall sogar ein übergeordnetes Gefühl zu erschaffen. Mit „Poison Season“ war er durch Städte und deren glänzende Straßenschluchten gezogen, „ken“ drängt wiederum ins Innere und wagt sich gar an Intimes und Verletzliches wie bei „Ivory Coast“ heran. Doch über allem schwebt dieses Mal mehr Bewegung. Es scheint, als haben die „Forces From Above“ vom Vorgängerwerk noch einmal zum Rundumschlag ausgeholt und verwandeln nicht nur den Inszenierenden, sondern auch seine Zuhörer vom Beobachter zum Mittäter. Wie sonst lassen sich die hin- und mitreißenden Beats von „La Régle De Jeu“ erklären, denen die Aufforderung zum Tanz ins Gesicht und in den Takt geschrieben zu sein scheinen.

„ken“ ist weder eine konsequente Nachfolge gelungen, noch hängt es zu stark an den beiden herausragenden Vorgängerwerken. Vielmehr wirkt es so, als suche sich der Gefühlsmensch Bejar mittlerweile einfach ein Thema und ließe die Melodien zu sich kommen. Dass dabei dann ein Zuhöralbum entsteht, das zum Schwelgen und Swingen gleichermaßen einlädt, ist dann einzig und allein der Güteklasse A des Inzenierenden geschuldet.

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